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Flutkatastrophe : Die falsche Welle

Auf der Flucht vor der Welle - in China Bild: F.A.Z.

Eine E-Mail aus Sri Lanka, die angeblich Bilder der Flutwelle im Indischen Ozean enthält, ist um die Welt gegangen. Mehrere Zeitungen druckten die Fotos - und saßen damit einem Betrug auf.

          2 Min.

          Es begann mit einer E-Mail. Mit einer E-Mail aus Sri Lanka, die inzwischen einmal um die ganze Welt gegangen ist. Sie ist in Europa angekommen und in Nordamerika. Sie transportiert Bilder, die angeblich die Flut im Indischen Ozean zeigen, von der es wahrlich Bilder genug gibt. Nur sind eben nicht alle so spektakulär wie diese.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Die Bilder, von denen es das aufregendste sowohl auf den Titel der Münchner „tz“ wie des „Calgary Herald“ schaffte, haben nur einen Fehler: Sie zeigen nicht, was sie vorgeben. Sie belegen aber, wie vorsichtig man gerade bei Bildern sein muß, deren Herkunft fraglich ist, und wie Geschäftemacher versuchen, noch selbst die größte Katastrophe auszubeuten.

          „Wilde Panik“

          Zur „tz“ nach München kamen die Bilder mit der erwähnten E-Mail. Im ersten Andruck war die Redaktion sich ihrer Sache offenbar noch recht sicher. Die Bilder aus Sri Lanka, hieß es, „zeigen, wie die Flutwelle das Ufer erreicht“. „Wilde Panik: Die Menschen fliehen vor der drohenden Gefahr zu ihren Autos“, war ein zweites Bild beschrieben. Im nächsten Andruck formulierten die Münchner bereits etwas vorsichtiger: „Diese Bilder kursieren im Internet“, hieß es und: „Angeblich zeigen sie Flutwelle von 26. Dezember 2004.“

          Die Flutwelle in Phuket - ein echtes Bild

          Genau das aber tun sie nach heutigem Kenntnisstand nicht. Dem „Calgary Herald“, der das Bild bereits vor ein paar Tagen brachte, ist inzwischen aufgefallen, was es wirklich zeigt: eine Überflutung in China, aufgenommen am 8. September 2002 am Ufer des Flusses Qiantangjiang. Die große Welle überraschte Schaulustige, die sich das Spektakel ansehen wollten.

          „Die Katastrophen dieser Welt“

          Wie dieses Bild nun in Kanada ankam, das hat ein amerikanischer Fotojounalist herausgefunden, dessen Recherche unter der Internet-Adresse http://newsdesigner.com/ nachzulesen ist: Ein Mediziner habe das fragliche Bild dem Bürgermeister von Calgary gegeben, der habe es in einem Fundraising-Vortrag benutzt, der „Calgary Herald“ wiederum habe nach dem Bild gefragt, weil man offenbar dachte, dieses zeige die jetzige Katastrophe. Doch wie kam das Bild nach München?

          „Wir haben ein Bild veröffentlicht, das die Katastrophen dieser Welt verdeutlichen soll“, sagt der stellvertretende Chefredakteur der „tz“, Rudolf Bögel, auf Anfrage. Man habe nicht behauptet, daß es sich um die aktuelle Katastrophe handele. Mit der Behauptung - die sich im ersten Andruck des Blattes noch findet - waren die Bilder übrigens auch am vergangenen Donnerstag in der Redaktion der „Bild“-Zeitung aufgetaucht.

          Warum nur Chinesen?

          Der Chefredakteur Kai Diekmann unterbrach ihretwegen eine Redaktionssitzung, doch kamen im die Bilder gleich etwas spanisch vor: Warum fliehen in Sri Lanka nur Chinesen vor der Flut? Gibt es dort die hier zu sehenden Pagoden? Auch kam ihm eines der Bilder bekannt vor. Die Bildredaktion der „Bild“ schließlich kam dem Ursprung auf die Spur - einer Meldung der Agentur Reuters, die von der Flut in China im September 2002 handelte.

          „Ich finde es empörend, wie versucht wird, mit der Katastrophe Geld zu verdienen“, sagt Diekmann. Auch zeige sich, wie schwer es sei, ein Foto zu verifizieren. „Bild“ hatte versucht, die Herkunft der Bilder zu ermitteln, und dabei einen Mittelsmann aus Deutschland dingfest gemacht, der behauptete, er habe die Bilder von einer Schiffsagentur aus Sri Lanka. Dort aber verliert sich die Spur, zumindest vorläufig.

          Die Gefahr gefälschter Bilder

          Wolfram Steinberg, der Bild-Chef der Agentur AP, sagt, daß seiner Agentur dubiose Bilder zuletzt im Irak-Krieg angeboten worden seien. Man habe die Finger davon gelassen. Generell sei es eher so, daß die Gefahr gefälschter Bilder steige, wenn es Geschichten gebe, zu denen die entsprechenden Bilder fehlten - was im Fall der Flut im Indischen Ozean nun gerade nicht zutrifft. „Wir haben allein 32 Fotografen in der Region“, sagt Steinberg.

          Sein Kollege Hans-Peter Hill, Bild-CvD der Deutschen Presse-Agentur, ergänzt, daß gefälschte Bilder in der Regel auch eher Zeitungen oder Zeitschriften direkt angeboten würden, nicht den Agenturen. Schließlich seien diese als Quelle haftbar zu machen und brächten die Bilder gleich in alle Welt. Tausend Euro sollten die Fotos die „Bild“-Zeitung kosten, die dankend ablehnte. Die „tz“ hat sie nach eigenen Angaben umsonst bekommen. Sie kosten wohl trotzdem einen recht hohen Preis.

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