https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kino/gespraech-ueber-cloud-atlas-wer-die-welt-retten-will-muss-wiederkommen-11953426.html

Gespräch über „Cloud Atlas“ : Wer die Welt retten will, muss wiederkommen

  • Aktualisiert am
Irgendwo, irgendwann in ferner Zukunft: „Cloud Atlas“ spielt in sechs verschiedenen Epochen
          9 Min.

          Ihre erste Begegnung mit Tom Hanks soll unter einem Poster von Stanley Kubricks „2001: Odyssee im Weltraum“ stattgefunden haben, und Hanks erzählte, er habe gerade „Moby-Dick“ gelesen. War das der Bezugsrahmen Ihrer gemeinsamen Arbeit: ein großer Roman des neunzehnten Jahrhunderts, ein großer Film des zwanzigsten? Ging es um diese Riesenwelten, einen Totalitätsanspruch?

          Lana Wachowski: Als wir entschieden hatten, dass wir zusammenarbeiten wollten, war klar, dass wir dazu kein nettes Stückchen Leben brauchten, sondern etwas, das groß genug wäre, uns allen Platz zu geben und einander zu finden.

          Tom Tykwer: Etwas, das uns nährt und fordert.

          L. Wachowski: Wir wollten, dass unsere drei Gehirne stimuliert werden. Die Anekdote meint ja nicht, diese drei wollten jetzt „Moby-Dick“ oder das „2001“ der Gegenwart machen, sondern eher, dass diese Begegnung unter einem guten Stern stand. Denn diese beiden Werke stehen für eine Originalität, die sich von dem Rest dessen, was seinerzeit jeweils üblich war, deutlich abhob. Erst Jahre nach seinem Erscheinen hat man „Moby-Dick“ zu schätzen gewusst, und „2001“ fügte sich auch nicht ins Zeitbild. Sie stehen formal, aber auch ihrem Geist nach für etwas, das die sie umgebenden Sachen noch nicht kannten. Wir wollten ein Kunstwerk machen, das zu sehen sich so ungewöhnlich anfühlt wie Davids Buch bei der Lektüre. Das Erstaunlichste am Buch ist ja, dass es diese ungeheure Liebe zum Geschichtenerzählen und zur Literatur ausstrahlt, ohne je nostalgisch zu sein. David nahm das Bekannte und machte eine neue Form daraus. Kein Pastiche. Und uns interessierte: Kann man das auch im Kino machen? Cinematische Genres, Sprachen umarmen - mit unseren sechs Armen! - und sie neu erfinden.

          Das Buch erzählt sechs Geschichten in elf Abteilungen, die vom neunzehnten Jahrhundert bis in die ferne Zukunft reichen. Im Film ist man immer wieder, aber nur für ein paar Minuten, in einer der Geschichten, und sie sind gemischt wie ein Kartenspiel, das dann ausgeteilt wird - sehr flink, aber es fällt nicht auseinander. Und man denkt: Was ist die Rahmenhandlung wovon? Wie haben Sie das gemacht: eine Folge von Höhepunkten, aber drei Stunden lang? Und wie fühlt sich das für den Autor des Romans an?

          David Mitchell: Das Buch ist wie eine Matrjoschka-Puppe: Im Innern ist immer noch mal was. Der Film ist eher ein Mosaik, er arbeitet fragmentarischer. Doch es fügt sich zusammen. Wie es sich anfühlt? Wie jeder einzelne Unterschied zwischen Roman und Film: Da hat ein Akt der Übersetzung stattgefunden. Wenn man ein Buch in andere Sprachen übersetzt, darf man das nicht wörtlich machen. Wenn man aus einem Buch einen Film macht, muss man auf andere Weise werktreu sein als buchstäblich. Ein Mosaik braucht mehr Bindemittel - das sind die Zwischenräume, das, was nicht in den Szenen ist, aber sie verbindet. Jemand stellt 1850 eine Frage, und dann wird diese Frage Jahrhunderte danach beantwortet. Das ist nur ein filmischer Augenblick später.

