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„Gnade“ von Matthias Glasner : Die Vergebenden des Polarkreises

Je länger die Polarnacht dauert, desto frostiger wird das Abendessen: Birgit Minichmayr und Jürgen Vogel lassen die deutsche Schwermut auch im nördlichsten Norwegen nicht vor die Schlittenhunde gehen. Bild: dapd

Matthias Glasners Film „Gnade“ lässt eine Geschichte über Schuld und Versöhnung an der Landschaft des Nordens zerschellen. Doch das Wunder am Polarkreis wirkt erpresst.

          Als die Wahrheit herauskommt, als Maria erfährt, was sie getan hat, da sagt sie: „Ich bin nicht dieser Mensch.“ Und noch einmal und immer wieder: „Ich bin das nicht.“ Da ist der Film ganz nah an der mythischen Wucht, an der Unerbittlichkeit, die er zu suchen scheint, an dem viermaligen „Weh!“ des verzweifelten Ödipus, an den Giftmischerhänden der Medea. Und zugleich ganz weit davon entfernt.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Denn Maria hat ja weder ihren Mann noch ihren halbwüchsigen Sohn erschlagen. Der Mensch, den sie mit ihrem Auto getötet hat, liegt weit draußen am Rand der Landstraße, im Dunkeln, im Schnee.

          Ein Seelendrama am Polarkreis, in der langen Nacht, die dort von Ende November bis Ende Januar herrscht, eine Familiengeschichte, die am Abgrund balanciert, das klingt nach dem idealen Stoff für Matthias Glasner, den romantischen Expressionisten unter den deutschen Filmregisseuren.

          Das Polarlicht überstrahlt alles

          Aber anders als bei „Der freie Wille“ und „This is Love“ hat Glasner das Drehbuch diesmal nicht selbst geschrieben. Er hat ein Skript des dänischen Autors Kim Fupz Aakeson verfilmt und dabei die Story, die eigentlich in Kopenhagen spielte, in die Landschaft rings um die nordnorwegische Stadt Hammerfest verlegt. Daraus ergibt sich in „Gnade“ alles Weitere, im Guten wie im Schlechten. Die Eis-, Fels- und Meerwüsten, deren Pathos durch das Cinemascope-Format, in dem Glasner gedreht hat, noch zusätzlich betont wird, geben jeder Szene einen gewaltigen Horizont, selbst da, wo man sie nicht sieht.

          Die Schauspieler Jürgen Vogel und Birgit Minichmayr spielen die Hauptrollen im Kinofilm „Gnade“

          Aber sie begrenzen auch den Spielraum der Geschichte. Was innen in den Figuren brennt, wird durch die Kälte ringsum nicht schärfer konturiert, sondern gedämpft. Das Heulen des Sturms übertönt das Weinen der Menschen. Das Polarlicht strahlt heller als die erzählerische Lösung, die der Film am Ende erzwingt.

          Ein Paar in den letzten Zügen, das in Norwegen noch einmal neu anfangen will: Niels (Jürgen Vogel) arbeitet als Ingenieur in einer Erdgasverflüssigungsanlage, Maria (Birgit Minichmayr) als Krankenschwester in einem Sterbehospiz; Markus, der gemeinsame Sohn, zeichnet das kalte Idyll seiner Eltern mit der Kamera seines Smartphones auf, in Bildern, die er am Computer mit Thriller-Tönen unterlegt. Bald hat Niels wieder eine Geliebte, und Maria macht Überstunden im Hospiz.

          Eines Nachts, auf der Landstraße, spürt sie an der Kühlerhaube ihres Autos einen Schlag. Sie hält an, blickt sich um, horcht, dann fährt sie weiter. Später erfährt sie, dass sie ein sechzehnjähriges Mädchen angefahren hat, das nach dem Unfall verletzt im Schnee erfror. Das ist der Augenblick, in dem Maria erklärt, der Mensch, der das getan habe, das sei nicht sie.

          Die Anstrengung ist nicht glaubhaft

          Aber der Film heißt ja nicht „Schuld“, sondern „Gnade“. Er setzt die Strafe, die im Kino sonst auf Unfallflucht mit Todesfolge steht, aus. Dazu muss er das Unwahrscheinliche, die Versöhnung zwischen der Täterin und den Eltern des Opfers, plausibel machen, er muss den Faden der Tragödie, die er bis dahin ausgesponnen hat, wieder aufwickeln.

          Das misslingt Glasner, nicht etwa, weil Wunder am Polarkreis nicht möglich wären, sondern weil die Geschichte und die Räume, in denen sie spielt, nicht zusammenpassen. Die kleinstädtische Gemeinschaft, vor der Niels und Maria die Tat verschweigen, um nicht aus ihr ausgestoßen zu werden, erscheint vor der Kulisse der menschenleeren Landschaft wie ein Konstrukt, auch wenn Maria im Gemeindechor singt und Niels seine Schafe mit dem Heu füttert, das ihm der Vater des toten Mädchens verkauft. Man glaubt den beiden die Anstrengung nicht, mit der sie ihre Tat verdrängen, nur um weiter mitsingen und Schafe züchten zu können.

          Birgit Minichmayr und Jürgen Vogel, zwei der aufregendsten Schauspieler im aktuellen deutschen Kino, wirken in „Gnade“ unfrei und gehemmt, wie eingesperrt in die abrupten Entscheidungen, zu denen der Film ihre Figuren treibt. Das Mythische, nach dem Glasner greift, zerfällt ihm zwischen den Fingern, es löst sich in Schneekristalle auf. Dass Niels und Maria durch das Unglück, das sie über andere bringen, wieder zusammenkommen, mag man noch glauben, aber dass sie am Ende in der vom Eis befreiten und aufblühenden Landschaft sitzen und feiern, als wäre nichts gewesen, überspannt den Bogen dieser Geschichte.

          Schuld lässt sich nicht therapieren, das wusste schon Ödipus, der alte Auswanderer.

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