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Filmschauspieler Gene Hackman : Wer schneller altert, bleibt länger gut

Gene Hackman in „Mississippi Burning“ (1988) Bild: © Susan Meiselas / Magnum Photos

Sogar zuhören und zuschauen kann er eindrucksvoller als andere Schauspieler reden und handeln. Über den Filmschauspieler Gene Hackman zum neunzigsten Geburtstag.

          2 Min.

          In Alan Parkers „Mississippi Burning“ (1988) spielt Gene Hackman einen Polizisten, der als Untergebener eines deutlich jüngeren Kollegen, den Willem Dafoe spielt, in ein rassistisches Schlangennest geschickt wird, um dort einen Vermisstenfall aufzuklären. Hackmans Figur hat schütteres Haar, eine fast schon vollendete Stirnglatze, etwas Bauch, kaum Heldenhaltung, und der Mann wappnet sich gegen das, was ihm bei diesem Auftrag bevorsteht, mit hässlichem Humor: In seiner ersten Szene sitzt er auf dem Beifahrersitz im Auto und singt seinem Chef mit penetranter Fröhlichkeit ein Ku-Klux-Klan-Lied vor, bis der Jüngere sich das „Cabaret“ verbittet. Zwischen seinen abgeschmackten Scherzen fährt Hackman sich mit dem Finger über die Zähne, eine Geste, die wirkt, als erinnere er sich unbewusst daran, dass man bei groben Menschen den Kindern, wenn sie Böses reden, den Mund mit Seife auswäscht.

          Dietmar Dath
          Redakteur im Feuilleton.

          Etwas später fragt der junge Idealist Dafoe den alten Hasen Hackman, woher nur all der Hass komme, der die Rassisten umtreibt, und Hackman schaut, bevor er eine Geschichte aus seiner Jugend, aus dem Süden und aus der moralischen Gruselkiste erzählt, einen Augenblick auf den Boden, wie jemand, der sich sehr schämt. Später merkt man: Der Mann ist heimlich fast anständig, aber im Offensichtlichen lieber realistisch, er schämt sich höchstens leicht dafür, dass er sich noch schämen kann. Die ideale Hackman-Rolle: komplexer als der Text, den die Figur spricht. Solche Rollen erfüllt dieser Schauspieler mit zwingender, körperlicher, ostentativ äußerlicher Richtigkeit: Überzeugungskraft jenseits von Deklamation und psychologischer Einfühlung. Dass etwa der Typ, den er in Tony Scotts „Enemy of the State“ (1998) darstellt, überhaupt eine Seele hat, in der man mit Methodenschauspielerei herumkramen könnte, scheint er sich mit jedem hausmeisterhaften Raunzer gegen sein verzweifeltes Gegenüber Will Smith zu verbitten – wie seine Mimik und Gestik sagen: „Komm mir nicht zu nahe!“, das lockt nicht nur die Kamera an, das bannt sein Publikum und leuchtet alle, mit denen er eine Szene teilt, von der Seite an. Hackman kämpft mit Smith um jede Zeile, jedes bisschen Raum im gemeinsamen Spiel, nicht per Überwältigung, sondern hartnäckig, zäh, als geistiges Armdrücken.

          Schaut man sich Gene Hackman in seinen distinguiertesten Rollen an und sieht nach, wann er sie gespielt hat, fällt auf, dass seriöse Männer im Kino vor ein paar Jahrzehnten offenbar früher viel älter wirkten als heute: Wie, bei „Bonnie and Clyde“ (1967) und, dafür mit einem Hauptrollen-Oscar ausgezeichnet, bei „French Connection“ (1971) war der Kerl erst Ende dreißig, Anfang vierzig? Liegt die Überraschung, die dieser Anblick hervorruft, daran, dass seriöse Männer sich damals von innen her mit Schnaps und Rauch zu konservieren suchten, statt, wie heute, von außen mit Feuchtigkeitscreme? Der Vergleich ist unfair; es gibt ja eh kaum noch seriöse Männer im Kino, sondern fast ausschließlich einerseits nahbare Nettchen mit nachhaltigem Fitnessregiment und andererseits verhärtete Bretter, die gewisse Fortschritte der Geschlechtergleichstellung mit Selbstverpanzerung von der Stange und aufgepumpter Physis beantworten: Superhelden und Superschurken halt, wohingegen Hackman als Lex Luthor in „Superman“ (1978) frei den Umstand ausagierte, dass er den fliegenden Weltretter, dem er lästig sein sollte, nicht ernst nehmen konnte.

          Gerade darin nahm er den Part für voll; es ist eine völlig plausible Interpretation, dass Supermans Erzfeind den kostümierten Helden lächerlich findet, vielleicht sogar plausibler als Kevin Spaceys auch nicht dumme Deutung derselben Rolle in „Superman Returns“ (2006) im Rahmen einer typischen Spacey-Erfindung, der neuen Haltungs-Geschmacksnote „ironischer Neid“.

          Hackman arbeitet einfacher. Das Gediegene steht ihm näher als das Genialische; aber selbst zuhören und zuschauen kann er so eindrucksvoller, als andere Schauspieler reden und handeln, in Francis Ford Coppolas „The Conversation“ (1974) sogar so gut, dass die Grenze zwischen Voyeurismus und Exhibitionismus sich in puren Grusel auflöst. Die harte Oberfläche schmückt diesen Mann, nie wirkt er dumpf damit. Feinen Zimt macht man aus Baumrinde. Heute wird Gene Hackman neunzig Jahre alt.

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