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Filmkritik „Nuestro Tiempo“ : Ein Gedicht mit Donner

Natalia López in einer Szene aus „Nuestro Tiempo“ Bild: Grandfilm

Die Filme von Carlos Reygadas sind zugleich drastisch und wunderschön. Mit „Nuestro Tiempo“ aktualisiert er beim Erzählen von Liebe und Kunst das Westerngenre.

          Kein von Natur entfesseltes Gewitter könnte größer donnern als das Kesselpaukenkonzert in diesem Film, bei dem die Heldin im Publikum sitzt und sich ihre verborgensten Gefühle von der Musik aus dem Herzen ins Bewusstsein prügeln lässt. Umgekehrt aber könnte kein von Menschen erfundener ethischer Lehrsatz, kein von Menschen geschriebenes Gedicht so human sein wie das mal klärende, mal alles verwandelnde Naturlicht, in das derselbe Film selbst die grausamsten Konflikte zwischen Mensch und Tier, Mensch und Mensch oder Tier und Tier taucht.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Alle Beobachtungen hier sind Gedanken, und alle Gedanken hier kann man sehen. Die Filme des mexikanischen Regisseurs Carlos Reygadas, vom erdigen Debüt „Japón“ (2002) über die Seelenprüfung des Körpers „Battle in Heaven“ (2005) und die Körperprüfung der Seele „Stellet Licht“ (2007) bis hin zum glasklaren Mysterienspiel „Post Tenebras Lux“ (2012) sind immer Widerreden gegen den eigenen radikalen Kunstglauben, der vor lauter Hingabe an die Ästhetik wohl irgendwann angefangen hat, daran zu zweifeln, ob es etwas Wahres und Wertvolles außerhalb der Kunst überhaupt geben könnte. Das Naturschöne hält so ein Radikalismus vielleicht manchmal für ein Gerücht, aber Reygadas, der weiß, dass Ästhetik sowohl Schönes wie Schreckliches will und kann, antwortet auf solchen Weltzweifel mit Arbeit: Natürlich, sagt diese Arbeit, gibt es Schönes und Wahres in der Natur, zum Beispiel unsere Fähigkeit, Kunst zu machen und zu genießen. Denn wir Menschen, die das können, sind ja wohl von der Natur hervorgebracht, nicht von der Filmförderung.

          In „Nuestro Tiempo“ spielt Reygadas nun einen Lyriker, der zugleich Rinder züchtet. Der Mann ist allerdings nur eine Nebenfigur, ein Kontrastmittel: Seine Frau, in deren Rolle die begnadete Natalia López den Film schon mit dem ersten Auftritt in Besitz nimmt, ist sowohl empfindsamer als der Dichter wie kompetenter als der Rancher, mit dem sie verheiratet ist und der ihr nicht reicht, weil dessen Männerselbstbild zu klein und steril ist für ihr Frauenselbstbild. So fängt sie eine Affäre mit einem amerikanischen Cowboy an, der, gemessen an ihr, allerdings auch nicht viel taugt.

          Die Tiefen, Makel und Wunden der Figuren sind dem Regisseur Verpflichtung, das Modell „Familie“ als etwas, das einerseits aus Mühen, die an Kunst erinnern (Reden, Einfühlung, Streit, Traum), und andererseits aus Naturbestimmungen (Mutterschaft, Territorialwahnsinn, Gruppenterror) gebaut werden muss, zu untersuchen – so geduldig wie offen für Erschütterungen, die sich in unscheinbaren Kleinstveränderungen ankündigen. „Nuestro Tiempo“ ist Reygadas’ bislang bester Film; ein in Güte wie Schrecken unendlich bilderberedtes Naturwunder der Kunst.

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