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Der französische Regisseur Jean-Jacques Beineix Bild: dpa

Jean-Jacques Beineix gestorben : Hollywood in einer Glaskugel

Der französische Regisseur Jean-Jacques Beineix hinterlässt ein schmales filmisches Werk. Zwei seiner Filme aber werden bleiben.

          2 Min.

          Anfang der achtziger Jahre stand das europäische Kino auf der Kippe. Auf einmal war weniger wichtig, was die Filme erzählten, als wie sie es erzählten: die Form, das Genre, der Stil. In Frankreich, wo man im Kino von jeher mehr Wert auf Formfragen gelegt hatte als anderswo, kam dieser Stimmungswandel zuerst zum Tragen. Es war die Stunde der Regisseure, die aus dem Filmischen mehr herausholen wollten als die Bebilderung einer Geschichte, die mit der Kamera zaubern und verzaubern wollten. Es war die Stunde des Jean-Jacques Beineix.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Wenn man heute an seine Filme zurückdenkt, wundert man sich, dass er keine Werbe- oder Videoclips gedreht hat, so nah sind viele ihrer Szene an der Bildsprache der damaligen Konsumästhetik. Aber Beineix kam nicht aus der Werbung, er hatte ganz klassisch bei den alten Meistern des französischen Films angefangen, bei Jean Becker, dem er als Regieassistent bei einer Fernsehserie half, und danach bei Claude Berri und Claude Zidi. Als 1981 sein erster Spielfilm „Diva“ herauskam, war Beineix ein unbeschriebenes Blatt. Aber in diesem Debüt steckte schon alles, was die besondere Qualität des Kinos von Jean-Jacques Beineix ausmachte: die Poesie, die Übertreibung, der Überschwang, die Schönheit am Rande des Kitsches. Die Geschichte des Postboten, der in eine Gangster-Intrige hineingezogen wird, als er seine Tonaufnahme von einer Operndiva nach Hause bringen will, wurde zum Welterfolg, weil der Film nicht nur einen neuen Look, sondern auch eine neue Grundstimmung hatte: Melancholie und Cleverness, Naivität und Romantik, die Stimmung eines Jahrzehnts, das die großen geschichtlichen Entwicklungen scheinbar hinter sich hatte. Acht Jahre später wusste man es besser.

          Ein Film, in dem Südfrankreich wie Kalifornien aussah: „Betty Blue“ von 1985.
          Ein Film, in dem Südfrankreich wie Kalifornien aussah: „Betty Blue“ von 1985. : Bild: picture-alliance

          Noch einmal hat Beineix auf diese Weise die Zeitstimmung getroffen, 1985 mit „Betty Blue“, einem Film, in dem Südfrankreich wie Kalifornien aussah, das Mittelmeer wie der Pazifik und die Liebesgeschichte zweier Außenseiter wie ein nach Europa verlegtes Drama von Nicholas Ray oder Elia Kazan. Wie man mit Farben, Kamerabewegungen und Kulissen Atmosphäre erzeugte, das konnte man bei Beineix lernen wie bei keinem anderen französischen Regisseur seiner Generation, auch bei Luc Besson nicht, der mit weniger ästhetischem Einsatz die größeren Kassenerfolge erzielte, oder Leos Carax, den die Kritiker für seine Nouvelle-Vague-Zitate liebten. Beineix dagegen wollte Hollywood nach Frankreich holen, aber ein Hollywood, das es so nie gegeben hatte, eine Welt wie aus einer Schneekugel, in der die Liebe und das Verbrechen eigenen Gesetzen folgten. Deshalb wirken die meisten seiner Filme seltsam umgebungslos, abgeschnitten von der alltäglichen Realität – etwa die Hafenarbeiter-Liebesgeschichte „Der Mond in der Gosse“ mit Nastassja Kinski und Gérard Depardieu oder das Zirkusmärchen „Roselyne und die Löwen“, die beide noch in den Achtzigerjahren entstanden, oder der Psychothriller „Mortel transfert“, mit dem Beineix im Jahr 2001 nach längerer Pause eine Art Comeback versuchte. Alle drei Filme scheiterten an der Kasse, und weil Beineix sich für „Mortel transfert“ hoch verschuldet hatte, war das kommerzielle Fiasko auch ein persönliches. In den letzten zwanzig Jahren hat er keinen Film mehr gedreht, statt dessen schrieb er, erst sechzigjährig, seine Memoiren.

          Ein Film, dessen Produktion von Tragik überschattet war, spielte darin eine besondere Rolle. Im November 1991, kurz vor dem Ende der Dreharbeiten zu „IP 5 – die Insel der Dickhäuter“, erlag Beineix‘ Hauptdarsteller Yves Montand einem Herzinfarkt. Der Film sollte von zwei Jugendlichen erzählen, die mit einem alten Abenteurer durch Frankreich ziehen, und weil die Figur von Montand ebenfalls an einem Herzinfarkt sterben sollte, wirkte Montands Tod wie ein böser Witz des Schicksals. Ein Double sprang für ihn ein, aber die Geschichte war nicht mehr dieselbe, der Film blieb Fragment. Der Kinoerzähler Beineix hat sich von diesem Schlag nicht mehr erholt. Jetzt ist Jean-Jacques Beineix selbst mit fünfundsiebzig Jahren in Paris gestorben. Sein filmisches Gesamtwerk ist schmal. Aber der Zauber, den er mit „Diva“ und „Betty Blue“ auf die Leinwand gebracht hat, wird bleiben.

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