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Goldene Palme für „Titane“ : Ein Festival der Verlegenheit

Die Siegerin: Julia Ducournau mit ihren Schauspielerin Vincent Lindon und Agathe Rousselle bei der Preisverleihung in Cannes Bild: AFP

Mit Julia Ducournaus „Titane“ hatten nur wenige gerechnet. Der Genre-Mix aus Horror-, Familien- und Actionkino gewann die Goldene Palme in Cannes. Ob das gerechtfertigt ist, darüber lässt sich streiten.

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          Es war kein großes Jahr in Cannes. Das zeigt sich an den Entscheidungen der neunköpfigen Jury um den amerikanischen Regisseur Spike Lee. Die Jury hat in einem Wettbewerb ohne spektakuläre Höhepunkte nach einem Film gesucht, mit dem sie ein Zeichen setzen konnte, und sie hat ihn gefunden. Die Goldene Palme für Julia Ducournaus „Titane“ belohnt allerdings weniger ein Meisterwerk des Kinos als einen Film, der mit konventionellen Vorstellungen von erzählerischem Können wenig am Hut hat. In der Geschichte um einen Feuerwehrchef, der von dem Franzosen Vincent Lindon gespielt wird, und eine mörderische junge Frau mit einer Titanplatte im Kopf stimmt einiges nicht, etwa die Motivation der Figuren für ihr Handeln.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Dafür gibt es krasse und grellbunte Bilder zu sehen, reichlich Nacktheit und Gewalt, Sex mit einem Auto und einen Striptease auf einem Feuerwehrfahrzeug. Weil Ducournaus Genre-Mix aus Motiven des Horror-, Familien- und Actionkinos mit Klischees von Männlichkeit und Weiblichkeit spielt, die er erst visuell aufpumpt und dann platzen lässt, dürfte der Film bei künftigen Gender-Debatten als Illustration dienen. Sie wisse, dass „Titane“ nicht perfekt sei, sagte die französische Regisseurin bei der Preisverleihung, aber Perfektion sei steril. Darüber kann man streiten.

          Die Preise verraten die Gespaltenheit der Jury

          Die übrigen Preise offenbaren ebenso die Gespaltenheit der Jury wie ihre Verlegenheit, unter den vierundzwanzig Beiträgen des Festivalwettbewerbs die richtigen zu küren. Das gilt für den Großen Preis der Jury, der zwischen Asghar Farhadis iranischem Drama „Ghahreman“ (Ein Held) und Juho Kuosmanens finnischem Eisenbahn-Abenteuer „Hytti Nr. 6“ (Abteil Nr. 6) geteilt wurde, ebenso wie für den Jurypreis, den sich der thailändische Regisseur Apichatpong Weerasethakul („Memoria“) und sein israelischer Kollege Nadav Lapid („Aheds Knie“) teilen mussten. Der Drehbuchpreis für Rysuke Hamaguchi („Drive My Car“) und der Regiepreis für Leos Carax („Annette“) gehören zu jenen Auszeichnungen, die man als Trostpflaster für entgangene wichtigere Trophäen bezeichnen muss – eigentlich hätte es ebenso gut umgekehrt sein können. Die Ehrungen für die Norwegerin Renate Reinsve (beste Schauspielerin für „Verdens verste menneske“ von Joachim Trier) und den Amerikaner Caleb Landry Jones (bester Schauspieler in Justin Kurzels „Nitram“) sind dagegen hochverdient: Beide haben in Cannes geglänzt.

          Dass Léa Seydoux trotz dreier Hauptrollen in den Wettbewerbsfilmen keinen Preis bekam, hat dennoch überrascht. In Bruno Dumonts „France“ hatte sie am Donnerstag nämlich endlich jenen großen Auftritt, den man ihr lange gegönnt hatte. Als Fernseh-Starreporterin in einer Lebenskrise spielte sie die echten Stars des Nachrichtengewerbes elegant an die Wand. Schon vier Tage zuvor freilich war bekannt geworden, dass Seydoux nicht nach Cannes kommen würde, weil sie sich mit dem Coronavirus angesteckt hatte. So blieb ihr am letzten Abend die Enttäuschung erspart. Die Gäste, Zuschauer und Akkreditierten des Festivals aber wurden durch sie noch einmal daran erinnert, dass 2021 an der Croisette nichts mehr so war wie gewohnt. Möge es im nächsten Jahr anders sein.

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