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„Die Unglaublichen 2“ im Kino : Eine Superhelden-Liebeserklärung

Nicht im Hühnerstall. Nicht die Oma. Aber, so wahr die Frau Elastigirl heißt: Hauptsache, Motorrad! Szene aus „Die Unglaublichen 2“ Bild: Disney

Die Mutter kommt im zweiten Teil von Pixars Superhelden-Familien-Story ebenso wenig allein zurecht wie der Vater im ersten. „Die Unglaublichen 2“ ist noch anarchischer geraten. Schuld ist ein Kleinkind.

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          Was gibt es Wichtigeres als die Familie? Für die Menschen auf der ganzen Welt nichts, fürs weltweite Geschäft aber auch nichts. Walt Disney hat das immer gewusst, seine Filme waren die ersten, die sich dezidiert an alle Generationen richteten. Nicht nur das hat das in den achtziger Jahren gegründete Trickfilmstudio Pixar von ihm gelernt, aber dort perfektionierte man die Familienausrichtung noch weiter, und entsprechend groß waren die internationalen Erfolge mit Filmen wie „Toy Story“, „Die Monster AG“, „Findet Nemo“ oder „Die Unglaublichen“ (um nur besonders einträgliche Werke zu nennen; man könnte ein Dutzend weitere ergänzen). Deshalb war es nur konsequent, dass der Disney-Konzern den gelehrigen Konkurrenten 2006 kurzerhand kaufte, um den eigenen ästhetischen und kommerziellen Genpool, der durch Inzucht nach Walt Disneys Tod gelitten hatte, wiederaufzufrischen.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Seitdem wird jedoch systematisch auf Fortsetzungen früherer Pixar-Erfolge gesetzt – ein Rezept, das zwar zu unabhängigen Zeiten auch schon zur Anwendung gekommen, aber auf jenen Stoff beschränkt geblieben war, den man bei Pixar als die DNA des Unternehmens verstand: auf „Toy Story“, den ersten Langfilm des Studios. Zwei weitere Teile gibt es davon, einer erfolgreicher als der andere, aber die Flut an Fortsetzungen setzte erst mit dem neuen Eigentümer an: Monster AG und Nemo wurden unter Disneys Ägide fürs Kino reaktiviert, und über die Welt der sprechenden Autos von „Cars“ gibt es gar schon drei Filme. Und nun kommt der zweite Teil der „Unglaublichen“ heraus.

          In Amerika ist er schon zum zweiterfolgreichsten Trickfilm aller Zeiten geworden, und es spricht einiges dafür, dass er bald die Spitze erklimmen wird, denn nun läuft er auch in Deutschland an, wo schon der Vorgänger von 2004 besonders ertragreich war. Die Fortsetzung passt perfekt in die Zeit, denn „Die Unglaublichen“ sind eine Superhelden-Parodie, nein: Superhelden-Liebeserklärung, und Superhelden stehen anders als noch vor vierzehn Jahren mittlerweile auch an der Spitze der Realverfilmungen. Das Genre ist an den Kinokassen so dominant und vernebelt die Hirne der Hollywood-Produzenten derart, dass man sich fragen könnte, ob am subtilen Humor, den der Regisseur und Drehbuchautor Brad Bird seinen „Unglaublichen“ angedeihen ließ, überhaupt noch Bedarf besteht. Zumal Disney als noch relativ junger Eigentümer der mit Superhelden-Verfilmungen besonders erfolgreichen Marvel-Studios (eine andere Frischzellenkur) mittlerweile Platzhirsch auf diesem Feld ist.

          Die Kinder würden ihre Fähigkeiten gerne ausleben

          Was vor vierzehn Jahren mit dem ersten „Unglaublichen“-Film gelang, war die perfekte Familienunterhaltung. Nicht nur aus der Sicht des Publikums, sondern auch thematisch, denn anders als die meisten eher auf Freundschaft gegründeten Trickfilmhandlungen stellte Bird eine traditionelle Familie in den Mittelpunkt des Geschehens: die Parrs aus der fiktiven amerikanischen Metropole Municiberg, Vater Bob, Mutter Helen, die Tochter Violetta und die Söhne Flash und Jack-Jack, Letzterer noch ein Baby. Ihre Besonderheit besteht darin, dass alle über spezielle Fähigkeiten verfügen, weshalb die Eltern schon eine lange Superheldengeschichte unter dem Alias „Incredible“ hinter sich haben. Nur werden außergewöhnliche Menschen von gewöhnlichen nicht notwendig geschätzt, und deshalb sind die Parrs zu einem gutbürgerlich kaschierten Dasein verurteilt – ein fester Topos in Superheldenbiographien.