          David Mitchell per Skype dabei: „Es wäre enttäuschend gewesen, wenn Andy, Lana und Tom bloß ein Hörbuch mit bewegten Bildern gemacht hätten.“
          David Mitchell per Skype dabei: „Es wäre enttäuschend gewesen, wenn Andy, Lana und Tom bloß ein Hörbuch mit bewegten Bildern gemacht hätten.“ : Bild: Gyarmaty, Jens

          Alle Verbindungen sind rein filmisch, hergestellt über die Bilder, über den Sound.

          Mitchell: Dieser Einfallsreichtum erzeugt einen zweiten Plot, einen Meta-Plot. Manchmal geschieht das mit Architektur, mit Musik. Einmal werden direkt zwei Zeitebenen ineinandergeblendet, und zwei Leute aus verschiedenen Jahrhunderten teilen sich beim Lesen und Suchen eines Textes einen Raum.

          L. Wachowski: Eisenstein hat die moderne Filmsprache erfunden und uns gelehrt, dass Gegenüberstellung, Szenen- und Bildkonfrontation die Essenz des Kinos sind. Gewöhnlich wird ein Schnitt nur als eine Art Satzbau-Werkzeug, ein Interpunktionshilfsmittel, verstanden. Wir drei suchen nach Subtext in den Schnitten, die Bedeutung suggerieren. Wir wollen Leute dazu einladen, sich etwas vorzustellen, das über das Nebeneinander hinausgeht.

          Tykwer: Davids grundlegende Aufbau-Idee ist die Palindrom-Struktur des Buches. In einer schockierenden Enthüllung hat er uns übrigens verraten, dass er volle zwanzig Minuten gebraucht hat, um sie zu entwickeln. Diese Struktur führt dazu, dass man als Leser eine eigene Lesart entwickelt, wie man zwischen den verschiedenen Handlungsebenen die Verbindungen aufbaut und aufrechterhält. Man liest das Buch ja nicht in ein paar Stunden runter. Es wird für eine Weile Bestandteil des Lebens, während der Film einen erst mal aus dem Leben rausholt und in dieses Kunstwerk eintaucht. Wir hatten interessanterweise im Rückblick das Gefühl, wenn wir uns an die Geschichte erinnern, vergessen wir die palindromische Struktur und ersetzen sie durchs Mischen.

          Andy Wachowski: Die Buchstruktur zwingt einen, sich ein Schnittverfahren auszudenken, weil man gehalten ist, sich zu überlegen, wie die Geschichten ineinandergreifen.

          Tykwer: Und der Film ist damit eine Art Verfilmung nicht des Buches, sondern der Nachwirkung des Buches im Kopf.

          Mitchell: Wow.

          Wenn die Jahrhunderte sich ineinanderschieben, ist die Identität bestimmter Figuren und Muster über Jahrhunderte nicht nur Reinkarnation. Reinkarnation ist ja eine lineare Angelegenheit, aber hier wird Zeit sozusagen aufgehoben.

          L. Wachowski: Es gibt noch einen Unterschied zwischen klassischen Reinkarnationsideen und dem, was in dieser Geschichte passiert: Die Figur mit dem Muttermal erlebt keine Aufwärtsentwicklung, keinen Fortschritt in dem Sinne, dass die Probleme, die einmal besiegt sind, nicht wiederkämen. Sie muss die Welt immer wieder retten. Der Mensch tut einem schon leid. Wie, ich muss das alles noch mal machen? Dadurch wird die Aussage aber eine andere: Es geht nicht so sehr um heroische Weltretterei als darum, etwas Wichtiges zu tun. Sich zur Welt zu verhalten. Wenn jemand mit Mut, Herz, Geistesgegenwart das erleben darf und den Kurs verändern kann, das ist ein Wert an sich.

