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Stéphane Brizés Film „Streik“ : Ihr Feind ist hart wie ein Flusskiesel

Verlierer der Globalisierung: Vincent Lindon in „Streik“ Bild: dpa

Dokufiction ist im Kino nicht selten ein Trick, um den Unterschied zwischen inszenierten und fiktiven Bildern zu verschleiern. Der Franzose Stéphane Brizé macht daraus in „Streik“ eine Kunst.

          Wenn dem Kino nichts mehr einfällt, wird es dokumentarisch. Es ist ja auch so viel leichter, die Bilder, die man nicht erfinden will, in der Wirklichkeit zu finden: ein Ehepaar im Clinch um seine Kinder, Umweltzerstörung im Regenwald, Armutsflüchtlinge auf dem Mittelmeer. Die Echtheit des Materials beglaubigt scheinbar jeden Verwendungszweck, sei es als Pamphlet, Fallstudie oder bildliche Meditation. Aber der Zauber des Authentischen ist zweischneidig. Was ihm an Welthaltigkeit eignet, fehlt ihm an Prägnanz. Der dokumentarische Blick haftet an der Oberfläche des Geschehens, er dringt nicht zu den Kräften durch, die es bewegen, den Gefühlen und Phantasien seiner Akteure.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Um diesen Mangel zu kompensieren, ist eine Mischform aus Erzählung und Dokument entstanden, die Dokufiction. In seinen schwächeren Momenten, wie in dem rumänischen Film „Touch me not“, der letztes Jahr den Hauptpreis der Berlinale gewann, bringt dieses Genre das Schlechteste aus beiden Welten zusammen, die Rohheit des Dokumentarischen und die Künstlichkeit der Fiktion. Doch es gibt auch Gegenbeispiele.

          Eine Geschichte ohne Helden

          Stéphane Brizés Film „Streik“ beginnt mit Fernsehbildern aus einer Fabrik im südfranzösischen Agen. Das Werk des Autozulieferers Perrin soll geschlossen werden; die Arbeiter, deren Jobs auf dem Spiel stehen, halten es besetzt. Der Fernsehbericht ist fiktiv, aber er sieht aus wie jeder andere Nachrichtenbeitrag seiner Art, und so prägt er unseren Blick auf die Bilder, die ihm folgen.

          Aus der Menge der Arbeiter rückt das Gesicht des Schauspielers Vincent Lindon in den Vordergrund. Lindon spielt Laurent Amédéo, den Vertreter der Gewerkschaft CGT, er ist der einzige Profi in einem Cast aus Amateuren. Aber man merkt es nicht. Wir wissen, dass Lindon ein Star des französischen Kinos ist, aber wir sehen es nicht, weil ihn der Film jedes Mal, wenn er allzu beherrschend ins Bild kommt, wieder loslässt. Mal wird der Ton ausgeblendet, wenn er zu einem Monolog am Telefon ansetzt, mal zieht sich die Kamera von ihm zurück, um in die Gesichter seiner Mitstreiter zu blicken. Dennoch verliert sie ihn nie aus den Augen. Lindon alias Laurent Amédéo ist das Zentrum der Geschichte, aber nicht ihr Held. So wie die Geschichte, die der Film erzählt, nicht nur die Geschichte eines Mannes oder einer Fabrik ist, sondern die Geschichte zahlloser Menschen, Fabriken und Arbeitskämpfe, die Geschichte einer Region und eines Landes im Europa des einundzwanzigsten Jahrhunderts.

          Es geht um Würde

          Stéphane Brizé, der Regisseur, hat zuletzt mit „Ein Leben“ einen Roman von Maupassant verfilmt. Davor erkundete er in drei Spielfilmen den Alltag der französischen Unterschichten: Ein Maurer verliebt sich in die Lehrerin seines Sohnes („Mademoiselle Chambon“), ein entlassener Häftling zieht zu seiner todkranken Mutter („Der letzte Frühling“), ein Maschinist verliert seine Anstellung und muss sich als Supermarktdetektiv durchschlagen („Der Wert des Menschen“). Die Maupassant-Adaption scheint aus dieser Werkliste herauszufallen, aber sie fügt sich sofort wieder ein, wenn man bedenkt, worum es in all diesen Geschichten eigentlich geht: Es geht um Würde. Um die Würde einer Frau, die um ihren Lebenstraum kämpft, die Würde eines Arbeitslosen, einer Sterbenden, eines hoffnungslos Liebenden. Keine von Brizés Figuren verlässt ihre Geschichte als Sieger, und doch hat jede am Ende das bewahrt, was am kostbarsten ist.

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