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Genialer Bluff: Die Jeanne d’Arc von Bruno Dumont ist und bleibt ein Kind, gespielt von Lise Leplat Prudhomme. Bild: Grandfilm

Filmkritik zu „Jeanne d’Arc“ : Wunder ohne Firlefanz

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Frau mit Schwert: Bruno Dumont hat einen Film über Frankreichs Nationalheilige „Jeanne d’Arc“ gedreht – an der sich die Grande Nation seit ihrem Tod abarbeitet. Dabei lässt er auf seine Weise Gnade walten.

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          In Paris steht unweit des Louvre auf der Place des Pyramides eine goldene Statue. Sie verkörpert die Heilige Johanna von Orléans, in der Landessprache heißt sie Jeanne d’Arc. Eine Figur aus dem 15. Jahrhundert, an der sich die Grande Nation seit ihrem patriotischen Märtyrertod abarbeitet: Wie passt dieser christliche Nationalismus, den das Mädchen aus Lothringen vertrat, in die Gegenwart? Heute ist es vor allem der Front National, der Jeanne für sich reklamiert. Dagegen steht eine lange Tradition. Für Filmemacher in Frankreich ist es geradezu obligat, dass sie einmal in ihrem Leben eine Version der Geschichte erzählen. Die markantesten stammen von dem strengen Robert Bresson und von dem Spektakelmeister Luc Besson, alle stehen dabei in Konkurrenz mit der Version von Carl Theodor Dreyer aus dem Jahr 1928. Schriftsteller wie Léon Bloy oder Michel Tournier habe ihre Jeanne gesucht, in Deutschland gibt es die klassische Bearbeitung von Schiller und drei moderne von Brecht.

          Nun hat sich Bruno Dumont dieser neben Jesus und Napoleon populärsten Figur der Filmgeschichte angenommen. Seine Heimat ist der französische Norden, keine Gegend, mit der man groß renommieren könnte. Seit dem Thriller „L’humanité“ (1999) zählt er zu den bedeutenden Namen im französischen Kino. Er hat einen ausgeprägten Sinn für das Groteske, wie er zuletzt mit der großartigen Fernsehserie „Kindkind“ („P‘tit Quinquin“) zeigte. Was kann jemand, von dem man eher eine künstlerische Antwort auf den kommerziellen Erfolg der Sch‘tis erwarten würde, mit der kleinen Jeanne anfangen?

          Eine Heiligenvita

          Dumont nimmt einen Umweg über eine entlegene Lektüre. Seine Vorlage stammt von Charles Péguy, einem der wichtigsten französischen Intellektuellen aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Péguy wird heute auch eher von der französischen Rechten vereinnahmt, ist aber zugleich so etwas wie ein Geheimtipp unter den Cineasten. Jean-Luc Godard zählt zu seinen prominentesten Lesern, aber selbst bei ihm muss man starke Zweifel anmelden, ob er sich „Das Mysterium der Erbarmung“ angetan hat, von dem Bruno Dumont nun für seinen Film „Jeannette“ ausgeht. Ein Drama im mittelalterlichen Stil, in dem Jeanne vor allem mit einer Ordensschwester lange Gespräche über die Heilsgeschichte führt.

          Péguy hat sich sein Leben lang mit Jeanne auseinandergesetzt, zwei große Lesedramen sind in diesem Zusammenhang entstanden. Dumont wollte zuerst nur die Kindheitsgeschichte verfilmen, inzwischen hat er aber auch noch das dreiteilige „Jeanne d‘Arc“ von Péguy für das Kino adaptiert – eine Heiligenvita, die von dem Dorf Domrémy über die „batailles“ der Feldherrin Jeanne bis nach Rouen führt, wo ihr schließlich der Prozess gemacht wurde, und wo sie 1431 hingerichtet wurde, als wäre sie eine Hexe gewesen.

          Dumont ist nicht gläubig. Ihn interessiert an der Sache nicht das religiöse Drama, sondern ihm ist offensichtlich daran gelegen, einen nationalen Mythos gehörig gegen den Strich zu bürsten. Man könnte auch sagen: Er will den Mythos in einen Zustand der Unschuld zurückversetzen. Jeannette ist bei ihm ein Backfisch im Jahr 1425, ein Mädchen im groben Kleid, das mit den Schafen in der Landschaft herumstreift, barfuß und immer ein Lied auf den Lippen. Sie singt vom Krieg, die Engländer sind im Land, Frankreich steht de facto unter Besatzung, nicht wenige Fraktionen kollaborieren. Ein guter Herrscher ist nicht in Sicht. Jeanne hat aber grundlegendere Probleme. Sie hat das Gefühl, dass vom Opfertod Jesu, der immerhin schon 1400 Jahre zurückliegt, kein Heil übriggeblieben ist: „nichts niemals“, jamais rien.

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