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Filmsatire „Viva la libertà“ : Der unbefleckte Außenseiter

Sogar die Kanzlerin (Saskia Vester) lässt sich von ihm führen: Toni Servillo als Tanzmeister und Gesichtsvirtuose. Bild: dpa

Während in Italien gerade der vierte Regierungschef innerhalb von drei Jahren sein Amt antritt, läuft im Kino ein Film von Roberto Andòs an, der einen satirischen Blick auf die italienische Politik wirft. Leider gerät auch er ein wenig in Schieflage.

          3 Min.

          Wenn man sich die erstaunliche späte Karriere des Schauspielers Toni Servillo vor Augen hält, von „Gomorrha“ über „Il Divo“ bis zum Europäischen Darstellerpreis für „La grande bellezza“, dann fragt man sich, warum der Mann nicht schon viel früher entdeckt wurde. Vielleicht liegt es daran, dass er einfach nicht alt genug aussah.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Servillo ist Anfang fünfzig, aber die Figuren, die er inzwischen spielt, sind mindestens zehn Jahre älter, von dem melancholischen Mafia-Buchhalter in „Le conseguenze dell’amore“ (2004) bis zu dem knautschgesichtigen Bonvivant, der in „La grande bellezza“ durch die nächtlichen Paläste Roms flaniert. Servillo hat das graue Haar zum Wahrzeichen der ästhetischen Opposition in Italien gemacht: Je dreister der Schopf Silvio Berlusconis, der anderen Alters-Ikone dieser Jahre, nachgefärbt war, desto heller leuchteten die silbernen Stoppeln seines Gegenbildes auf der Leinwand.

          In Roberto Andòs Film „Viva la libertà“ spielt Toni Servillo jetzt gleich zwei Männer mit grauem Haar, einen Politiker und einen Philosophen, der eine ein Schreck-, der andere ein Hoffnungsbild der italienischen Gegenwart. Der Clou, aber auch der Haken des Films liegt darin, dass die beiden Zwillingsbrüder sind.

          Dramaturgie in Schieflage

          Der eine, Vorsitzender einer linken Oppositionspartei, stürzt in eine Sinnkrise und taucht ab, der andere, Insasse einer idyllischen Nervenheilanstalt, wird von den Parteioberen mobilisiert, um seinen verschwundenen Bruder zu vertreten. Ein Mann und sein Doppelgänger, das ist einer der ältesten Tricks des Kinos, und Servillo verkörpert diese beiden Spiegelbilder so locker und nonchalant, dass man bald kaum mehr unterscheiden kann, welcher von beiden die trübe Tasse und welcher der Feuerkopf ist.

          Und genau diese haarscharfe Ähnlichkeit bringt den Film in Schieflage. Denn Andò, der Regisseur, der hier seinen eigenen Roman „Il truono vuoto“ (Der leere Thron) von 2012 verfilmt hat, denkt gar nicht daran, die beiden Zwillinge zusammenzubringen, er ist an den dramaturgischen Möglichkeiten, die sich aus den Gewissensnöten der Politiker-Ehefrau, die in dem Bruder die bessere Hälfte ihres Gatten erkennt, und des persönlichen Assistenten ergeben, dem sein neuer Chef viel lieber ist als der alte, nicht wirklich interessiert.

          Philosoph und Politiker: Toni Servillo im Rollenspagat
          Philosoph und Politiker: Toni Servillo im Rollenspagat : Bild: dpa

          Ihm geht es um die Gegenüberstellung von korruptem Staatsapparat und unbeflecktem Außenseiter, um das alte Lied vom Weisen, der von seiner Säule heruntersteigt, um die Könige der Welt auf den rechten Weg zurückzuführen, und deshalb wirkt Andòs Film auch überall da scharf und witzig, wo es um den klugen Zwilling aus dem Sanatorium, und immer dann reichlich flach und beliebig, wenn es um seinen depressiven Politikerbruder geht.

          Dieser lernt ausgerechnet auf einem Filmset in Frankreich, wo er bei einer alten Freundin (Valeria Bruni Tedeschi) unterschlüpft, das Glück des einfachen Lebens kennen. Aber was man in „Viva la libertà“ darüber erfährt, ist auch nicht spannender als ein Setbesuch in einer Drehpause, während auf der politischen Bühne in Rom tatsächlich jene Geschichte geschrieben wird, die Beppe Grillo mit seiner „Cinque stelle“-Bewegung bei den Wahlen vor einem Jahr gern geschrieben hätte.

          Der Doppelgänger rüttelt die Parteibürokraten mit Brandreden wach und bringt die Massen auf der Piazza mit einem Brecht-Gedicht zum Jubeln, er steht kurz davor, die Parlamentswahlen zu gewinnen. Und dann? Hört der Film auf. So richtig an der Wirklichkeit vergreifen mag sich Roberto Andò lieber doch nicht. Denn dann müsste er die säkulare Erfahrung der italienischen Politik widerlegen: dass noch jeder Sprüchemacher an den Realitäten des Landes scheitert. Eine Aufgabe, zu schwer für einen Film.

          In Italien kam „Viva la libertà“ vor „La grande bellezza“ ins Kino und gewann den David di Donatello für das beste Drehbuch. Auf dem europäischen Kinomarkt aber wollte niemand den Film haben - bis der Erfolg von „La grande bellezza“ seinen Hauptdarsteller zum internationalen Exportartikel machte. Jetzt läuft „Viva la libertà“ in Frankreich und Deutschland, und wer nach den drei Stunden von Paolo Sorrentinos Flaneurs-Oratorium noch einmal halb so viel Zeit mit den kühlen Manierismen des Gesichtsvirtuosen Servillo verbringen will, ist mit Andòs Doppelgängerparabel gut bedient. Nur eine böse und bissige Komödie darf er nicht erwarten. Dafür ist Toni Servillo, dafür ist das italienische Kino nun wirklich zu alt.

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