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Goldene Palme in Cannes : Einer musste gewinnen, viele hatten es verdient

Regisseur Bong Joon-Ho und Schauspieler Song Kang-Ho mit der Goldenen Palme. Bild: AFP

Mit der Goldenen Palme für „Gisaengchung“ von Bong Joon-Ho geht ein starkes Festival zu Ende. Sein Beitrag war ein Höhepunkt in Cannes.

          Bong Joon-Hos Film „Gisaengchung“ (Parasite) hängte am Ende alle anderen ab. Das war nicht leicht in einem Festival mit einigen herausragenden und vielen sehr guten Beiträgen. Erst in den letzten Tagen flaute die Qualität etwas ab. Und da kam dieser koreanische Film, der noch einmal alle aus den Sesseln riss. Weil er politisches Kino in einer brillanten Genremischung bot, und das mit einem Figurenensemble, in dem es niemanden gab, der sofort sympathisch wäre. Die Verhältnisse machen die arme Familie, die hier Haus und Anwesen einer sehr reichen Familie infiltriert, schlau, skrupellos und berechnend. Eigenschaften, auf denen unter anderem der Reichtum der Reichen beruht.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Mit nur einem möglichen Preis pro Film verteilten sich die anderen Palmen gerecht auf den Rest der Favoriten und ließen die Filme aus, die nichts verdient hatten, darunter die beiden amerikanischen Beiträge von Quentin Tarantino und Terrence Malick. Nur die Regie-Palme für die Brüder Dardenne leuchtet nicht ein. Mit ihrem „Le jeune Ahmed“ brachten sie ihr fahrigstes Werk seit langem ins Festival, und sie haben hier schon so viel mit ihren besseren Filmen mit nach Hause genommen (unter anderem zwei Goldene Palmen), dass dieser Preis nicht nötig war.

          „Das Beste kommt noch“

          Nachdem Mati Diop den Großen Preis des Festivals für ihren ersten langen Spielfilm „Atlantique“ gewonnen hatte, den Preis, der als „zweiter Preis“ gilt, kam die Nachricht, die weltweiten Rechte (außer für Frankreich und einige andere europäische Länder sowie Russland und China) seien von Netflix gekauft worden. Das bedeutet, dass viele Menschen „Atlantique“ sehen werden, aber die Deutschen zum Beispiel nicht im Kino. Das ist gerade bei diesem Film, der so weit ausholt in seiner Erzählung und in seinen Bildern so viele Details unterbringt, besonders schade. Allein für die unterschiedliche Art und Weise, wie Mati Diop das Meer filmt, das die armen Länder von den reichen trennt, das Sehnsucht weckt und Todesgefahr birgt und an seinen Stränden für die jungen Menschen in Dakar Platz für Liebe und Party bietet, braucht es eigentlich die große Leinwand. Für die Geister der bei der Flucht von Senegal nach Europa Ertrunkenen braucht es sie auch.

          Als Antonio Banderas die Palme für seine Rolle in Pedro Almodóvars „Dolor y gloria“ entgegennahm, rief er aus: „Das Beste kommt noch“, und widmete den Preis seinem Regisseur. Das ist ein großes Versprechen. Dieser Film, der im Juli in die deutschen Kinos kommt, gehörte zu den eindringlichsten, auch überraschendsten des Festivals, und wenn ein Werk ähnlicher Intensität nachkäme, wäre das was.

          Welche Kämpfe die Jury ausgefochten hat, wird die Öffentlichkeit vermutlich nie oder erst in ein paar Jahren gerüchteweise erfahren. Gab es Stimmen für Céline Sciamma mit ihrem „Portrait de la jeune fille en feu“, die letztlich den Drehbuchpreis bekam, aber ebenfalls die Goldene Palme verdient hätte? Das Feld der besten Filme war in diesem Jahr so eng, dass jede Palmen-Verteilung unter Bong, Almodóvar, Diop und Sciamma und auch dem Regie-Duo Kleber Mendonça Filho und Juliano Dornelles für „Bacurau“ (das sich mit „Les Misérables“ von Ladj Ly den Jurypreis teilte) gerechtfertigt gewesen wäre.

          Jedenfalls kann, nachdem nun ein weiteres Jahr ohne Goldene Palme für eine Regisseurin vorbei ist (das 24. in Folge), niemand dem Festival vorwerfen, hier werde nach Geschlechtskriterien entschieden.

          Die Palmen von Cannes

          Goldene Palme „Parasite“ von Bong Joon-Ho

          Großer Preis „Atlantique (Atlantics)“ von Mati Diop

          Beste Regie Jean-Pierre und Luc Dardenne für „Le jeune Ahmed“

          Bestes Drehbuch Céline Sciamma für „Portrait of a lady on fire“

          Beste Hauptdarstellerin Emily Beecham für „Little Joe“ von Jessica Hausner

          Bester Hauptdarsteller Antonio Banderas für „Dolor y Gloria“ von Pedro Almodóvar

          Preis der Jury „Les Misérables“ von Ladj Ly und zu gleichen Teilen „Bacurau“ von Kleber Mendonça Filho und Juliano Dornelles

          Goldene Kamera für den besten Debütfilm „Nuestras Madres“ von César Díaz

          Bester Kurzfilm „The Distance Between Us and the Sky“ von Vasilis Kekatos

          Besondere Erwähnung „It must be heaven“ von Elia Suleiman

          Bester Film Un certain regard „The Invisible Life of Euridice Gusmao“ von Karim Ainouz

          Beste Regie Un certain regard Kantemir Balagov für „Beanpole“

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