          „Wir wollten, dass unsere drei Gehirne stimuliert werden“ - Ko-Drehbuchautor und Ko-Regisseur Andy Wachowski
          „Wir wollten, dass unsere drei Gehirne stimuliert werden“ - Ko-Drehbuchautor und Ko-Regisseur Andy Wachowski : Bild: Gyarmaty, Jens

          A. Wachowski: Das Muttermal, der Komet steht vielleicht wirklich für eine Wiedergeburt, aber nicht für die einer Person, sondern einer Idee. In Gestalt der Kunst. Diese Botschaften werden in einer Art, die Leute verwandelt, über die Jahrhunderte gesendet und empfangen.

          Der Film hat etwas, das dem Buch ganz fehlt: ein Schauspielensemble. Sie haben dieselben Leute in verschiedenen Rollen auftreten lassen. Das schafft eine suggestive Form von Kreuzverweis.

          Mitchell: Man kann im Roman kein Gesicht zeigen, man kann nur Gesichter beschreiben. Der Film weckt einen Aspekt des Buches, den nur das Kino so deutlich herausbringen kann. Es wäre enttäuschend, fast beleidigend gewesen, wenn Andy, Lana und Tom bloß ein Hörbuch mit bewegten Bildern gemacht hätten. Sie haben mein Lego-Buch auseinandergebaut und in einen Lego-Film umgerüstet.

          Und einen Motor eingebaut.

          Mitchell: Tom Hanks reingesetzt.

          Haben Sie in keinem Moment bedauert, dass auch etwas verlorengeht durch die Evidenz der Schauspielerei, der bekannten Gesichter?

          Mitchell: Mehrdeutigkeit und Subtilität bedeuten im Film etwas anderes als in der Literatur. Man kann das mit dem Begriff der Photonentorpedos diskutieren. Verschiedene Buchtypen haben verschiedene Photonentorpedos. In meinem Buch ist die stärkste Hightech-Waffe das Einbetten einer Geschichte in eine andere: Jemand liest in der einen Geschichte die Briefe oder das Tagebuch, welche die andere Geschichte ausmachen, oder etwas wird verfilmt, und eine spätere Figur sieht sich den Film an. Das sind ins Filmische übersetzbare Photonentorpedos, immerhin.

          Der Film hat seinen eigenen Photonentorpedo: dass man Figuren gegen das biologische oder soziale Geschlecht der Schauspielerin, gegen Rassenzuschreibungen besetzen und sogar dieselbe Schauspielerperson diese Grenzen kreuzen lassen kann, wenn sie mehrere Figuren spielt.

          L. Wachowski: Was wir versuchten, war ein transformatorischer, transgressiver, transzendenter Casting-Ansatz. Tom Hanks spielt in der zeitlich frühesten Handlung einen finsteren, bösen Menschen, und in der zeitlich spätesten ist er, nun ja, nicht unbedingt ein Held, aber doch jemand, auf dessen Seite man stehen kann. Als uns das dämmerte, wurden die Figuren noch einmal auf andere Art lebendig. Manchmal war es offensichtlich, etwa bei Jim Sturgess: Er spielt Adam Ewing, der am Ende seiner Geschichte gelernt hat, dass man gegen die Sklaverei kämpfen muss - das heißt, seine Geschichte endet an einem Punkt, an dem die von Hae-Joo Chang im Grunde anfängt, der dann wirklich einer Verschwörung gegen die Sklaverei angehört und eben auch von Jim Sturgess gespielt wird. Es ist, als ob die Fortsetzung mancher Geschichten früher gezeigt wird als ihr Ende. Wenn Leute über Geschlechtergrenzen hinweg besetzt werden und man es manchmal merkt, manchmal nicht, ist es weniger offensichtlich. Interessanterweise wird dann sofort die Glaubwürdigkeitsfrage gestellt: Ist es glaubwürdig, dass die asiatische Schauspielerin Doona Bae die Frau von Adam Ewing spielt oder eine Mexikanerin? Aber niemand stellt in Frage, ob es glaubwürdig ist, dass zum Beispiel Denzel Washington ein Flugzeug verkehrt herum zur Landung steuern kann. In unserem Film ging es darum, etwas ganz Altes, in Wirklichkeit sehr Traditionelles zu tun. Shakespeare hat so gearbeitet, aber heute liegt es außerhalb gewisser Normen.

