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Kinofilm „Große Freiheit“ : Menschliche Würde in Haft

  • -Aktualisiert am

Das Herz des Gefangenen darf nicht erlöschen, sonst überlebt er das Gefängnis nicht: Franz Rogowski als Hans Hoffmann Bild: dpa

Eine Männerliebe im Gefängnis, während draußen die Gesellschaft sich ändert, teils zu langsam: Der Film „Große Freiheit“ mit Franz Rogowski schaut Sittengeschichte ganz anders an als üblich.

          3 Min.

          Die Beweise gegen Hans Hoffmann wirken eindeutig. Man sieht sexuelle Handlungen unter Männern, auf einer öffentlichen Toilette, heimlich gefilmt auf Super-8, zum Zweck der Dokumentation „grober Unzucht“. Im Jahr 1968 war das ein strafbarer Tatbestand. Hans Hoffmann muss ins Gefängnis. Er ist ein Opfer des Paragraphen 175, einer Bestimmung aus dem 19. Jahrhundert, die mehr als hundert Jahren lang Homosexuelle in Deutschland zu Delinquenten erklärte. Er begehrt nicht dagegen auf. Er fügt sich aber auch nicht in sein Schicksal. Der Hans Hoffmann, der am Beginn des Films „Große Freiheit“ von Sebastian Meise steht, hat sich dem Zugriff des Gesetzes, der Behörden, der Autoritäten bis zu einem gewissen Grad entzogen.

          Die Haft diktiert ihm äußerliche Bedingungen. Er konzentriert seine Unabhängigkeit auf den Rest, der ihm bleibt: das streng geregelte Leben unter Insassen in einer Haftanstalt der Bundesrepublik. Eine Autonomie, die sich nach innen wendet, die nichts mehr erwartet, aber immer noch schenkt und empfängt, in einem geheimen Leben der Blicke und der Gesten, von dem die Wärter nichts mitbekommen wollen und sollen.

          Historische Kontinuität

          „Große Freiheit“ hat einen wirklich schockierenden Moment wenig später, als sich herausstellt, dass Hans Hoffmann nicht zum ersten Mal im Gefängnis ist. Der Film erzählt nämlich von einer historischen Kontinuität. 1945, 1957, 1968, 1969 – die Staaten und Systeme verändern sich, die Verfolgung der Homosexuellen bleibt eine Konstante.

          Hans Hoffmann, darauf legt Sebastian Meise ausdrücklich Wert, war mit der Befreiung im Jahr 1945 nicht gemeint. Er war davor hinter Gittern, und musste danach unter einer neuen Administration den Rest einer Strafe abbüßen, die ihm von der nationalsozialistischen Justiz auferlegt worden war. Die Jahreszahlen sind pointiert gewählt. 1945 veränderte sich alles, aber nicht für alle. Ab 1957 verzichtete die DDR darauf, Homosexuelle zu verfolgen. 1968 kündigten sich gesellschaftliche Veränderungen an, die schließlich auch den Paragraphen 175 betrafen.

          Hans Hoffmann bekommt davon im Gefängnis aber nur wenig mit. Er fügt sich ein in die Routinen, er setzt sich ohne Protest an die Nähmaschinen, die Gefängnisarbeit ist in „Große Freiheit“ ein „sweat shop“, bevor man diesen Begriff für eine (häufig von Frauen verrichtete) unsichtbare Produktionsform hierzulande kannte. Einen der Insassen trifft Hans immer wieder: Viktor sitzt wegen eines Morddelikts.

          Er ist also ein gewöhnlicher Verbrecher, der sich auch herausgefordert fühlt, seine Differenz zu Hans deutlich zu machen: „Ich bin nicht so einer.“ Viktor ist homophob in einer homosozialen Welt. Er verkörpert den Gemeinplatz, das Ressentiment, die verinnerlichte Strafe. Hans und Viktor sind füreinander bestimmt, aber die Form dieser Bestimmung ist selbst wieder ein Aspekt dessen, was der Titel des Films andeutet: „Große Freiheit“ ist weder ironisch oder sarkastisch zu verstehen, noch utopisch, sondern als Ausdruck der oft beschworen Tatsache, dass das Menschliche institutionell nicht vollständig erreichbar ist. Auch in einem Gefängnis gibt es Räume für neue Erfahrungen.

          Nicht zum ersten Mal im Gefängnis: Franz Rogowski als Hans in „Große Freiheit“
          Nicht zum ersten Mal im Gefängnis: Franz Rogowski als Hans in „Große Freiheit“ : Bild: dpa

          Sebastian Meise hat in Wien Film studiert und vor „Große Freiheit“ zwei Filme über das höchst kontroverse Thema Pädophilie gemacht: den Spielfilm „Stillleben“ und den Dokumentarfilm „Outing“, der mit einem Mann bekannt macht, der versucht, mit seinem Begehren zu leben, ohne ihm jemals nachzugeben. Schon damals war der Autor Thomas Reider dabei, der nun auch am Drehbuch zu „Große Freiheit“ mitgearbeitet hat. In Deutschland ist die homosexuelle Emanzipation im wesentlichen gelungen, nun ist auch Zeit für Vergangenheitsbewältigung. Meise und Reider bedienen sich dafür der Mittel des klassischen Ausstattungsfilms.

          Man sieht, wie sich die Räume allmählich verändern, auch der Habitus des Personals, man sieht aber auch das Beharrungsvermögen einer abgeschlossenen Welt. Im Kern aber ist „Große Freiheit“ ein Charakterdrama, das seine Intensität der Begegnung zweier Schauspieler verdankt: Franz Rogowski spielt Hans, und der Österreicher Georg Friedrich ist Viktor. Rogowski verfügt über eine starke körperliche Präsenz, die es ihm erst erlaubt, eine Sensibilität zuzulassen, die Hans zumal in der Männerwelt eines Gefängnisses einen eigenen Ort finden lässt, jenseits der einfachen Zuordnungen zwischen Dominanz und Passivität.

          Bild privaten Glücks

          Georg Friedrich spielt Viktor als einen typischen Haftveteranen, der sich in Drogen flüchtet, und die Verwirrungen zwischen Solidarität, Freundschaft, Liebe, aber auch sexueller Nötigungen in allen Facetten aufschließt.

          Es gibt auch noch andere Beziehungen in „Große Freiheit“. Hans weiß um Zeiten der Unbeschwertheit, er hat draußen auch glückliche Momente erlebt. Einen besonders bedeutsamen zeigen Meise und Reider auch auf Film: dem Überwachungsbild auf Super-8 aus der „Klappe“, aus der öffentlichen Toilette, setzen sie ein „home movie“ entgegen, einen Privatfilm von einem Tag an einem See.

          Ein Bild privaten Glücks, das aber von Beginn an durch das vor Gericht verwendete Material einen pessimistischen Akzent hat. „Große Freiheit“ nimmt zwischen diesen beiden Positionen eine überzeugende Mitte ein: ein exzellent gespielter, intimer, gleichwohl historisch wie gesellschaftspolitisch repräsentativer Film, der nun auch für Österreich ins Rennen um die kommenden Oscars geht. Ein Drama, das ein komplexes Verständnis von Freiheit erschließt, in dem „so einer“ auch jemand anderer sein darf, als ein diskriminierender Paragraph für ihn vorsah.

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