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Gérard Depardieu wird 70 : Gnadengaben eines Ogers

Kinokoloss: Gérard Depardieu Bild: dpa

Wenn er im Film die Szene betritt, hat der Zuschauer noch immer das Gefühl, dass jederzeit alles passieren kann. Zum siebzigsten Geburtstag des französischen Schauspielers Gérard Depardieu.

          Er ist der Elefant in jedem Raum, den er betritt. Wenn er kommt, ändert sich die Stimmung auf der Szene, als hätte jemand die Lampen ausgetauscht: Die Kulissen schrumpfen, die Femme fatale ist nur noch halb so fatal; der jugendliche Held wirkt plötzlich blass. Jetzt strahlt nur noch einer, Depardieu, der Koloss des Kinos. Man nennt das Präsenz, aber im Grunde ist es mehr Zukunft als Gegenwart: das Gefühl, dass jederzeit alles passieren kann, nur weil dieser Mann vor der Kamera steht, Schreie und Flüstern, Liebe und Gewalt. Und dann, ansatzlos, hebt er mit einem Satz, einem Augenbrauenzucken die Spannung auf, und das Spiel geht weiter, als wäre nichts gewesen, nichts als seine ungeheure Anwesenheit.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          In jüngster Zeit hat sich Gérard Depardieu öfter zum Affen gemacht als den Affen gespielt. Er ist nach Belgien umgezogen, um der französischen Einkommensteuer zu entgehen. Er hat sich von Wladimir Putin die russische Staatsbürgerschaft verleihen lassen. Er hat auf einem Air-France-Flug in eine Flasche uriniert, weil er nicht auf die Toilette durfte. Er hat Fahrerflucht begangen und mehrfach wegen Trunkenheit seinen Führerschein eingebüßt. Der letzte Tiefschlag ist die Vergewaltigungsklage einer jungen Schauspielerin, die er prompt bestritt.

          Im vergangenen Frühjahr ist die Graphic Novel „Gérard – Fünf Jahre am Rockzipfel von Depardieu“ des französischen Comicautors Mathieu Sapin erschienen, der den Schauspieler von 2012 bis 2016 auf seinen Reisen begleiten durfte. Darin sieht man den Filmstar als entfesselten Fleischkloß durch seine Villa bei Paris stampfen und in einem Dorf im Kaukasus seine Fans begrüßen; mal sitzt er brütend auf einem Friedhof am Kaspischen Meer, dann wieder stopft und schüttet er alles in sich hinein, was er an Ess- und Trinkbarem findet; und wie immer, wenn es um Depardieu geht, bekommt man von all dem nie genug.

          Es ist derselbe Mann, der in der „Letzten Metro“ Catherine Deneuve auf der Straße anspricht und ihr Geliebter wird; der mit Fanny Ardant in „Die Frau nebenan“ die alltäglichste und ergreifendste Amour fou der Kinogeschichte erlebt; der in „Green Card“ Andie MacDowell bezirzt und in „Camille Claudel“ Isabelle Adjani in den Wahnsinn treibt; der in „1900“ Robert de Niro Paroli bietet und in „Cyrano de Bergerac“ Verse schmiedet, während er sich mit Vincent Pérez duelliert; der als Danton bei Andrzej Wajda seinen Kopf auf die Guillotine legt; der sich in „Die letzte Frau“ von Marco Ferreri mit einem elektrischen Steakmesser kastriert; der als Columbus für Ridley Scott Amerika entdeckt und als Obelix der Sphinx die Nase abgetreten hat. Es gibt keine Schattierung des Menschlichen, die er nicht gespielt hätte, nur zum Mucker und Miesmacher, zum passiv Duldenden hat er nie getaugt; noch der Schiffskoch, den er in „Life of Pi“ verkörpert, ist eine Paraderolle.

          „Ein richtiger Oger, ein Pantagruel, und gleichzeitig extrem sensibel“, so beschreibt Depardieu in Mathieu Sapins Buch seinen Lieblingsautor Alexandre Dumas, und damit charakterisiert er zugleich sich selbst. In zwei Autobiographien und zahllosen Interviews hat er seine elende Kindheit in der Provinzstadt Chateauroux geschildert, den ständig besoffenen Vater, die immerzu schwangere Mutter, die Boxstunden in der nahen amerikanischen Kaserne, die Diebstähle, die Schmuggeleien, die Prostitution, die Leichenfledderei. Das alles erklärt, warum er ein Dutzend Weingüter, zwei Luxusrestaurants und mehrere Bars und Geschäfte besitzt, und warum er mit dem Trinken nicht aufhören kann. Aber es sagt nichts über seine Schauspielerei. Denn um da hinzukommen, wo Gérard Depardieu im Kino steht, braucht man etwas, das man nicht lernen kann. Die Griechen nannten es Charisma, „Gnadengabe“. Es wird nicht erworben, es wird verliehen, wer weiß, von wem. Und wenn man Depardieu vor zwei Jahren in Claire Denis’ Film „Meine schöne innere Sonne“ gesehen hat, wo er einen Psychotherapeuten spielt, der Juliette Binoche wieder auf die Lebensspur bringt, weiß man, wie viel davon immer noch übrig ist. Am heutigen Donnerstag wird Gérard Depardieu siebzig Jahre alt.

          Gerard Depardieu als Cyrano De Bergerac

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