          Und es hat eine inhaltliche Resonanz: dass man nicht ist, wer man sein soll. Selbstermächtigung - und das ist darin gespiegelt, dass man eben nicht einfach bei dem bleibt, was „Tom Hanks“ in der Konventionalsprache bedeutet.

          L. Wachowski: Die Macht, solche Fragen zu stellen, kommt wieder aus der Möglichkeit der filmischen Gegenüberstellung: Man kann eine Figur sagen lassen ,Unsere Leben gehören nicht nur uns’, aber es ist nicht nur ein philosophischer Satz, wenn er in einer Geschichte steht. Aber philosophische Erwägungen, Abschweifungen, die sollen für eine Fiktion schädlich sein. Gedanken, heißt es, gehören nicht ins Erzählen. Aber in Tausenden Jahren Literatur haben sich Menschen Gedanken gemacht - und wenn man einen Film dreht, soll das dann verkopft sein. Die Taliban des Anti-Intellektualismus im Netz und bei der Kritik drehen dann durch, fangen an zu schreien und rennen davon.

          Ko-Drehbuchautorin, Ko-Regisseurin Lana Wachowski: „Gedanken, heißt es, gehören nicht ins Erzählen. Aber in Tausenden Jahren Literatur haben sich Menschen Gedanken gemacht.“
          Ko-Drehbuchautorin, Ko-Regisseurin Lana Wachowski: „Gedanken, heißt es, gehören nicht ins Erzählen. Aber in Tausenden Jahren Literatur haben sich Menschen Gedanken gemacht.“ : Bild: Gyarmaty, Jens

          Vor allemim Populären soll kein Platz für Gedanken sein. Dabei handelt Science-Fiction, sicher ein Pop-Genre, von nichts anderem. Wie steht eigentlich „Cloud Atlas“ zu diesem Genre? Es gibt ja jede Menge visuelle und andere Bezugnahmen, Kontaktflächen.

          Mitchell: Die Zeit ist einfach reif dafür. Ich hatte ein Abendessen - es wäre jetzt unelegant, Namen zu nennen, sagen wir, es waren fünf recht bekannte und angesehene Schriftsteller, und sie alle sitzen an Büchern, die man zur Science-Fiction oder Fantasy schlagen könnte. In ein paar Jahren wird es die Ernte geben.

          L. Wachowski: Ausgezeichnet.

          A. Wachowski: Schreibt schneller!

          Mitchell: Die Generation vor meiner hat das Genre als eine Art Grenze gesehen: Hier ist die ernsthafte Literatur, da dieses Zeug, wo die kids und die nerds sind und die Leute, die das „Matrix“-Script rückwärts rezitieren können. Das ist vorbei. Wahrscheinlich liegt das auch an Filmen wie „Matrix“ - sie schämen sich nicht, zum Genre zu gehören, und enthalten zugleich philosophisches Dynamit. Schriftsteller meiner Generation verstehen, dass Genres Werkzeugkästen sind. Schließlich sind alle Teile von „Cloud Atlas“ Genretexte: der historische Roman, Briefroman, Herr-Knecht-Roman, Thriller, sexuelle Identitätserkundung, Pikareskes. Und Science-Fiction ist ja nicht ein Genre, sie ist aus vielen Genres gearbeitet: aus Zeitreisetexten, Alternativgeschichten, Weltraumkolonisierungen. Das Kino hat das den Leuten meiner Generation bewusster gemacht. Man könnte eine schöne Doktorarbeit schreiben, wie der Film die Kräfteverhältnisse zwischen literarischen Genres verändert.

          L. Wachowski: Davids Buch greift diese Hackordnungen zwischen Genres an, diesen Reduktionismus. Der hat viel mit Verwertungsinteressen zu tun. Als wir jung waren, war SF für uns so wichtig wegen des Zusammenpralls von sonst disparat gehaltenen Dingen: Heinlein oder Philip K. Dick, das sind philosophische Abhandlungen, aber erzählt in schnellen, mitreißenden Geschichten, die einen wochenlang zwingen, sich diese Fragen immer wieder vorzulegen. Das wollten wir fortsetzen.

