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Verhaftungswelle in Iran : Nicht nur die Kunst ist in Lebensgefahr

Verhaftet: Der iranische Filmregisseur Mohamad Rasoulof Bild: Amélie Losier / Agentur Focus

Jahrelang hat das iranische Regime Filmschaffende wie Mohamad Rasoulof, Jafar Panahi und Mostafa Aleahmad schikaniert. Jetzt eskaliert der Terror gegen die Freiheit der Kunst.

          3 Min.

          Schwarze Gestalten auf einem riesigen Salzsee wie Boten aus der Unterwelt. Ein Mann, der über den See rudert und in den Orten am Ufer Tragödien sammelt, die den Menschen dort widerfahren sind, und die nicht verloren gehen sollen. Der Tränensammler. Unvergessen der rote Nebel, in dem der See zu versinken scheint – Szenen aus „The White Meadows“, einem frühen Film von Mohamad Rasoulof, der zum ersten Mal verhaftet wurde, während dieser Film 2010 durch die Festivals gereicht wurde. Jafar Panahi hatte den Schnitt besorgt und wurde ebenfalls verhaftet. Sechs Jahre Gefängnis, bis Haftantritt Hausarrest, 20 Jahre Berufsverbot lautete das Urteil damals. 2020, nachdem er für „Das Böse gibt es nicht“ den Goldenen Bären der Berlinale gewonnen hatte, war Rasoulof erneut zu zwei Jahren Berufsverbot und einem weiteren Jahr Haft verurteilt worden. Die Drohungen häuften sich, die Strafen, die Verhaftungen.

          Verena Lueken
          Freie Autorin im Feuilleton.

          Seit jenem ersten Mal 2010 waren die beiden iranischen Regisseure die großen Abwesenden der internationalen Filmfestivals. In all den Jahren hätten Rasoulof, Jahrgang 1972, und Panahi, geboren 1960, auf die Bühne gebeten werden können, um Preise entgegenzunehmen oder ihren Platz als Juroren einzunehmen, oder einfach als geladene Filmemacher mit ihren neuen Filmen Teil der Gemeinschaft internationaler Kollegen sein zu können. Sie kamen nicht, weil sie keine Pässe haben. Jetzt sitzen sie, wie auch ihr Kollege, der Filmemacher Mostafa Aleahmad, wieder im Gefängnis in Teheran. Panahi wurde inhaftiert, als er sich bei der Staatsanwalt nach dem Verbleib seiner beiden Freunde und Kollegen erkundigte, die bereits einige Tage vor ihm inhaftiert worden waren. Das klingt, als könnte es der Anfang eines seiner Filme sein.

          Drehte auch im Hausarrest weiter: Jafar Panahi
          Drehte auch im Hausarrest weiter: Jafar Panahi : Bild: Picture Alliance

          Die Filmemacher durften nicht reisen, aber ihre Filme kamen – nach Hamburg, Denver, Seattle, San Sebastian, Berlin oder Cannes, oft auf wundersamen Wegen, um die sich Legenden rankten (wurde Panahis „This is Not a Film“ 2011 wirklich als USB-Stick in einem Kuchen an die Cote d'Azur geschmuggelt?), und immer sorgten sie dafür, Iran und seine Künstler und sein Kino präsent zu halten als Land, in dem Repression, Gewalt, Korruption und Willkür die Kunst in den Untergrund zwingen. Als Land, in dem vom System verformte Menschen leben wie auch solche, die einfach versuchen, sich durchzuschlagen und solche, die sie ans Messer liefern oder als Henker ganz selbstverständlich ihrer Arbeit nachgehen. Diese Künstler zeigten in ihrem Werk vor allem, wie frei sie geblieben sind. Das macht sie gefährlich für jedes autokratische Regime.

          Ein Leguan, der übers Bücherregal kriecht. Er gehört in einen anderen Panahi-Film als der Hund namens Boy, der eine Fernbedienung kapert und es sich in einem Sessel gemütlich macht, und als das junge Mädchen, das sich in ein Taxi beugt, um zu erklären, wie ein regimetreuer Film aussehen sollte. Es sind komische Szenen in Filmen von Jafar Panahi, die immer auch die Bedingungen enthalten, unter denen sie entstanden sind – heimlich, unter Mithilfe nicht genannter Freunde, immer in Gefahr, aufzufliegen und inhaftiert zu werden, wie es jetzt wieder geschehen ist.

          Panahi drehte Filme in seiner Wohnung oder einem Taxi

          In Sicherheit waren diese Filmemacher seit langem nicht mehr. Jafar Panahi hat seit Beginn des gegen ihn verhängten Berufsverbots vor zwölf Jahren eine Handvoll Filme gedreht, in seiner Wohnung, einem Ferienhaus am kaspischen Meer, in einem Taxi und auf einer Autofahrt mit einer berühmten Schauspielerin. In ihnen allen geht es um die Macht der Phantasie, die grenzenlose Kraft der Vorstellung, die aus einem Quadrat aus Klebestreifen auf einem Teppich ein Haus machen kann, das eine Tür hat, die nach draußen führt. Vorgeworfen wird ihm wie auch Rasoulof, der ebenfalls immer weiter gearbeitet hat, unter anderem „Propaganda gegen das System“. Dabei sind ihre Filme genau dies nicht. Keine Propaganda. Keine Mittel der Manipulation. Vielleicht sehen die Behörden, so sie überhaupt hinschauen und nicht in reiner Willkür handeln (dem terroristischsten aller Mittel gegen die Kunst) vor allem dies als ihr Verbrechen an: dass sie in ihrer Arbeit, im Hausarrest, illegal im Untergrund drehend so voller Kreativität geblieben sind. Dass ihre Kunst Eigenständigkeit, Eigensinn und Freiheit atmet, während sie selbst drangsaliert, auf Linie und zum Schweigen gebracht werden sollen. Filme zu machen ist für diese Regisseure eine existenzielle Notwendigkeit, das ist in jedem ihrer Werke spürbar, weshalb ihre Filme sich mit Widerhaken im Gedächtnis verankern.

          Was wird nun mit ihnen geschehen? Und wer werden die nächsten sein? Die beispiellose Verhaftungs- und Hinrichtungswelle gegen alle Widerständigen, Künstler, Schriftsteller aus den späten Achtzigern und Neunzigern wird schon wieder hier und da als Referenz zitiert. Gibt es ein Mittel, diese Welle der Repression aufzuhalten, zurückzudrängen? Die internationalen Festivals haben die Freilassung der drei Filmemacher gefordert, Kollegen sich solidarisiert. Wer hat den Einfluss, wer die Macht, diese Künstler in Sicherheit zu bringen oder wenigstens heraus aus den Gefängnissen? Es ist höchste Zeit, dass die Proteste auch von politischer Seite bestärkt werden, von Deutschland, von Europa und dem Rest der Welt, der noch hinschaut.

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