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Frankfurter Lichter Filmfest : Rettung nach Wildwestmethoden

Das Frankfurter Lichter Filmfest eröffnet mit einem Film über private Rettungsfahrer: „Midnight Family“ Bild: Autlook Filmsales

Das Frankfurter Lichter Filmfest geht komplett ins Netz und eröffnet mit einem Film, der genau zur Situation passt: „Midnight Family“ über private Rettungsfahrer. Einmal mehr weiß man danach, was ein gesundes Gesundheitssystem ausmacht.

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          Heute beginnt das Frankfurter Lichter Filmfest, doch diesmal findet es nicht wie gewohnt in den Kinos statt: Früher als alle anderen Kulturveranstalter hatte Lichter verkündet, sein Programm ins Netz zu verlagern. Und so sind dort nun bis einschließlich Freitag zwei Dutzend Langfilme und mehrere Kurzfilmprogramme zu sehen, Letztere gratis, Erstere für jeweils acht Euro, den normalen Lichter-Ticketpreis. Die Einnahmen werden dann zwischen dem Festival und den ursprünglich beteiligten Kinos geteilt.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Zu jedem Film werden nur dreihundert Streaming-Berechtigungen verkauft. Das hat sowohl verleihtechnische als auch atmosphärische Gründe. Da auch Filme gezeigt werden, die etwa in Cannes oder Toronto prämiert oder für Oscars nominiert wurden, wäre eine unbegrenzte Netz-Verwertung durch das Festival geschäftsschädigend fürs sonstige Streaming oder eine hoffentlich irgendwann doch noch folgende Kino-Auswertung.

          Festivalgefühl auf dem Sofa

          Gleichzeitig sorgt die Limitierung des Netz-Zugriffs für Festivalgefühl: Man muss früh dran sein, um begehrte Filme sehen zu können, aber wenn es einmal nicht klappt, kann man stattdessen etwas anderes wählen. Die bislang übliche Filmrezeption oder Festivalplanung wird sich dennoch verändern: Man kann daheim zu mehreren zuschauen, und das Zugriffsrecht gilt für dreißig Stunden, in denen man die Vorführung unterbrechen oder wiederholen kann.

          Die Wahl von „Midnight Family“ als Eröffnungsfilm zum diesjährigen Festival mit seinem Leitthema „Macht“ darf man unter den aktuellen Bedingungen kongenial nennen. Der amerikanische Dokumentarfilmer Luke Lorentzen hat 2018 die nächtlichen Einsätze eines privaten Krankenwagens in Mexico City begleitet. Entstanden ist ein Doppelporträt: das der Familie Ochoa, die mit dem Rettungswagen ihr Geld verdient, und das eines Gesundheitssystems unter nahezu rein marktwirtschaftlichen Bedingungen. In der mexikanischen Hauptstadt, einem Neun-Millionen-Moloch, gibt es nur 45 staatlich betriebene Krankenwagen. Deshalb sind vor allem privat betriebene Ambulanzen wie die der Ochoas im Einsatz.

          Mehr Kommentar als diese Basisinformation gibt es nicht in Lorentzens Film, die Konsequenzen erschließen sich durch Beobachtungen, für die seine Kamera fast nie das Innere des Rettungswagens verlässt. Die Ochoas hören den Polizeifunk ab und eilen an den Ort des Geschehens, um Verletzten ihre Dienste anzubieten. Gegen Bestechungsgelder bekommen sie bisweilen auch direkte Hinweise von Polizisten.

          Aber die Konkurrenz schläft nicht, und so werden regelrechte Wettrennen zwischen privat betriebenen Krankenwagen durchs nächtliche Mexico City ausgetragen. Die Einnahmequelle der Ochoas besteht dann weniger in den Gebühren für die Rettungsfahrten als in Zahlungen, die sie von privaten Krankenhäusern dafür kassieren, dass sie Patienten dort einliefern statt in die staatlichen Spitäler.

          „Dieser Krankenwagen ernährt uns.“

          Trotz dieses Gesundheitssystems nach Wildwestmethoden zeigt Lorentzen die Besatzung des Krankenwagens als durchaus sympathische Menschen, vor allem den siebzehnjährigen Juan Ochoa, der nicht nur das Steuer führt, sondern auch das große Wort. Und irgendwann fällt der entscheidende Satz: „Dieser Krankenwagen ernährt uns.“ Der Überlebenskampf der Betreiber ist kaum weniger dramatisch als der ihrer Patienten.

          Lorentzens Film zeigt die Exzesse eines Gesundheitssystems, aus dem der Staat sich weitgehend zurückgezogen hat. Darin folgt er einem Vorbild, das 2012 beim Leipziger Dokfilm-Festival ausgezeichnet worden war: „Sofia’s Last Ambulance“, dem Dokumentarfilm von Ilian Metev. Dessen Protagonisten arbeiteten aber noch im Staatsdienst. Die Ochoas werden dagegen von einer jungen Frau, die von ihrem Freund zusammengeschlagen wurde, erst einmal gefragt, was die Fahrt ins Krankenhaus denn koste. Man versteht nach „Midnight Family“ noch besser, was ein gesundes Gesundheitssystem ausmacht.

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