          Tykwer: Die Zuneigung zwischen uns allen hier gründet stark in einer Abneigung gegen den trennenden, sortierenden Zugriff, den viele auf die Kunst haben, die uns etwas bedeutet. Ich habe allen dreien davon erzählt, wie in Deutschland E- und U-Kultur unterschieden wird. Man soll sich entscheiden, ob man die Leute unterhalten will oder ihre Gehirne füttern, als ob das zwei verschiedene Dinge wären.

          Bei E und U denkt man vor allem an Musik. Sie haben die Musik zu „Cloud Atlas“ komponiert, und sie spielt nicht nur in der Handlung eine zentrale Rolle. Wie ist sie gearbeitet? Gibt es wiederkehrende Motive für die verschiedenen Figuren, gar für die Schauspieler, die durch verschiedene Rollen reisen? Musik ist ja eines dieser Bindemittel, von denen Mitchell gesprochen hat.

          Tykwer: Der Bindemittelfunktion versuche ich im Umgang mit Filmmusik eigentlich eher zu widerstehen. Die Idee dahinter lautet für viele: Der Film ist fertig, schütten wir noch Musik drüber. Aber unsere Musik ist vor dem Drehen entstanden - und das hat damit zu tun, dass Musik für mich nicht die Soße über den Teilen ist, sondern selbst eines der grundlegenden Designelemente. Hier gab es zwei Gründe, besonders umsichtig vorzugehen: Erstens der offensichtliche - im Film wird Musik komponiert.

          Ko-Drehbuchautor, Ko-Regisseur und Film-Komponist: Tom Tykwer: „Ich saß also Monate da und habe Lana und Andy immer wieder eingeladen, hört mal, das könnte das ’Cloud Atlas Sextett’ sein!“
          Ko-Drehbuchautor, Ko-Regisseur und Film-Komponist: Tom Tykwer: „Ich saß also Monate da und habe Lana und Andy immer wieder eingeladen, hört mal, das könnte das ’Cloud Atlas Sextett’ sein!“ : Bild: Gyarmaty, Jens

          Der zweite, sie durfte nicht zu fragmentarisch sein, aber auch nicht einfach harmonisch. Johnny Klimek, Reinhold Heil und ich hatten achtzig Prozent der Musik fertig, als wir geschnitten haben. Diese Musik zu schreiben, war eine freudige Auseinandersetzung mit Filmmusik-Konventionen. Die Musik, die im Buch vorkommt, hat ja einen genauen musikhistorischen Ort - spätromantisch, aber mit modernistischen Ansprüchen -, und die Beziehung zwischen den beiden Komponisten im Buch wie im Film ist ein wenig jener zwischen Frederick Delius und seinem Gehilfen Eric Fenby nachmodelliert. Ich saß also Monate da, und habe Lana und Andy immer wieder eingeladen, hört mal, das könnte das „Cloud Atlas Sextett“ sein - diese seltsame, computerisierte Melodie. Das Wichtige ist: Wir haben beschlossen, dieses Musikstück zu einer Figur im Film zu machen. Es hat seine eigenen Wiedergeburten: bei der Literaturbetriebsfeier als Jazz, im Altersheim als Muzak.

          L. Wachowski: Die Schicksale der Musik sind Echos der Schicksale der Figuren: Manchmal wird ein Werk abgebrochen, wie eine Liebe zerbricht.

          Tykwer: Und es ist jedes Mal zeitbezogen. Die Siebziger-Jahre-Geschichte fängt mit einer Iron-Butterfly-Version an. Und als dann in der Zukunft ein Chor das Thema singt, als Begleitmusik zu einer Hinrichtung, wird ein anderes Echo aufgerufen: Hier wird ein Requiem daraus, und es war ja als Requiem, wenn auch anderer Art, einmal komponiert.

