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Fußball mit Robert Gernhardt : Zittern hält an, Trinker hält durch

Sein liebster Schreibort: die Kneipe „Horizont” im Frankfurter Nordend Bild: F.A.Z.-Bergmann

Ein Juniabend in der Toskana. Deutsches Fernsehen, italienischer Rotwein, deutsch-holländischer Fußball. Tore, Wein und Worte, Stoff für ein Fußballgedicht des Großmeisters: Robert Gernhardt am Ball.

          4 Min.

          Am Ball Robert Gernhardt, deutscher Gedichtmeister. Von seinen abertausend Versen sind viele volkstümlich geworden, sie stehen in Schulbüchern, werden von Kindern auswendig gelernt ("Paulus schrieb an die Apatschen: Ihr sollt nicht nach der Predigt klatschen", "Dich will ich loben, Häßliches, du hast so was Verläßliches"). Gernhardt bewundert die Verdichtung, wie sie in der Sprache des Sport gelingt und in der Sprache der Sportmedien: in Schlagzeilen, in Radioreportagen.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Was wenige wissen: Gernhardt schreibt selber Sportreportagen. Reportagen in Gedichtform, live geschrieben während der Fernsehübertragung großer Fußballspiele. Über zwei Formel-1-Rennen hat er das auch schon getan: 1998 Nürburgring, 2001 Kanada ("Das Schumacher-Lied").

          Vom EM-Halbfinale 1992 Deutschland gegen Schweden notierte er ein Gedicht darüber, wie er das Spiel eben nicht sah, sondern die Leere und Stille der von Fernsehzuschauern verlassenen Welt genoß. Die meisten der großen, kollektiv aufwühlenden Partien bei Welt- oder Europameisterschaften hat er aber miterlebt, und wie vielen geht es ihm so, daß er immer noch weiß, wo und wie genau er sie erlebte: "Es sind Ereignisse, die das Gedächtnis strukturieren." Das vorletzte deutsche Spiel bei einer Europameisterschaft, das peinliche 0:3 gegen Portugal 2000, sah er mit Kollegen im Wissenschaftskolleg Berlin. Und schrieb die Zeilen:

          Ich hab' es noch erlebt

          Wir war'n einmal die Größten

          Sollen wir fortan

          Im Kick-Inferno rösten?

          Eine Abschiedsgedicht. Nun die Wiederbegegnung. Deutschland gegen Holland, dieses Duell hat Gernhardt schon im November 1998 dichterisch im Zehn-Minuten-Rhythmus protokolliert, nun tut er das wieder.

          1998 begann es so (zu Beginn die Minuteneinblendung vom Bildschirm):

          00:00

          Deutschland in Weiß

          Holland in Rot

          Rasen in Grün

          Weißwein im Blick

          10:00

          Holland besticht

          Möller versiebt

          Bierhoff verzieht

          Weißwein verlockt.

          Deutschland gegen Holland 2004 nimmt Ball und Metrum fünfeinhalb Jahre später wieder auf. Nur die Farbe des Weines hat sich verändert. Der Beginn, kurz nach den Hymnen am Dienstag abend um 20.45 Uhr mit Bleistift ins graue Notizheft geschrieben:

          00:00

          Holland singt laut

          Deutschland singt leis

          Rasen bleibt stumm

          Rotwein bleibt aus.

          Diesmal entwickelt sich die Sache zunächst besser als damals in Gelsenkirchen, als es rasch 0:1 stand.

          30:00

          Frings macht das Tor

          Deutschland macht Druck

          Holland macht Foul

          Rotwein macht Spaß.

          Natürlich ist bei Live-Gedichtreportagen über zehn mal vier Zeilen ein durchgezogener Reim kaum zu leisten, zumal bei Rotwein, wie Gernhardt schon 1981 erkannte:

          "Seht ihn an den Dichter

          Trinkt er, wird er schlichter

          Ach, schon fällt ihm gar kein Reim

          auf das Reimwort "Reim" mehr eim."

          Dafür müssen das Metrum, der Rhythmus, der Klang, die Wortübergänge stimmen, was bei Namen wie van Nistelrooy oder Schweinsteiger eine Kunst ist.

          "Schweinsteiger: ein Frechdachs, aber gut, daß der da ist." Nun dichtet auch Reporter Kerner, Dichter Gernhardt freut sich: guter Stoff. Zweite Halbzeit, der Druck auf Abwehr und Sprachbilder steigt. Noch mal Kerner, später im Spiel, Holland drängt, niemand wankt: "Das Spiel fühlt sich zu orange an für meinen Geschmack."

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