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Filmdoppelrezension : Ehekrise, doppelt leicht gemacht

  • -Aktualisiert am

Chambre 212 / Zimmer 212 - in einer magischen Nacht von Christophe Honoré. Bild: Cineleusis Filmverleih

Wenn deutsches und französisches Kino dasselbe Thema haben: „Es ist nur eine Phase, Hase“ von Florian Gallenberger und „Chambre 212“ von Christophe Honoré erzählen die Geschichte eines Paars in mittleren Jahren.

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          In nicht wenigen Familien trifft die Pubertät der Kinder auf die Midlife-Krise der Eltern. So ist das auch bei Emilia und Paul Stamm. Die älteste Tochter wird bald Abi machen, der Jüngste weiß noch nicht so richtig, was Sex ist. Beim Papa sind die Bestseller in seiner Autorenlaufbahn schon ein Weilchen her, die Mami ist Schauspielerin, hat aber vor allem Jobs als Synchronsprecherin. Es besteht also ein bisschen Abstand zum Optimum, aber was soll man vom Leben schon erwarten, wenn man um die fünfzig ist, wenn die Östrogene im Sterben liegen, wie die Tochter schnippisch der Mutter erklärt, und wenn die Love­parade-Latex-Kostüme schon lange im Schrank vor sich hin gammeln?

          Die Komödie „Es ist nur eine Phase, Hase“ von Florian Gallenberger – nach dem sehr erfolgreichen gleichnamigen Buch von Maxim Leo und Jochen Gutsch – erzählt davon, wie die Stamms versuchen, mit Hilfe einer Beziehungspause Klarheit für ihre Zukunft zu schaffen. Emilia trifft einen jungen Lover, Paul lebt von Dosenravioli, wird depressiv, aber auch von einer jungen Lehrerin angelacht. Im Buch wie im Film heißt die Midlife-Krise auch Pubertät. Genauer gesagt: Alterspubertät. Dieses Phänomen aus der heiteren Ratgeberliteratur wird hier ausführlich geschildert.

          Eine Kultur der Liebe

          Der Film lebt vor allem von den beiden Stars. Christiane Paul hat dabei allerdings nicht ganz so viele Möglichkeiten, sich zu entfalten, wie Christoph Maria Herbst, der virtuos verkniffen durch alle Peinlichkeiten tanzt und irgendwann in den großen Satz ausbricht: „Hat euch Udo Jürgens allen ins Hirn geschissen?“ Das Leben, das für den Schlagersänger mit 66 Jahren erst so richtig anfing, hört für Paul Stamm schon deutlich früher tendenziell auf. Das Buch von Gutsch und Leo dient als Trost und ist eine Art Ausgleich für die vielen Selbstbescheidungen, die das Alter erfordert. Der Film macht daraus eine romantische Komödie zweiter Ordnung: Die große Liebe soll dort wiedergefunden werden, wo sie immer schon war, aber irgendwann zu selbstverständlich wurde. Emilia Stamm möchte ein wenig ins Risiko gehen, meint zuerst einmal aber nur das Brettspiel.

          Trailer : „Zimmer 212 – In einer magischen Nacht“

          Zu den potentiellen Inspirationen in der Alterspubertät könnte man übrigens auch das französische Kino zählen. Das stand ja lange für eine Kultur der Liebe, die sich nicht mit gemütlichen Ironisierungen abspeisen lässt. Da trifft es sich gut, dass diese Woche auch noch ein Film anläuft, den man wie eine Antwort auf „Es ist nur eine Phase, Hase“ sehen kann: „Chambre 212“ von Christophe Honoré. Im Mittelpunkt stehen Maria und Richard. Zwanzig Jahre sind auch sie schon zusammen. Sie haben eine schöne Wohnung mit vielen Büchern, und vermutlich verstehen sie sich auch gut, darauf deuten jedenfalls die ersten Szenen alltäglicher Vertrautheit hin. Richard hat gekocht, er ahnt nicht, dass Maria gerade noch Sex hatte mit einem jungen Mann namens Asdrubal Electorat. Dann liest er aber, eher zufällig als ihr nachspionierend, ein paar Nachrichten auf ihrem Handy. Und damit ist eine Ehekrise da, die der Regisseur und Drehbuchautor Christoph Honoré in den Mittelpunkt seines Films stellt.