          L. Wachowski: Also ist die Musik nicht nur Figur, sondern auch Schauplatz wie etwa die Architektur: Das Haus, in dem der alte Komponist den jungen einsperren wollte, ist dasselbe, in dem der Schauspieler, der den alten Komponisten spielt, dann als Verleger eingesperrt wird.

          Tykwer: Multiple Kohärenz.

          Wie erzielt man die in Kollektivarbeit?

          L. Wachowski: „Arbeit“ ist wohl das falsche Wort. Wir haben ja kein Gehalt bekommen, wir haben eigenes Geld in diesen Film investiert. Es ist eine Liebesgeschichte zwischen uns, dem Buch, dem Autor. Jeder Tag lebte davon. Es ist schwierig für Leute, auf ein Kollektivprojekt nicht Konkurrenz und Differenzen zu projizieren. Alle wollen wissen: Wie löst ihr eure Konflikte?

          A. Wachowski: Das ist doch eine soziale Kunstform.

          Tykwer: Und Harmonie, das Ineinandergreifen, das Zusammenspiel sind genauso Lebenswirklichkeiten wie Konflikte. Außerdem zeigen diese Fragen leider auch, wie wenig normalerweise Autoren ernst genommen werden, wenn es um Filme geht - da arbeiten doch dauernd vier Leute am Skript. Weil wir von der Regie kommen, war das Soziale für uns Stimulanz, nicht Problem. Selbst wenn mal jemand unzufrieden war, nahmen die anderen das eher als Herausforderung: Wie können wir diese Person überzeugen? Wir haben jede einzelne Einstellung zusammen geschnitten. Mir fällt kein Beispiel aus der Filmgeschichte ein, wo das so war.

          Mitchell: Die Frage, die man mir immer stellt, heißt: Macht es Ihnen nichts aus, dass diese Leute ihre wunderschöne Tochter an ein Bordell verkauft haben? In Wirklichkeit war und ist es eine der schönsten beruflichen Beziehungen, die ich erlebt habe.

          „Der Wolkenatlas“ und „Cloud Atlas“: Ein Buch und seine Verfilmung

          Komplex, kompliziert, unwiderstehlich: das war „Der Wolkenatlas“ von David Mitchell, Bestseller und Booker-Prize-Anwärter des Jahres 2004. Das Buch ist achsensymmetrisch: Es erzählt sechs Geschichten, fünf jeweils zur Hälfte hintereinander, die sechste ist die Achse, dann kommen in umgekehrter Reihenfolge die jeweils zweiten Teile der ersten fünf. Im Kino muss man das anders arrangieren, damit der Zuschauer dabeibleibt. Wie die drei Regisseure das gemacht haben, wie sie die Geschichten fragmentiert und Verbindungen geschaffen haben, davon handelt dieses Gespräch über „Cloud Atlas“. Es ist ein Film, der offenbart, dass auch das Kino komplex, kompliziert, unwiderstehlich sein kann - wenn man mit Action, Suspense, Phantasie und Verstand Zeiten und Personen durcheinanderwirbelt und Männer Frauen, Weiße Schwarze und überhaupt jeden einen anderen spielen lässt. Selbst Tom Hanks. „Cloud Atlas“ startet nächste Woche in den Kinos.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Kanzler Scholz trat am Freitag als Zeuge vor dem Hamburger Untersuchungsausschuss zum „Cum-Ex“-Skandal.

          Scholz als Zeuge : „Okay, da war nichts“

          Der Bundeskanzler ist zurück in Hamburg. Dort sagte er als Zeuge im „Cum-Ex“-Ausschuss aus. Eigenes Fehlverhalten bestreitet er weiterhin.
          Rohre der Nord Stream 1 Gaspipeline in Lupmin

          Ab Ende August : Russland klemmt Nord Stream 1 für drei Tage ab

          Durch die Ostseepipeline Nord Stream 1 fließt seit Wochen ein Fünftel so viel Gas wie eigentlich könnte. Nun soll sie für drei Tage stillstehen – der Konzern begründet dies mit Wartungsarbeiten an einer Turbine.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.