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Ein Film aus und über Italien : Rom sehen und weiterleben

Gruppenbild über den Dächern von Rom: Szene aus Gabriele Muccinos Film Bild: Prokino Filmverleih

Gabriele Muccinos Film "Auf alles, was uns glücklich macht" will anhand von vier Freunden die jüngere Geschichte Italiens nachzeichnen. Dass er sich an dieser Aufgabe verhebt, macht ihn nicht weniger interessant.

          3 Min.

          Drei Freunde laufen durch Rom, Paolo, Riccardo und Gemma. Es ist Nacht, und sie feiern ihr Wiedersehen, denn Paolo und Gemma haben sich aus den Augen verloren, nachdem sie ihn verlassen hatte, und Riccardo lebt seit Langem, getrennt von Frau und Kind, ein Außenseiterdasein als Filmkritiker. Durch die Gassen der Altstadt gelangen sie an den Trevi-Brunnen. Der Platz vor den barocken Wasserspielen ist leer, und so kommt Riccardo auf die Idee, in das Becken zu steigen wie einst Anita Ekberg und Marcello Ma­stro­ian­ni. Gemma folgt ihm. Aber sie küssen sich nicht. Sie warten auf Paolo, der das Gruppenbild vervollständigen soll. Doch Paolo weigert sich. Sie seien frivol und respektlos, schimpft er, ehe er sich umdreht und geht. Riccardo läuft hinterher, und für einen Augenblick ist Gemma in ihrem roten Kleid im be­rühmtesten aller Brunnen ganz allein.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Gabriele Muccinos Film „Auf alles, was uns glücklich macht“ will vieles auf einmal sein, Liebes- und Freundschaftsgeschichte, Chronik einer Epoche, Gesellschaftsbild und Kino-Hommage. Dabei driften die Fä­den der verschiedenen Erzählungen immer wieder auseinander, aber in einzelnen Mo­men­ten laufen sie zusammen, und der vielsagendste ist die Trevi-Episode. Muccino zi­tiert hier nicht nur die legendäre Szene aus Fellinis „Dolce vita“, sondern auch ei­nen Film, in dem die Szene selbst als Zitat erscheint, Ettore Scolas „Wir waren so verliebt“ von 1974. Bei Scola sind Fellini und Mastroianni ge­ra­de beim Drehen des Kusses im Brunnen, als die Protagonisten der Geschichte bei ihnen auftauchen. Bei Muccino dagegen ist der Schauplatz leer. Die Brunnenszene findet nur noch im Kopf von Gemma, Paolo und Riccardo statt. Das könnte die Chance für einen Neuanfang sein. Aber dazu fehlt Muccinos Figuren die Kraft. Wie ihrem Regisseur.

          „Unsere Generation hat Mist gebaut“

          Ohne historische Klammer betrachtet ist „Auf alles, was uns glücklich macht“ die Geschichte von vier Jugendlichen aus der Provinz, die alle in Rom landen. Das alte Lied, aber mit neuen, bitteren Tönen. Paolo verliert als Kind seinen Vater, Gemma ih­re Mutter. Riccardo wird bei einer De­monstration von einer verirrten Kugel ge­troffen und überlebt knapp. Giulio, der Vier­te, leidet unter der Armut, in der er aufwächst. Der Witz des Films besteht da­rin, dass Muccino diese kleinen Tragödien konsequent in Wohlgefallen auflöst. Es ist, als traute er seinen Helden nicht zu, das Un­glück auszuhalten, das er ihnen zufügt. Nur Giulio, den Muccinos Lieblingsschauspieler Pierfrancesco Favino verkörpert, bleibt im Bann seiner Kindheit. Von Geltungssucht getrieben, spannt er Paolo dessen Jugendliebe Gemma aus und lässt sich als Rechtsberater bei einem korrupten Politiker der Berlusconi-Ära einspannen. Zu­letzt steckt er in seinem Reichtum fest wie in einer Zwangsjacke. Aber sein Lebensweg hat wenigstens eine gewisse zeitgeschichtliche Symbolik, während die Schicksale der drei anderen bloß zufällig wirken.

          Die Verbindung zum Zeitgeschehen, die bei Ettore Scola das Rückgrat der Erzählung war, versucht Muccino im Dekor herzustellen. Der Fall der Mauer, die Anschläge vom 11. September und der Eu­ro­pa­po­kal­sieg des AC Mailand laufen auf Bildschirmen, während Paolo Gemma wiedertrifft, ein Paar sich trennt oder die Freunde Versöhnung feiern. Eine wirkliche Chronik entsteht so nicht, die Story und die Ge­schich­te bleiben einander fremd. Das raubt der Selbstanklage der Figuren, die Muccino wie so vieles andere von Scola übernommen hat, ihre diagnostische Kraft. „Unsere Generation hat Mist gebaut“, hieß es vor fünfzig Jahren, und Muccinos Helden setzen das La­mento mit der Bemerkung fort, sie hätten sich „wie kleine Jungs“ („ragazzini“) benommen. Aber man sieht keine Generation, nur lauter Einzelne in ihren Verstrickungen. In „Auf alles, was uns glücklich macht“ kämpft je­der für sich, um einen Job, eine Liebe, ein Kind.

          Vielleicht besteht jedoch gerade darin die Zeit­dia­gno­se des Films. Jedenfalls gibt es keinen Grund, über diesen zweistündigen italienischen Bilderbogen die Nase zu rümpfen. Während das deutsche Kino bis zum Abwinken das Rad der Mütter-, Vä­ter-, Teenager- und Ehe­pro­blemfilme dreht, hat Muccino immerhin den Sprung aus dem Immergleichen auf weniger sicheres Terrain gewagt. Dass er dabei doch wieder im Immergleichen gelandet ist, liegt womöglich ebenso an den Verhältnissen, die er beschreibt, wie an ihm selbst. Was käme wohl heraus, wenn ein deutscher Re­gisseur von heute ein Remake eines Klassikers von Fassbinder oder Wenders drehen würde? Man möchte es sich lieber erst gar nicht vorstellen.

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