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Glaubenskraft und Boulevard : „Ehrwürdige Institutionen müssen sich unterstützen“

  • Aktualisiert am

„Wir sind Papst” - und die „Bild”-Zeitung ganz besonders Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Er versorgt das Land mit einer „Volksbibel“, fordert die sofortige Heiligsprechung des verstorbenen Papstes und verteidigt den neuen mit Eifer. „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann über den neuen Katholizismus seines Blattes.

          Im November vergangenen Jahres reist eine Delegation der "Bild"- Zeitung nach Rom. Chefredakteur Kai Diekmann überreicht Papst Johannes Paul II. im Rahmen einer Privataudienz eine Bibel - ein Exemplar der sogenannten "Volksbibel", die das Blatt zusammen mit dem Weltbild-Verlag eine Viertelmillion Mal verkaufen wird. Diekmann verspricht dem Oberhaupt der katholischen Kirche: "Mit über zwölf Millionen Lesern täglich ist uns auch die Verbreitung der christlichen Glaubensbotschaft ein ernstes Anliegen."

          Ungefähr seit diesem Tag versucht "Bild", sich als papsttreueste Zeitung der Welt zu positionieren. Sie feiert Worte und Werke Johannes Pauls II., sie hängt an seinen Lippen, sie berichtet in großer Detailtreue (wenn auch nicht immer zutreffend) über jede neue Wendung in seiner Krankengeschichte. Als andere davon ausgehen, daß der Papst vorübergehend nicht sprechen kann, befürchtet sie, er sei für immer stumm. Als er dann doch wieder ein paar Worte sagen kann, nennt sie es ein Wunder. Wer die Politik des Vatikans kritisiert, zum Beispiel das strikte Verbot, im Kampf gegen Aids auch Kondome benutzen zu dürfen, wird von "Bild" als durchgeknallt dargestellt und in der Rubrik "Verlierer des Tages" oder der Kolumne von Franz Josef Wagner abgewatscht.

          Auf Knien vor dem Papst

          Die "Bild"-Zeitung hat einen Mitarbeiter in Rom, der eine Biographie über den Papst verfaßt hat und den sie ihren "Vatikan-Korrespondenten" nennt. Wenn er schreibt, zeigt sie häufig ein Bild von ihm, in dem er vor dem Papst kniet. Als der Papst stirbt, tritt dieser Vatikan-Korrespondent in verschiedenen Fernsehsendungen auf und weint mehrfach. Auch noch Tage nach dem Tod des Papstes übermannen ihn seine Gefühle. Seine Zeitung führt unterdessen die "Wunder" auf, die Papst Johannes Paul II. angeblich bewirkt habe, und fordert quasi seine sofortige Heiligsprechung.

          „Wir missionieren nicht” - „Bild”-Chefredakteur Kai Diekmann

          Als Kardinal Ratzinger gewählt wird, titelt "Bild": "Wir sind Papst". Die Zeitung berichtet, daß Ratzingers Eltern Joseph und Maria "waren". Sie kritisiert, daß der neue Papst "in keinem Land der Welt so unerbittlich kritisiert" werde wie in Deutschland und daß britische Zeitungen übel gegen ihn "hetzten", die seine Jugend im Dritten Reich unangemessen groß in den Mittelpunkt rücken. Daß diese Blätter über die Mitgliedschaft Ratzingers in der Hitler-Jugend berichten, nennt "Bild" einerseits eine "Beleidigung", betont aber andererseits, niemand müsse sich dafür "schämen", Hitler-Junge gewesen zu sein. In ihrem Eifer verleugnet "Bild" sogar die Existenz eines KZ in der Nähe von Ratzingers Heimat Traunstein.

          Zwischen Gottvertrauen und Boulevard

          Der strenge Katholizismus wirkt sich auch auf die Berichterstattung jenseits des Vatikans aus. Massiv kämpft "Bild" gegen den Beschluß der Berliner SPD, konfessionsungebundenen Werteunterricht an den Schulen einzuführen, und veröffentlicht "Zehn ,Bild'-Gebote für alle Politiker", in denen es unter anderem heißt: "Du sollst deinen Amtseid auf Gott schwören" und: "Du sollst das Gottvertrauen, das Kinder haben, nicht aus ihren Seelen vertreiben." Sie kommentiert eine Demonstration von deutschen Moslems gegen Gewalt mit den Worten: "Schön, daß das auch andere, die in unserer freiheitlichen Gesellschaft mit uns leben, genau so sehen." Sie illustriert Überlegungen, einen islamischen Feiertag in Deutschland einzuführen, mit einer Fotomontage, in der Tausende Moslems vor dem Reichstag beten.

          Nicht verändert hat sich die Position von "Bild" in anderen Fragen. Gegner der "Bild"-Zeitung werden weiter mit heiligem Zorn und nicht selten falschen Anschuldigungen verfolgt, Unschuldige zu Tätern gemacht und Schwache zu Witzfiguren, und weder die sexsüchtigen halbnackten Frauen von Seite eins noch die Prostituiertenanzeigen hinten im Blatt traf bisher ein Bannstrahl.

          Über die neue Religiosität von "Bild" wollten wir mit Chefredakteur Kai Diekmann reden. Ein persönliches oder telefonisches Interview lehnte er "aus Zeitgründen" ab. Möglich war nur, ihm Fragen zu schicken, die er schriftlich beantwortete. Nachfragen konnten nicht gestellt werden.

          Die "Süddeutsche" nannte "Bild" am Freitag einen "Osservatore Tedesco". Fühlen Sie sich wohl oder unwohl mit dieser Beschreibung?

          Das ist ein Kompliment: Der "Osservatore Romano", die Zeitung des Vatikans, hat in seiner Heimat eine Reichweite von einhundert Prozent. So weit sind wir leider noch nicht.

          "Wir sind Papst", hat "Bild" am Mittwoch getitelt. Wer sind "wir"? Wir Deutschen? Wir deutschen Katholiken? Die "Bild"-Redaktion?

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