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„Freistatt“ im Kino : Groteske Kippfiguren der Geschichte

  • -Aktualisiert am

Bruder Wilde (Stephan Grossmann, l., mit Louis Hofmann als Wolfgang) prügelt die Jungen notfalls mit der Schaufel. Bild: dpa

Größtmögliche Wirkung mit allen Mitteln: Der Film „Freistatt“ von Marc Brummund zeigt einen Hort der Quälerei in einer Zeit, die von Emanzipation träumt.

          Christlicher Glaube und frische Luft, das ist der Kern der Pädagogik in einer Erziehungsanstalt der Diakonie, die ihren Namen allerdings zu Unrecht trägt. Denn die „Freistatt“ ist ein übles Institut, ein Hort der Quälerei, alles im Zeichen vorgeblicher Anstrengung, ungebärdige junge Männer auf den rechten Weg zu führen. Es ist das Jahr 1968, die Zeichen der neuen Zeit sind auch in Osnabrück unübersehbar, aber das Schicksal, das den vierzehn Jahre alten Wolfgang ereilt, mutet an wie eine Zeitreise. Seine Einweisung nach Freistatt ist ein Fall in eine verwunschene Welt, in der männliche Gewalt noch absolut und individuelle Haltung ein Störfall sind. Von heute aus ist dieses Element des Anachronistischen noch viel stärker, und Regisseur Marc Brummund tut sich in seinem Film „Freistatt“ auch stark daran gütlich.

          Denn aus der Gegenwart von 2015 besehen, ist 1968 inzwischen vergleichsweise näher an 1945 gerückt. Der blonde Wolfgang wird so geradezu zu einer Figur des historischen Übergangs, vom äußeren Typ her noch fast ein Pimpf, in dem man aber schon einen langhaarigen Hedonisten oder einen späten Hippie erkennen kann. Wenn man ihn nur eine eigene Entwicklung nehmen ließe. Doch seine Mutter hat einen neuen Partner, und der duldet keinen ödipalen Konkurrenten mit Flausen. Wolfgang muss ins Heim. Das Heim ist Freistatt. Es liegt in einer prächtigen, nördlichen Landschaft, die in den Untiefen der Sümpfe ihr wichtigstes Charakteristikum hat.

          Ohne Ketten, aber unter der Knute

          „Wir sind die Moorsoldaten“, singen die Jungen, die hier zusammengewürfelt werden. Tagsüber müssen sie Torf stechen, auch das eine unzeitgemäße, altertümliche Arbeit. Abends fällt, wenn einer etwas Verkehrtes getan hat, für alle das Essen aus. Den Vorsitz in dieser Anstalt hat ein Mann inne, der gut und gern aus Michael Hanekes Film „Das weiße Band“ stammen könnte: Hausvater Brockmann (Alexander Held) hält sich bevorzugt im Garten auf, er kann aber auch unangenehm werden. „Flinke Hände können wir hier gebrauchen“, mit diesem Satz empfängt er junge Schutzbefohlene. Da kann man schon allerlei heraushören.

          Kettensträflinge ohne Ketten: Die Jungs aus dem heim Freistatt in Marc Brummunds Film.

          Das tägliche Regime in dieser chain gang ohne Ketten, aber unter der Knute, führen Bruder Wilde (gespielt von Stephan Grossmann) und Bruder Krapp (Max Riemelt). Der eine ist hart, der andere weich. Wilde prügelt die Jungen notfalls mit der Schaufel, Krapp hingegen gewährt ihnen gelegentlich Auslauf in das morastige Wasser. An Wilde reibt sich schließlich das ganze Institut, während Krapp seinen Abschied nimmt und damit einen Jungen namens Mattis fast zusammenbrechen lässt – eine skandalöse Szene, weil sie am deutlichsten die verkniffene Sexualität hervorbrechen lässt, von der das Geschehen in „Freistatt“ geprägt ist.

          Das Thema, mit dem Marc Brummund sich in „Freistatt“ beschäftigt, auf Grundlage eines preisgekrönten Drehbuchs, das er mit Nicole Armbruster gemeinsam verfasst hat, ist in der deutschen Filmgeschichte mit einer ganz besonderen Arbeit verbunden: 1970 sollte „Bambule“ in der ARD ausgestrahlt werden, Ulrike Meinhofs Fernsehfilm über eine Revolte in einem Berliner Mädchenheim. Ein Film, der sich ausdrücklich als Beitrag zu einer Bewegung verstand, die letztendlich in den linksradikalen Terrorismus führte.

          Streben nach größtmöglicher Wirkung

          Davon könnte „Freistatt“ kaum weiter entfernt sein. Für Marc Brummund ist die politische Signatur der Zeit ohne Belang. Er interessiert sich für ein Drama der großen Gefühle und auch der großen Bilder. Die Kamerafrau Judith Kaufmann überträgt die niedersächsische Landschaft in opulente Panoramen. Vogelschwärme vor großem Horizont deuten an, was möglich wäre in einer anderen Wirklichkeit, in der die Menschen einander nicht das Leben so unerträglich schwermachen würden.

          Die Musik verstärkt noch das Pathos, wobei es auch zu unfreiwillig komischen Effekten kommt, wenn eine Züchtigung von melancholischen Violinen begleitet wird. Das Streben nach größtmöglicher Wirkung bestimmt „Freistatt“ auch auf dramaturgischer Ebene: Statt sich genauer auf die handelnden Figuren einzulassen und sie komplexer zu machen, lässt Brummund sie allmählich ins Groteske kippen. Vor allem der Bruder Wilde wird zunehmend zu einem sadistischen Popanz, zu einer bloßen Funktion der aufwühlenden Erzählarbeit von „Freistatt“. Und so appelliert Brummund mit starken Reizen auch noch an das letzte Quentchen Emotion, das manche Zuschauer vielleicht lieber für sich behalten hätten, und vergibt dabei die Chance auf einen guten, vielleicht sogar auf einen großen Film.

          Denn in „Freistatt“ geht es um einen neuralgischen Moment: Der autoritäre Charakter trifft auf die populäre Kultur, das evangelische Kirchenlied auf das amerikanische Spiritual. „Sometimes I feel like a motherless child“, mit dieser Klage beginnt in „Freistatt“ die Revolte. Es ist der Moment, den Bernd Eichinger mit seinem „Baader-Meinhof-Komplex“ verfehlt hat und um den bei Fassbinder, beim frühen Wenders, beim frühen Herzog fast alles kreist: wie sich aus der Gewalt der Verhältnisse eine Idee von Emanzipation, von Freiheit, von Individualität entwickeln kann. „Freistatt“ hingegen setzt um der stärkeren Effekte willen auf Ausweglosigkeit. Man möchte am Ende lieber nicht mehr wissen, was aus diesem Wolfgang später noch werden wird.

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