          Die Liebe trifft im Zimmer 212 auf sich selbst

          Maria verlässt die Wohnung, sie geht allerdings nicht weit, eigentlich nur über die Straße. Sie nimmt sich ein Zimmer in einem Hotel gegenüber, von dem aus sie sogar zu Richard in die gemeinsame Wohnung schauen kann. An der Straße, die sie überquert, liegen wohl nicht zufällig ein Kino mit sieben Sälen und eine Bar mit dem Namen Rosebud – so lautete in dem Filmklassiker „Citizen Kane“ die Chiffre für die Geheimnisse der Kindheit.

          In beiden Filmen geht es also um ein Paar in mittleren Jahren und um den Versuch, mit einer Beziehungspause aus schlechten Routinen auszubrechen. Christophe Honoré ist in Frankreich für geistreiche Geschichten bekannt, man könnte ihn als einen Intellektuellen der Liebe bezeichnen. Und tatsächlich liegt hier der größte Unterschied zu vielen deutschen Beziehungskomödien: In Frankreich werden Liebe, Erotik, Begehren, Sex vielschichtig aufeinander bezogen, in Deutschland erscheinen sie oft wie ein vom Drehbuchdoktor verordneter Pillenmix. Maria (eine große Rolle für Chiara Mastroianni) ist eine zwiespältige Figur, lebenshungrig, sexuell unersättlich, mit scharfem Geist und natürlich vollkommen emanzipiert. Für Kinder hatte sie nie Zeit oder keine Lust darauf. Richard (mit schön knarziger Stimme gespielt von dem Musiker Benjamin Biolay) ist dagegen der Familienmensch, der loyale Typ, der die Wäsche macht, dabei aber kein Waschlappen ist. Honoré konfrontiert seine beiden Hauptfiguren in einer magischen Nacht mit sich selbst in jungen Jahren, mit ­verflossenen Geliebten und möglichen anderen Lebenswegen. Die Liebe trifft im Zimmer 212 auf sich selbst in ihrer Vielfalt.

          Die Formeln des internationalen Kinos

          Der Film lebt von einer kulturellen Übertreibung. Als Maria von ihrem Seitensprung nach Hause kommt, sucht sie zuerst einmal ein Buch von Henry James. Sie braucht den amerikanischen Schriftsteller, um sich selbst besser zu verstehen. Damit ist ein Traditionsbezug etabliert, in den Honoré natürlich auch, durchaus kokett, sein Projekt einer modernen Geschichte der Gefühle einträgt. Für Maria aber ist die Literatur tatsächlich ein Teil ihres Selbstverständnisses, sie findet dort die Komplexität, mit der sie auch ihre Liebe zu Richard begreift. Vielleicht ist Henry James aber auch nur eine rhetorische Ausflucht.

          „Es ist nur eine Phase, Hase“ hingegen lebt von einer kulturellen Untertreibung. Außer Udo Jürgens gibt es nur noch einen Bezugspunkt, das sind die Bücher von Paul Stamm selbst. Er hat früher irgendwann einmal einen Ton getroffen, jetzt findet er ihn nicht mehr, aus der ­tragikomischen Differenz soll etwas erwachsen, nämlich ein neuer Ton.

          Der deutsche Film geht, nach einer noch eher unbeholfenen, aber sehr erfolgreichen Phase mit Komödien in den Neunzigerjahren, gerade durch eine Phase der Professionalisierung. Er lernt die Formeln des internationalen Kinos und setzt romantische Komödien oder Culture-Clash-Geschichten erfolgreich um. Caroline Herfurth („SMS für dich“) oder nun Florian Gallenberger zeigen, dass sie auch können, was im internationalen Kino zunehmend Standard wird, nämlich erprobte erzählerische Konzepte geschickt auf lokale Verhältnisse anzuwenden. Das ist eine wichtige Aufgabe, zumal das Publikum heute potentiell in aller Welt zu finden ist. „Chambre 212“ aber zeigt, dass über die Professionalität von „Es ist nur eine Phase, Hase“ hinaus noch viel mehr möglich ist. Man könnte sich im Übrigen durchaus vorstellen, dass die Stamms mit dem Film von Christophe Honoré etwas anfangen könnten. Umgekehrt hingegen gar nicht.

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