https://www.faz.net/-gqz-7l9bh

Golden Globes : Nicht ohne meine Tochter

Jeder Schauspieler im Saal, sagte er dem anwesenden Regisseur von „The Wolf of Wall Street“, habe von ihm gelernt; er habe es geschafft, in seinen Filmen „die Textur unserer Gesellschaft“ sichtbar zu machen. Das war zugleich eine Antwort an die Kritiker, die Scorsese vorwerfen, sein Extrabreitwandporträt des Anlegerbetrügers Jordan Belfort verherrliche das maßlose Leben. (Und nebenbei korrigierte di Caprio auch die aus dem Überangebot an Dramen zu erklärende Abschiebung des Films ins Komödienfach, wo er sich mit Musicals zu messen hatte, von denen allerdings ohnehin keines nominiert war, es sei denn, man wollte den Musikerfilm „Inside Llewyn Davis“ von den Coen-Brüdern darunter fassen.)

Fernsehen als Refugium

Robin Wright, beste Hauptdarstellerin in einer Mini-Serie oder einem Fernsehfilm, zitierte die wohlmeinenden Worte, mit denen David Fincher, der Schöpfer der Washington-Serie „House of Cards“, ihr den Part der Gattin des Erzintriganten Francis Underwood nahegebracht hatte. „Du kannst sie erschaffen, indem du sie aus dem Marmor befreist.“ Sie sollte als ihr eigener Pygmalion agieren. Sehr gebildet! Das passt zur Freude der Kartenhausbauer an den klassizistischen Kulissen der Hauptstadt. Wir nehmen uns vor, in der zweiten Staffel, die Netflix im Februar zugänglich machen wird, genauer auf die Schauspielkunst von Robin Wright zu achten. Bestand sie in der ersten Staffel nicht gerade darin, Claire Underwood in den Marmor einzusperren? Robin Wright fällt es leicht, sich aufgeregt zu geben, denn sie ist außer Atem, als sie auf der Bühne ankommt. Den weiten Weg von den Tischen für die Fernsehschauspieler hat sie im Laufschritt zurückgelegt – eine hübsche Anspielung auf Claire, die in einer denkwürdigen Szene als Joggerin von einer anderen Frau zur Rede gestellt wird, weil sie nicht einmal auf dem Friedhof ihr Tempo zurücknimmt.

In der Topographie der altehrwürdigen Kritikergilde (etwa 85 Mitglieder; das Stimmrecht ist an einen Wohnsitz in Südkalifornien gebunden) bilden Filmgeschäft und Fernsehbranche noch eine Zweiklassengesellschaft. Kultserien wie „Breaking Bad“ (im Abschiedsjahr beste ernste Serie, außerdem Hauptdarstellerpreis für Bryan Cranston) haben pädagogisch wertvollen Filmen wie „12 Years a Slave“ (bester ernster Film) und „Mandela: Long Walk to Freedom“ (bester Song: Bono mit violetter Brille und Kollegen) noch nicht den Rang abgelaufen. Das Fernsehen erfüllt hier auch weiter seine Funktion eines Refugiums für Charakterdarstellerinnen, die den längsten Teil ihrer Filmkarriere hinter sich haben.
Die zweite Auszeichnung des Abends ging an Jacqueline Bisset, die in „Dancing On the Edge“, einer BBC-Serie aus dem Jazzzeitalter, eine reiche adlige Einsiedlerin verkörpert. Als ihr Name verlesen wurde und die Kamera sie im letzten Winkel des Saals entdeckt hatte, schlug sie erst einmal die Hand vors Gesicht. Zögernd stand sie auf, und wie benommen legte sie den unendlichen Weg zur Bühne zurück, wobei sie deutlich zu machen verstand, dass sie vielleicht schon vor Erreichen des Podiums in Tränen ausbrechen werde.

Als sie reden sollte, schwieg sie erst einmal, um dann den Namen Gottes auszurufen und zu lachen. Sie versprach den Zuschauern, sie werde sich zusammenreißen und eröffnete ihnen dann, dass die Hollywoodkorrespondenten der Weltpresse sie vor 47 Jahren zum vielversprechenden Talent ausgerufen hatten. Ihre Mutter gab ihr daraufhin den Rat: „Fahr zur Hölle, und komm nicht wieder zurück!“ Die 47 seitdem verstrichenen Jahre waren für sie kein Grund, in einem hochgeschlossenen Kleid zu erscheinen. „Meine Mutter war nicht vollkommen naiv.“ Ob Jennifer Lawrence diesen Auftritt studiert hat? Als sie am Ende des Abends noch einmal auf der Bühne stand, sah sie inmitten des Teams von „American Hustle“, der besten Filmkomödie, so fidel aus, als müsste sie das Fürchten erst noch lernen.

Die Gewinner der Golden Globes 2014 in den wichtigsten Kategorien

Bestes Filmdrama: - „12 Years a Slave“

Beste Komödie oder bestes Musical: - „American Hustle“

Beste Schauspielerin in einem Filmdrama: - Cate Blanchett („Blue Jasmine“)

Bester Schauspieler in einem Filmdrama: - Matthew McConaughey („Dallas Buyers Club“)

Beste Schauspielerin in einer Komödie oder einem Musical: - Amy Adams („American Hustle“)

Bester Schauspieler in einer Komödie oder einem Musical: - Leonardo DiCaprio („The Wolf of Wall Street“)

Bester Nebendarsteller: - Jared Leto („Dallas Buyers Club“)

Beste Nebendarstellerin: - Jennifer Lawrence („American Hustle“)

Beste Regie: - Alfonso Cuaron („Gravity“)

Bestes Drehbuch: - Spike Jonze („Her“)

Beste Filmmusik: - Alex Ebert („All is Lost“)

Bester nicht-englischsprachiger Film: - „La Grande Bellezza - Die große Schönheit“ (Italien)

Weitere Themen

Godzilla der Pointe

Scorsese auf Netflix : Godzilla der Pointe

Kennen Sie Fran Lebowitz? Aber Sie kennen New York! Der Regisseur Martin Scorsese setzt beiden in einer kleinen, feinen Serie ein Denkmal. Rhetorische Glanzpunkte inklusive. Und Streitpunkte auch.

Topmeldungen

Reaktion auf Vorsitzendenwahl : Wie Friedrich Merz seinen Trumpf verspielte

Der Wunsch, Minister zu werden, kostet Friedrich Merz Unterstützung im eigenen Lager. Führende CSU-Leute üben sich bei Kommentaren zum neuen CDU-Vorsitzenden derweil in Zurückhaltung – um sich die Gunst des eigenen Chefs zu sichern.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.