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Frankreich : Der Rufmord

Als er noch Bürgermeister war: Baudis zwischen Schröder und Chirac Bild: AFP

Monatelang mußte Dominique Baudis, einst Bürgermeister von Toulouse und nun Frankreichs oberster Medienaufseher, gegen Sex- und Drogengerüchte kämpfen. Jetzt ist er rehabiliert - doch der Preis war hoch.

          3 Min.

          Schwitzend saß er im Studio. Auf eigenen Wunsch war er in die Tagesschau gekommen, die er früher selber präsentiert hatte. Verzweifelt kämpfte er um seine Ehre. Mit geschwächter Stimme erklärte Dominique Baudis vor mehr als zwölf Millionen Zuschauern, daß er keine Drogen schluckt und nicht an sadomasochistischen Orgien teilnimmt, weder mit Zuhältern noch mit Prostituierten verkehrt und auch keine Kinder vergewaltigt. Mit seinem Auftritt trat Baudis die Flucht nach vor an und Gerüchten entgegen, die in seiner Heimatstadt Toulouse zirkulierten. Noch hatte keine Zeitung darüber geschrieben - Baudis selber machte sie öffentlich. Es war im vergangenen Frühjahr.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Dominique Baudis ist eine bekannte Persönlichkeit. Seine Popularität als Nachrichtensprecher benutzte er, um sich zum Bürgermeister von Toulouse wählen zu lassen. Er war ebenfalls Abgeordneter in der Nationalversammlung. Inzwischen ist er der oberste Medienaufseher des Landes - Chef des "Conseil Supérieur de l'Audiovisuel" (CSA). Und mit diesem Amt begründete er die Gerüchte: Sie seien eine Rache der Pornoindustrie, weil er die Zahl der Sexfilme im Fernsehen reduzieren wollte. Zwei Prostituierte seien zu Falschaussagen animiert worden. Doch die Diskussionen über die Pornostreifen waren längst vorbei und folgenlos geblieben. Baudis' Verschwörungstheorie wirkte wie eine faule Ausrede und wurde ihm fast schon als Geständnis ausgelegt.

          Monatelange Schlammschlacht

          Mit schlechten Karten startete er zu einer monatelangen Schlammschlacht. Aussage gegen Aussage: die Prostituierten durften ihre Version ebenfalls am Fernsehen zum Besten geben und konnten sich gleich noch beklagen, daß man sie weniger prominent plaziere als den angesehenen Angeklagten.

          In Toulouse liegen die Nerven blank. Im vergangenen Jahr wurde der fünffache Mörder Patrice Alègre zu einer lebenslänglichen Zuchthausstrafe verurteilt. Weitere fünf Morde an Prostituierten und Transvestiten sind ungeklärt. Alègre behauptet, für unantastbare Würdenträger der Stadt sadomasochistische Orgien organisiert zu haben. Auch im Rathaus hätten sie stattgefunden. Daß Alègre hier ein und aus ging, steht fest. Die Frauen, behauptet Alègre weiter, wurden entweder bei den Sexspielen ermordet oder weil sie drohten, die Vorfälle publik zu machen. Aus dem Gefängnis schickte Patrice Alègre dem Moderator einer vielgesehenen Sendung einen handschriftlich Brief, der die Anschuldigungen gegen Baudis bestätigte - und im Fernsehen verlesen wurde. Als Honorar hatte der Produzent der Sendung Alègre offensichtlich viel Geld angeboten, über das später gestritten wurde, und vor allem den Besuch seiner Tochter versprochen. Das schrieben die Zeitungen - den Zuschauern wurde es nicht mitgeteilt.

          Glückliches Familienleben

          Eine Illustrierte berichtete, der Name von Dominique Baudis sei auch auf den Abhörprotokollen eines Pariser Call-Girl-Rings aufgetaucht. Baudis versuchte, mit Homestories in "Paris-Match" und Bildern von seinem glücklichen Familienleben gegenzusteuern. Die seriöse Presse wies zwar auf viele Ungereimtheiten und die skandalösen Umstände hin, berichtete aber getreulich, manchmal genüßlich, über jede neue Etappe. Als Baudis dem Untersuchungsrichter seine Terminkalender übergab. Oder ein Schloß durchsucht wurde, in dem die Inszenierungen stattgefunden haben könnten.

          Jetzt ist die Ehre des Dominique Baudis wiederhergestellt: die Prostituierte, die seit ein paar Tagen einen neuen Anwalt hat, nahm ihre Anschuldigungen zurück und entschuldigte sich bei dem Politiker. Nun fürchtet sie die Reaktion jener, die sie zur Falschaussage anstifteten, und wurde unter Polizeischutz gestellt.

          Baudis hatte, als er ins Fernsehen ging, auf die Überzeugung gesetzt, daß sich die Wahrheit gegen die entfesselten Medien durchsetzen könne - und er hat recht bekommen. Doch der Preis war hoch. Lächelnd, erleichtert verließ er jetzt das Gerichtsgebäude. Auch das war im Fernsehen zu sehen. Aber vielleicht ist man damit erst wieder am Anfang der üblen Geschichte angekommen: bei den Gerüchten. Der Umgang mit ihnen ist längst Teil der Medienwissenschaft. Manchmal muß sich Baudis gefragt haben, ob es richtig war, sie frontal und offen anzugehen - es ist das Rezept, das die Experten empfehlen. Für Baudis ist der Kampf noch nicht zu Ende: Der nationale Medienaufseher will wissen, wie die Machenschaften, in die er geriet, funktionierten - wer die Drahtzieher sind, die er einklagen will, und welche Rolle die willfährigen Medien spielten.

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