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Über Despoten im Film : Kino muss nicht Krieg sein

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Zynische Wichtigtuer und verängstigte Duckmäuser

Was man als verängstigter, verzweifelter Regisseur durfte, war herumschreien, wüten, den Mond anheulen, saufen, vögeln, den starken Mann markieren, Mordabsichten äußern: Den bring ich um! Den mach ich fertig! Den falte ich zusammen! Angst verbreiten, Schuldzuweisungen verteilen, Hierarchie einfordern als probate Mittel, um sich als Regisseur zu schützen. Ein Filmteam schaut jeden Tag den Regisseur mindestens zwölf Stunden lang erwartungsvoll bis abschätzig an und wartet auf seine Entscheidungen. Alle wollen ständig wissen, was zu tun ist, und dann kommt auch noch ein Schauspieler oder noch schlimmer eine Schauspielerin, die quatschen eh so viel, und fragen, warum er/sie diesen Satz sagen sollen, wo doch in der Szene davor gerade das Gegenteil behauptet wurde, und wieso ihre Figur einer Postbotin plötzlich einen tiefen Ausschnitt tragen soll. Alle klauen einem nur Zeit. Wie ein böser Fluch verfolgt den Regisseur die Zeit. Davon haben alle anderen im Team viel, denn sie stehen ja immer nur rum, trinken Kaffee, fressen Leberwurstsemmeln oder vegane Wraps und warten – nur der Regisseur hat keine Zeit, denn ihm hält die Produktion die geladene Pistole in den Rücken. Jede Minute, in der er nicht weiß, was geschehen soll, ist verlorene Zeit und verlorenes Geld. Jede Minute steht die Verwirklichung seiner Vision auf dem Spiel, von der er zwar gerade nicht weiß, wie die noch mal war, aber ganz sicher sind alle um ihn herum Idioten, Versager, Saboteure, die ihm das Wertvollste, das er hat, klauen: die Zeit!

Regisseurin Doris Dörrie vergangenes Jahr in München

Da muss man sich wehren, da muss man brüllen und toben! Der Regisseur als Despot ist voller Angst. Je despotischer er sich gibt, desto würstchenhafter ist er. Aber das wagt niemand zu sagen, denn in der Hierarchie des Drehorts kann jeder von seinem Zorn verletzt werden. Der Druck ist groß. Es gibt nie genug Geld, nie genug Drehtage. Bei meinem ersten Film, einem Fernsehfilm, war ich sechsundzwanzig und stand einem Team von Männern kurz vor der Pensionierung gegenüber, die, die Arme untergeschlagen, mich mit einer Mischung aus Unwillen, Angst und Verachtung anstarrten, daran gewöhnt, dass jeder Regisseur immer nur Ärger bedeutet. Ich trug streng nach Vorschrift eine tonnenschwere schwarze Lederjacke und Sonnenbrille, hatte Angst und wenig Ahnung, aber hatte ja gelernt, das auf keinen Fall zuzugeben. Verzweifelt wurstelte ich mich durch und bekam vor Stress eine fiese Allergie am ganzen Körper, die erst bei Drehschluss verschwand. Ich lernte zwei Dinge: Wie sehr ich dieses Klima der Angst und die starre Hierarchie am Drehort hasste, die fast alle zu zynischen Wichtigtuern oder verängstigten Duckmäusern macht; und wie schwer es war, sie zu durchbrechen.

Das Filmemachen ist kein demokratischer Prozess

Als bei meinem zweiten Film wieder alle dastanden und mich mit untergeschlagenen Armen anstarrten, weil ich nicht zackig verlauten ließ, wie die Szene zu funktionieren hatte, und ich vor Angst und Schrecken bedeutungsvoll schwieg und so tat, als sei ich vielleicht doch eine Art Wolpertinger, ein weibliches Genie, hatte ich eine Eingebung. Ich fing an zu sprechen. Ich kommunizierte. Ich diskutierte. Ich gab meine Zweifel zu, erzählte von verschiedenen Möglichkeiten, die mir durch den Kopf gingen. Das veränderte alles. Ich begriff, dass ich die Rolle des Generals/Genies/Despoten gar nicht spielen musste, ich konnte sie für mich neu erfinden. Ich konnte Hierarchien aufweichen und sie sogar auf den Kopf stellen, konnte den Drehort zum kreativen Spielplatz deklarieren und nicht zum Kriegsschauplatz. Ein Klima des Vertrauens und der Angstfreiheit stellte meine Autorität als Regisseurin nicht in Gefahr, solange ich klar machen konnte, dass es mir darum ging, die Geschichte mit der Hilfe aller so gut wie möglich zu erzählen. Das war der Schlüssel, um meine Filme so zu drehen, wie ich wollte. Es führte zu sehr viel mehr Spiellaune, besseren Ideen, Freiheit – und auch Spaß.

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