          Brad Bird rückte neben Mr. und Mrs. Incredible die der Öffentlichkeit noch nicht bekannten, aber eher noch höher begabten Kinder in den Fokus, deren Eltern sie vor der Missgunst der Öffentlichkeit schützen wollen, während die Sprösslinge ihre Fähigkeiten gerne ausleben würden, ohne Rücksicht auf Verluste oder auch Anstand. Der resultierende Generationskonflikt ist auch ein fester Topos: aus Familienkomödien wie -tragödien, und Bird spielt virtuos mit unseren entsprechenden Seherwartungen. Ben Parr alias Mr. Incredible war viel mehr als troubleshooter in familiären Dingen gefragt denn als Weltretter. Doch auch in dieser Rolle brillierte er, dank tätiger Mithilfe der Verwandtschaft.

          Noch viel actionreicher und anarchischer

          Daran hat sich in der Fortsetzung nichts geändert, die unmittelbar mit der letzten Szene des Vorgängerfilms einsetzt und einen damals nur noch kurz als neue Bedrohung eingeführten Superschurken namens Tunnelgräber von einer Schießbudenfigur zur Weltbedrohung befördert. Die Herausforderung wird von den Incredibles unter großem Materialeinsatz und -verschleiß gemeistert, was aber die gerade erst besänftigte öffentliche Meinung abermals gegen Superhelden aufbringt. Prompt sehen sich die Parrs neu geächtet, bekommen aber als Übergangsquartier eine Traumvilla zur Verfügung gestellt (in der sich manche durch die luxuriöse Ausstattung verschlimmerte Kalamität abspielt) und finden einen steinreichen Bewunderer namens Winston Deavor, der gemeinsam mit ihnen eine neue Superheldentruppe aufbauen möchte. Als moderner geschäftstüchtiger Mann sucht Deavor sich als Identifikationsfigur Mrs. Incredible aus, was deren Gatten auf die Rolle eines Hausmannes reduziert. Die Folgen psychologischer und praktischer Art kann man sich vorstellen.

          Nichts kommt unerwartet in „Die Unglaublichen 2“, aber allem sieht man gerne zu, weil Bird auch ästhetisch nahtlos an den Vorgängerfilm anknüpft und ein nostalgisch idealisiertes Zukunfts-Amerika inszeniert, das aus dem „Land of Tomorrow“ in Disneys Themenparks zu stammen scheint. Schon das Disney-Firmensignet vor Beginn des eigentlichen Films ist in einem Retrostil gezeichnet, der direkt von Eyvind Earle stammen könnte, dem legendären Produktionsdesigner des „Dornröschen“-Trickfilms von 1959, und eine später handlungstragende Magnetschwebebahn verdankt ihr Aussehen der gleichen Epoche – wie auch die Farbgebung des ganzen Films. Durch diesen Augenschmaus bewegen sich die Incredibles mit höchstem Körpereinsatz – alle fünf, denn die Mutter kommt im neuen Film ebenso wenig allein zurecht wie der Vater im ersten. Und da Jack-Jack nun besondere Talente erkennen lässt, aber als Säugling noch nicht Herr seiner selbst ist, gerät alles noch viel actionreicher und anarchischer.

          Pixar steht sich selbst im Wege

          Aber Effektsteigerung ist keine notwendige Qualitätssteigerung, und so fehlt es in der Fortsetzung an wirklich überraschenden Handlungswendungen. Bisweilen ist man gar enttäuscht über die Einfallslosigkeit des sonst so grandiosen Bird, dem Pixar auch das wunderbare Animationswerk „Ratatouille“ verdankte. So ist ein temporeicher nächtlicher Kampf zwischen Jack-Jack und einem impertinenten Waschbären nicht viel mehr als die Variation eines berühmten wiederkehrenden Motivs einer Trickfilmreihe des Konkurrenzstudios Blue Sky; man könnte auch von geistigem Diebstahl sprechen, so nahe ist der Waschbär gestisch am von Nussgier getriebenen Nagetier Scrat aus „Ice Age“.

          Brad Bird hat kürzlich erwähnt, dass ihm ein Jahr Produktionszeit für „Die Unglaublichen 2“ gefehlt habe, weil der Film vorgezogen worden ist, um in den Kinos eine Verspätung bei der Fertigstellung des vierten Teils von „Toy Story“ zu überbrücken. Pixar steht sich bei der Wahrung seines Qualitätsanspruchs also mittlerweile selbst im Wege, weil man im Studio an die Anteilseigner des Disney-Konzerns denken muss. Leider denkt man auch als Zuschauer im Kino manchmal daran. Kaum auszudenken, wenn es auch von solch einmaligen Pixar-Erlebnissen wie „Ratatouille“, „Wall·E“ oder „Oben“ Fortsetzungen geben sollte, die den Geist des Originals derart verraten. Die Incredibles selbst sind im Superheldenalltag auf Fixigkeit angewiesen, ihre Erfinder sollten es im Animationsalltag nicht sein. Auch Filmfiguren und Filmschaffende sollten sich als Familie begreifen. Gerne im Kampf gegen den Rest der Welt

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