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Agnès Varda zum Neunzigsten : Bilder, an die wir uns erinnern

Die französische Regisseurin Agnès Varda bringt ihren Zuschauern das Sehen bei, auch in ihrem neuen Film „Augenblicke – Gesichter einer Reise“. Heute wird sie neunzig Jahre alt.

          5 Min.

          Eine alte Frau und ein junger Mann mit Hut und Sonnenbrille klingeln bei Godard. Er öffnet nicht. Sie versuchen es wieder. Er ruft, sie sollen verschwinden. Sie bleiben hartnäckig. Er auch. Die alte Frau schaut enttäuscht. Mit dem jungen Mann setzt sie sich an den See und sagt eine Weile nichts.

          Verena Lueken
          Freie Autorin im Feuilleton.

          Die alte Frau ist Agnès Varda, der junge Mann der Street Artist JR, und dass Godard nicht einmal ihnen öffnet, nicht einmal der Frau, deren Debütfilm von 1955 André Bazin, der Gründer der „Cahiers du Cinéma“, einst als Geburtsstunde jenes freien und reinen Kinos bezeichnet hat, für das später der Begriff der Nouvelle Vague erfunden wurde – das ist kein Witz für die Kamera, sondern ein Beweis für die Schrulligkeit Godards, der zwar weiterhin Filme dreht, aber mit niemandem mehr etwas zu tun haben will. Vielleicht weiß er aber auch, dass Agnès Varda ihm einmal vorgeworfen hat, für „À bout de souffle“ einen Mann auf der Leinwand getötet zu haben, einzig zu Unterhaltungszwecken, und anfügte: „So was hätte ich nie getan.“

          Die alte Frau und der junge Mann

          Die Szene mit Godard wurde jedenfalls Teil des Films der alten Frau und des jungen Mannes. „Augenblicke – Gesichter einer Reise“ heißt er, „Visages/Villages“ poetischer im Original. Im vergangenen Jahr feierte er in Cannes außer Konkurrenz Premiere und kommt nun auch in Deutschland in die Kinos. Es ist ein Film, der von einer wachsenden Freundschaft erzählt und von Frankreich, und dort vom Land, nicht von den Städten. Er zeigt, wie Kunst nicht nur die Landschaft, sondern die Menschen verändert. Wie alle Filme im Werk von Agnès Varda zeigt er uns vor allem Menschen.

          Agnès Varda und JR sind in einem umgebauten Kleintransporter unterwegs, in dem JR seit langem schon durch die Lande reist und der aussieht wie eine rollende Kleinbildkamera. Tatsächlich ist das Fahrzeug zu einer Fotokabine umgebaut, aus der heraus nicht nur fotografiert werden kann, sondern die direkt im Anschluss an die Aufnahme überdimensionierte Ausdrucke herstellt, die von dem Künstler an Häuserfassaden, Mauern, Containerstapel oder Gerüste angebracht werden. Riesige Foto-Murals stehen dann in der Landschaft herum wie früher Reklametafeln, aber sie werben für nichts, und vor ihnen stehen die staunenden Leute, die auf ihnen abgebildet sind, oder deren Nachbarn oder Durchreisende. JR besorgt die Technik und hängt die Bilder auf. Agnès Varda sorgt dafür, dass die Leute mit den beiden sprechen.

          Sie ist es auch, die die Reiseroute bestimmt, die vorschlägt, wen sie und JR treffen sollten – die letzte Bewohnerin einer Bergarbeitersiedlung, Frauen von Hafenarbeitern im Streik, Ziegenbauern, solche, die ihren Tieren die Hörner abbrennen, und die anderen, die das niemals täten. Oder eben Godard. Arbeiter, die in einer Salzfabrik Tischtennis spielen. Sie spricht mit ihnen, fragt, lässt sich herumführen, bevor sie sie bittet, dass sie fotografieren dürfen und die Posen auswählen für Einzelporträts oder Gruppenaufnahmen, die dann riesig, haushoch teilweise, so groß wie eine ganze Scheune, für kurze Zeit die Umgebung beherrschen. Doch die schiere Größe ihrer Abbilder macht die Menschen nicht monumental im Sinn von leblos, historisch, im eigenen Konterfei erstarrt für die Ewigkeit. Sondern zu Akteuren mit einem spielerischen Auftritt im Raum.

          Von Geburt an Feministin

          Kürzlich beim Festival in Cannes hatte Agnès Varda keinen Film im Programm. Aber sie war da und marschierte mit 81 anderen Frauen den roten Teppich hoch, um zu demonstrieren. Mit ihrem Haarschopf, der ihr wie ein zweifarbiger Champignon auf dem Kopf sitzt, und nur ungefähr halb so groß wie Cate Blanchett, die den Arm um sie gelegt hatte, las sie den französischen Text von deren Rede vor. Und strahlte aus, was auch ihr Werk bestimmt: Solidarität im Sinn von Interesse an anderen, Unterstützung, wo sie gebraucht wird. Künstlerische Neugierde, Witz und Eigensinn. Ein Bild, das in die Geschichtsbücher eingehen wird, zumindest die des Filmfestivals von Cannes, das ihr vor einigen Jahren eine Goldene Ehrenpalme verliehen hat, immerhin (denn eine Goldene Palme gewann hier bisher immer noch nur Jane Campion).

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