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Kinofilm „Als wir tanzten“ : Hier gibt es keine Sexualität

  • -Aktualisiert am

Bachi Valishvili in einer Szene aus Levan Akins „Als wir tanzten“ Bild: Salzgeber

In Cannes gefeiert, in der Heimat bekämpft: Der georgische Film „Als wir tanzten“ erzählt von den homosexuellen Volkstänzern Merab und Irakli, die sich ineinander verlieben.

          2 Min.

          Levan Akins Film braucht nur wenige Minuten, um auf den Punkt zu kommen. In der Akademie des nationalen Tanzensembles von Georgien sind Schülerinnen und Schüler beim Proben. Merab tanzt mit Mari den Adjaruli, einen Klassiker in ihrem Metier. Der Lehrer korrigiert zuerst den jungen Mann: Gerade „wie ein Nagel“ soll er sich halten, aufrecht „wie ein Denkmal“. Dann gibt es Instruktionen für seine Partnerin: Ihre Augen dürfen nicht „neckisch“ sein, sie muss sich bemühen, Reinheit auszustrahlen. Jungfräuliche Reinheit. Der Lehrer wird noch deutlicher: Im georgischen Tanz, erklärt er, gibt es keine Sexualität. „Er ist kein Lambada“, fügt er hinzu und öffnet damit eine kulturelle Differenz, die dem ganzen Land einen Platz in der Welt zuweist: fern von lateinischer Sinnlichkeit, nahe an einem Ideal, von dem niemand mehr sagen kann, woher es eigentlich stammt.

          Der schwedisch-georgische Regisseur stellt dieser Szene Ausschnitte aus historischen Aufnahmen voran, in denen man sehen kann, worauf Merab und Mari hinarbeiten: Tänze vor großem Publikum, in traditionellen Kostümen. Das ist die Aufgabe des Ensembles, das zudem gerade einen Platz frei hat, für den Merab der designierte Kandidat ist. Mitten in die Belehrungen hinein öffnet sich eine Tür, ein weiterer Tänzer betritt die Szene. Irakli trägt einen Ohrring, der sofort auffällt und den er ablegen muss. Seine Ausstrahlung ist groß, und sie wirkt vor allem auf Merab. Die Sexualität, die es im georgischen Tanz nicht geben darf, bekommt damit eine weitere Dimension, auch eine weitere Attraktion. Denn Merab und Irakli sind nun Konkurrenten, im Innersten aber sind sie, wie sie schnell herausfinden, ein Paar, ein Traumpaar sogar, allerdings nicht für die Verwalter des Erbes, um das sie sich auch bemühen.

          Bei der Premiere in Cannes wurde „Als wir tanzten“ 2019 sehr positiv aufgenommen. In Georgien selbst dagegen gab es heftige Proteste, Vorführungen benötigten Polizeischutz. Levan Akin war sich der Tatsache wohl bewusst, dass er mit seinem Film direkt an ein kulturelles Selbstverständnis rührt, dem dreißig Jahre nach dem Ende der Sowjetunion zunehmend die Voraussetzungen wegbrechen. Junge Georgier träumen von London, wie Mari, die in eine Schachtel Zigaretten aus dem Westen immer wieder die weniger bekömmlichen georgischen Rauchwaren füllt. Auch durch das Tanzen öffnet sich die weite Welt: Ein Auftritt an der Scala könnte die großen Schmerzen wert sein, die zu dieser Kunst gehören.

          Heute ist Georgien ein kleines Land im Schatten des übermächtigen Nachbarn Russland. „Die Grenzen rücken immer näher“, heißt es zwischendurch einmal. Damit ist eine politische Konstellation abgesteckt, und wer die Geschichte des georgischen Kinos ein wenig kennt, weiß um den stark kulturell aufgeladenen Patriotismus in dieser Nation, der gerade auch in der Epoche der Sowjetunion enorm wichtig war. Die Beziehung zwischen Merab und Irakli ist vor diesem Hintergrund anstößig, nicht nur deswegen, weil Homosexualität ein Tabu ist. „Als wir tanzten“ verbindet dieses klassische Thema individueller Identität geschickt mit dem größeren einer gemeinsamen nationalen Identität, für die der Tanz eine ästhetisch besonders aufgeladene Form ist.

          Es ist deshalb nur konsequent, dass Levan Akin die „Lösung“ seiner Problemkonstellation auf der Bühne sucht: Ein Georgien, in dem Menschen frei leben können, muss nicht zuletzt weiterhin tanzbar sein. Was Merab daraus macht, erscheint tatsächlich wie ein – künftiges – Denkmal.

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