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Siebter „Rocky“-Film im Kino : Muskeln als Erbmasse

  • -Aktualisiert am

Ohne Schweiß kein Preis: Rocky hat die Boxhandschuhe an den Nagel gehängt und in der Trainerecke Platz genommen. Bild: Barry Wetcher

Sylvester Stallone kehrt zurück in den Boxring. In „Creed – Rocky’s Legacy“ nimmt die Boxlegende allerdings in der Trainerecke Platz und coacht den Sohn seines ehemaligen Gegners.

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          Zuletzt verdrischt der Underdog den Champ dann doch ganz schön. Zum Sieg reicht es aber nicht; der Herausforderer verliert, gezeichnet von sensationellen zwölf Runden, in denen das Blut nur so spritzt, nach Punkten, wobei Rocky Balboa behauptet, wäre der Kampf auch nur zehn Sekunden länger gewesen, dann wäre er anders ausgegangen.

          Edo Reents

          Redakteur im Feuilleton.

          Der Herausforderer ist diesmal nicht Rocky Balboa, der sitzt in der Trainerecke; es ist ein Jüngling mit dem aparten, nein, eher wohl affektierten Namen Adonis „Donnie“ Johnson (achtbar gespielt von Michael B. Jordan). Das wäre nicht weiter bemerkenswert, handelte es sich nicht um Apollo Creeds Sohn, der seinen vor dreißig Jahren im Ring vom Sowjet-Brutalo Drago zur Strecke gebrachten Vater nicht mehr kennengelernt hat.

          Will seinem Vater alle Ehre machen: Adonis „Donnie“ Johnson (Michael B. Jordan) hat seine Jugend in Erziehungsheimen und Gefängnissen von Los Angeles verbracht.

          Dass Silvester Stallone, der mit dem siebten Rocky-Film erst nichts zu tun haben wollte, sich von dem Drehbuch, das ihm der junge Regisseur Ryan Googler vorlegte, noch hat herumkriegen lassen, ist kein Wunder - es ist in den Grundzügen bei der Urvorlage abgeschrieben, mit der er 1976 Kinogeschichte schrieb: Boxer meets girl meets boxer.

          Stallone hätte besser die Finger davon gelassen. Der sechste Teil „Rocky Balboa“, den er noch einmal auf die Leinwand gewuchtet hatte, wäre, als über weite Strecken bleiern-müdes, aber durchaus berührendes Erinnerungsschauspiel (F.A.Z. vom 7. Februar 2007), ein passendes Ende gewesen, nach dem nichts mehr kommen konnte. Ein letztes Mal zog der Held die Handschuhe an, um es einem dieser zuverlässig nachwachsenden Großmäuler zu zeigen.

          Die Grundrezeptur für jeden „Rocky“-Film: Boxer meets girl meets boxer.

          Aber jetzt ist er wirklich alt, bald siebzig, und damit fast so alt wie sein einstiger Trainer Mickey, den der wunderbare Burgess Meredith mehrmals spielte und in dessen Boxschule nun alles wieder von vorn losgeht: Der von Selbstzweifeln geplagte Adonis, der seine Jugend in den Erziehungsheimen und Gefängnissen von Los Angeles verbracht hat, sieht auf Youtube zufällig den Kampf seines Vaters Apollo gegen Rocky und beschließt urplötzlich, aus seiner Neigung zu Prügeleien einen Beruf zu machen. Er braucht nur noch den richtigen Trainer; aber der wartet ja schon in Philadelphia, wo man ihm längst ein Denkmal gesetzt hat und wo er nach wie vor sein Restaurant betreibt und seine Frau und jetzt auch noch Schwager Paulie auf dem Friedhof besucht.

          Die unter ihm wohnende Clubsängerin Bianca (Tessa Thompson, nicht so schön wie in Wirklichkeit) erobert Adonis im Handumdrehen; mit ihr zieht er dann beim Trainer ein, dessen Schildkröten immer noch durchs Terrariumglas blinzeln. Zwischendurch kriegt Rocky Krebs; erst verweigert er die Chemo, dann doch nicht mehr. Adonis kann schließlich nicht allein nach Liverpool fliegen, wo er es mit einem vorbestraften tätowierten Engländer names Ricky Conlan (Tony Bellew, ein wirklicher Boxer) zu tun bekommt, dessen Muskeln zwar nicht annähernd so definiert sind, der aber extrem hart zuschlagen kann. Wahrscheinlich ist dieser Kampf zwingender inszeniert als in allen vorherigen Teilen.

          Aber um den Kampf ging es immer nur am Rande. Der erste „Rocky“ war damals ein Wunder an Zartsinn, Mutterwitz und Humanität, das den Aufstieg und die sich anbahnende Liebe eines Boxers mit wunderbaren Zwischentönen auszubreiten wusste, einer der besten Filme des Jahrzehnts. Hier ist das alles doch eher pflichtschuldig und holzschnittartig erzählt, mit reichlich Anklängen an die Frühgeschichte, aber mit Dialogen, die einfach nur fade sind. „Creed - Rocky’s Legacy“ heißt der Film, er hätte auch umgekehrt heißen können. Man möchte ihn nämlich lieber als Apollo Creeds Vermächtnis betrachten, nicht als Rockys.

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