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Jessica Lange wird 70 : Und wer schreit jetzt?

Blicke sind Kopfarbeit: Jessica Lange im Trailer ihrer Karriere Bild: Picture-Alliance

Wenn sie die Arme ausbreitet, fängt die Nacht um sie an zu flattern; wenn sie raucht, dampft die Hölle mit: Zum Siebzigsten des Filmstars Jessica Lange.

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          Entdeckt hat sie das Adlerauge des Kollegen Jeff Bridges – allerdings nicht in Wirklichkeit, sondern in dem Film, der auch der restlichen Menschheit erlaubte, sie zu entdecken: Zu Beginn der von John Guillermin inszenierten Dino-de-Laurentiis-Monsterproduktion „King Kong“ (1976) treibt Jessica Lange in einem winzigen Rettungsbötchen auf dem Ozean und wird von Bridges erspäht, der sich aus Affenforscherneugier an Bord eines Ölsucherschiffs geschmuggelt hat. Sie lässt sich retten und liegt die ersten paar Minuten ihres Filmdebüts ohnmächtig und pitschnass im Abendkleid herum.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Kamera glotzt sie an, als hätte sie so was noch nie gesehen (hat sie ja auch nicht). Dann öffnet die Schauspielerin die Augen und spielt – erst nur, als neu geborenes Licht der Szene, mit ihren Blicken, dann mit Worten, dann mit einem gefräßigen Lerneifer, der bei jeder Regung unersättlich wissen will, wie „Film“ auf allen überhaupt denkbaren Darstellungsebenen funktioniert: der Trailer einer wunderbaren Riesenkarriere.

          „1976 wolltet ihr mich nur als Blondine“

          Rund vierzig Jahre später zeigt Frau Lange als Oberhexe Fiona in der ersten Folge der dritten Staffel von „American Horror Story“, was sie sich seit jenem ersten Augenaufschlag erarbeitet hat: Wenn sie die Arme ausbreitet, fängt die Nacht um sie an zu flattern; wenn sie raucht, dampft die Hölle mit; wenn sie spöttisch den Mund verzieht, duckt sich das Drehbuch aus Angst vor ihrer dominanzsprühenden Deutung seiner Spielvorschläge. Dann tanzt sie zu „In-A-Gadda-Da-Vida“ alleine durch die Luxusbude, als wüchse die wirre Musik dabei aus ihren wilden Haaren. Den dreißig Jahre jüngeren Ian Anthony Dale knuspert sie kurz darauf magisch, sexuell und künstlerisch einfach mit Haut und Haaren weg; gäbe es im Fernsehen heute noch die Zwischentitel der Stummfilmzeit, müsste nach dieser Mahlzeit zu lesen sein: „1976 wolltet ihr mich nur als Blondine, die um Hilfe schreit, aber wer schreit jetzt? Na also.“

          In den vier Dekaden zwischen „King Kong“ und „American Horror Story“ hat Jessica Lange nicht nur mit Jack Nicholson als Sexterroristin in „Wenn der Postmann zweimal klingelt“ (1981) dem Spiritismus die Kunst des Tischrückens entrissen, sondern auch einen Nebendarstellerinnen-Oscar dafür gekriegt, dass sie sich von Dustin Hofman in „Tootsie“ (1982) nicht aus ihrer Ruhe hat bringen lassen, sowie einen Hauptdarstellerinnen-Oscar fürs An-die-Wand-Spielen von Tommy Lee Jones in „Blue Sky“ (1994) – in diesem Atombombendrama war sie so gut, dass sie den ganzen Film überstrahlte, an den sich deshalb kein Mensch erinnern kann.

          Die Grenzen des bloß handwerklich Furiosen überschritt sie Richtung Genialität zuvor schon in Graeme Cliffords „Frances“ (1982), dem Porträt der Frances Farmer, die als Schauspielerin (nicht nur) an Schauspielerei zugrunde ging. Langes herzzerschmetternde Darbietung ist nichts Geringeres als eine zur Performance gewendete Analyse der eigenen Kunstmittel unterm Vorwand ihrer mutwilligen Zerstörung, also Kopfarbeit wie ihre ersten Blicke in „King Kong“, aber als reflektierte Selbstaufhebung ins Tragische. Jüngere (etwa Michelle Williams als Marilyn Monroe in „My Week With Marilyn“, 2011) konnten den Weg zu ähnlichen Gipfeln riskieren, weil Lange, die zu den risikoverliebtesten Mega-stars der Hollywood-Geschichte zählt, ihnen (und allen) gezeigt hatte, wie man dabei nicht abstürzt. Heute wird Jessica Lange siebzig Jahre alt.

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