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„Gomorrha“-Regisseur Garrone im Interview : Ich zeige nur, wie ein Leben in Angst funktioniert

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„Ich habe ein halbes Jahr im Krieg gelebt, ich habe die Soldaten kennengelernt, das hat mich verändert”: Matteo Garrone Bild: REUTERS

Sein Film „Gomorrha“ erzählt aus dem Innenleben der neapolitanischen Mafia. „Es ist schon wahr, mein Film hat überhaupt keinen Glamour“, sagt Matteo Garrone im Interview. Er sollte sich von den Mafiafilmen unterscheiden, die wir kennen.

          In seinem Film „Gomorrha“ erzählt Matteo Garrone aus dem Innenleben der neapolitanischen Mafia. Bewusst lehnt er allen Glamour ab, wie wir ihn aus Mafiafilmen kennen, und registriert kalt, was er sah.

          Herr Garrone, seit Roberto Saviano sein Buch „Gomorrha“ veröffentlicht hat, lebt er unter Polizeischutz. Sie haben das Buch verfilmt. Leben Sie auch gefährlich?

          Nein, gar nicht. Im Gegensatz zu Roberto Saviano habe ich auch nicht vorgehabt, mit meinem Film Anklage zu erheben. „Gomorrha“ ist auch keine journalistische Arbeit, die Namen und Adressen nennt. Mir ging es eher um die Konflikte, mit denen die Figuren leben, und darum, über die Menschen und die Camorra aus dem Inneren heraus zu erzählen. Wahrscheinlich habe ich deswegen keine Probleme gehabt. Außerdem glaube ich, dass die Probleme, die Saviano hat, eher mit seinen Stellungnahmen nach der Veröffentlichung des Buchs zu tun haben, in denen er sich gegen die lokal ansässigen Camorra-Bosse gestellt hat, als mit dem Buch selbst. Ich habe Saviano gesagt, als ich anfing, mit ihm am Drehbuch zu arbeiten, dass ich einen umgekehrten Weg im Film gehen will als er im Buch. Es sollte kein Anklage- oder Untersuchungsfilm werden - ein Film über, nicht gegen die Camorra, so dass jeder, der die Bilder dann sieht, sie auf seine Art verstehen und jeder auch seine eigenen Schlussfolgerungen ziehen kann.

          Aber das Leben, das wir sehen, ist ja extrem korrumpiert von der Camorra und auch von extremer Grausamkeit. Für jeden Einzelnen. Und wir bekommen doch sehr deutlich gezeigt, dass das System der Camorra weit über die Leben dieser Einzelnen hinausreicht und global wirksam ist. Oder gibt es aus diesem System ein Entkommen?

          Das ist vielleicht ein grundlegendes Missverständnis. Ich will nicht das Rationale hier, nicht das Argument oder die Information, sondern ich will das Emotionale, die Gefühlswelt der Figuren zeigen. Ich möchte Konflikte zeigen, wie ich sie dort wahrgenommen habe, die zum Teil auch sehr brutal sind, ohne Hoffnung. Und dabei meine eigenen Erfahrungen einbringen.

          Sie haben den Film an Originalschauplätzen gedreht. Was sind denn Ihre Erfahrungen mit der neapolitanischen Mafia?

          Wenn ich einen Film schreibe - in diesem Fall waren wir sechs -, gehe ich an den Ort, an dem die Geschichte spielt, recherchiere, überprüfe, was ich geschrieben habe, immer wieder neu. Und treffe dabei natürlich Leute, Menschen, die dort leben. Das Drehen des Films war dann ein ständiger Test: Kommt da eine Reaktion oder nicht von den Leuten dort? Hinter unseren Monitoren saß immer eine Gruppe von Anwohnern, manchmal dreißig, manchmal fünfzig. Die redeten über ihre eigenen Erfahrungen, gaben ihre Kommentare ab. Und weil wir so nah dran waren und die Wirklichkeit immer wieder in den Film geholt haben, entsteht der Eindruck des Dokumentarischen. Tatsächlich haben wir alles gestellt, alles aufgebaut.

          Es ist ja offensichtlich, dass Sie den Film ganz bewusst gegen alle Genre-Erwartungen an einen Mafiafilm gedreht haben. Gleichzeitig führen Sie zwei Jugendliche ein, die sich ihr Vokabular, ihre Gestik, ihre Vorstellungen aus Mafiafilmen geholt haben, eine gefährliche Sache, wie sich zeigt. Ist das ein erzählerisches Konzept - der Film im dokumentarischen Duktus gedreht, zwei zentrale Figuren, die sich nach Kinovorbildern modellieren -, oder haben Sie die beiden so angetroffen?

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