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Kunst oder Kommerz : Was denken Sie von Tom Cruise?

  • -Aktualisiert am

Will nicht nur seinen Job als Action-Darsteller machen: Tom Cruise in einer Szene aus „Mission: Impossible – Fallout“ Bild: Chiabella James/Paramount Pictures and Skydance/AP

Immer wieder geht es Tom Cruise darum, nicht bloß als kommerzieller Schauspieler wahrgenommen zu werden, sondern als echter Künstler. Dabei war eine Abweichung von seiner üblichen Leinwandpersönlichkeit seine beste Rolle.

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          „Denken“ ist nun nicht das Erste, was mir zu Tom Cruise einfällt. Klar, ab und zu posiert er gerne als kritischer Denker, doch dummerweise heißt denken, also die Fähigkeit, kritisch über die Welt zu reflektieren, für ihn Scientology. Ein weiterer Trick, um seine Karriere als Charakterdarsteller zu befördern, besteht darin, alle paar Jahre eine Rolle in einem nicht-kommerziellen Film zu spielen, weil er erwartet, dass die Leute sagen: „Siehst du, er ist nicht bloß ein kommerzieller Schauspieler, er ist ein echter Künstler.“ Seine bekannteste seriöse Rolle war die in Stanley Kubricks letztem Film „Eyes Wide Shut“. Ich ziehe geradlinige Actiondarsteller wie Vin Diesel vor, die ihren Job anständig und ohne intellektuelle Prätention erledigen.

          Es gibt allerdings einen Aspekt an Cruises Karriere, der mich interessiert. Bekannte Schauspieler werden in der Regel mit einer bestimmten Leinwandpersönlichkeit identifiziert. Das sind weder die Charaktere, die sie in Filmen spielen, noch das, was sie als „reale“, private Personen sind, sondern es ist eine bestimmte Persönlichkeit, die die verschiedenen Rollen durchdringt. Humphrey Bogart hat immer denselben zynischen, angeschlagenen, aber aufrichtigen Charakter gespielt, Gary Cooper den kurz angebundenen und plötzlich couragierten und Cary Grant den hektischen, hyperaktiven Typus.

          Doch es gibt in all diesen Karrieren zumindest einen Film, in dem sie jemanden spielen, der dem Typus ihrer Leinwandpersönlichhkeit zuwiderläuft. Henry Fonda hatte jahrelang ehrenhafte und hochmoralische Charaktere gespielt, doch spät in seiner Karriere machte er eine Ausnahme. Er entschloss sich, einen Schurken zu spielen, einen brutalen, sadistischen Killer in Sergio Leones „Spiel mir das Lied vom Tod“. Interessant ist, wie diese Rolle – und Fonda spielte sie mit sichtlichem Genuss – rückwirkend unsere Wahrnehmung seiner üblichen Leinwandpersönlichkeit verändert und uns Zuschauer in die Lage versetzt hat, die Risse zu sehen, die Spuren von Brutalität und Arroganz zu erkennen, mit denen er heroische Gestalten wie Abraham Lincoln oder Colonel Thursday in John Fords „Fort Apache“ spielte, der ein Massaker unter seinen Leuten verursacht, als er sie voreilig zur Attacke führt.

          Oder nehmen wir Ben Kingsley. Die Rolle, die seine Leinwandpersönlichkeit definierte, war Gandhi in Richard Attenboroughs ziemlich langweiligem „Meisterwerk“: ein öder, predigender Agent von Gerechtigkeit, Gleichheit und indischer Unabhängigkeit. Doch ein paar Jahre später glänzte Kingsley in „Sexy Beast“, wo er einen brutalen Gangster mit viel bösem Witz und Ironie spielte. Womöglich ist die Tatsache, dass dies die beiden großen Rollen von Kingsley sind, Zeichen einer tiefen Affinität: Was bedeutete es, wenn der zweite Charakter die volle Verwirklichung dessen wäre, was im ersten als Potential verborgen ist?

          Mit Nicole Kidman 1999 in Stanley Kubricks „Eyes Wide Shut“ Bilderstrecke

          Wenn wir aus dieser Perspektive auf Gandhi blicken, sind wir gezwungen, auch dessen seltsame und problematische Züge wahrzunehmen, die von der medialen Hagiographie ignoriert werden. Das führt uns zurück zu Tom Cruise. Seine Abweichung von seiner üblichen Leinwandpersönlichkeit ist zugleich seine für mich beste Rolle: der Motivationstrainer Frank Mackey in Paul Thomas Andersons „Magnolia“, der Männern einen Aufreißerkurs gibt. Auffallend ist der Genuss, mit dem er diesen extrem abstoßenden Charakter spielt: ein extrovertierter, Klartext redender Typ, der seinen Schülern beibringt, dass es nur darum geht, Frauen zu ficken und zu beherrschen. Und wieder können wir, wenn wir von diesem Punkt auf Cruises andere Rollen zurückblicken, leicht die immanente Vulgarität seiner Leinwandpersönlichkeit erkennen, die selbst „sozialkritische“ Rollen wie die des Vietnam-Veteranen in „Geboren am 4. Juli“ durchdringt. Wir nehmen die geistige Leere seines arroganten Sarkasmus in der „Farbe des Geldes“ oder in „Eine Frage der Ehre“ wahr, die eitle Prätention in „Vanilla Sky“ und den flachen, gar nicht überzeugenden Heroismus seines Stauffenberg in „Operation Walküre“.

          Die Pointe ist nun nicht, dass dies seien „reale“ Persönlichkeit wäre; es ist die Realität hinter seiner Leinwandpersönlichkeit. Auch hier gilt also die alte Marxsche und Freudsche Regel: Die Ausnahme ist der einzige Weg zur umfassenden Wahrheit.

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