https://www.faz.net/-gqz-80boa

Oskar Roehler im Gespräch : Butterfly-Schwimmen im Landwehrkanal

Ich wollte den Film ja machen, ich hatte auch meine Unterstützer, die mich aufgebaut haben. Ich hatte aber auch Angst vor dem Film. Vor den Dreharbeiten habe ich zwei Nächte lang kein Auge zugetan. Da war die Angst, dass der Film in die Hose geht, dass keiner in der Lage ist, das Drehbuch umzusetzen, ich schon gar nicht. Irgendwie hat es dann doch funktioniert, und der Film hat den Humor, den ich haben wollte.

War diese Angst eine neue Erfahrung?

Nein, bei „Quellen des Lebens“ habe ich zwei Tage vor Drehbeginn die Hauptdarsteller ausgewechselt. Die Versagensängste beim Film sind größer. Wenn man anfängt, hat man letztlich nichts in der Hand, das Drehbuch ist nur Stütze, mehr nicht. Es gibt so viele Imponderabilien, die einen wie mich, der keine Motivationsmaschine ist und mit dem Alter auf viel mehr Dinge empfindlich reagiert, unter Druck setzen. Regisseur ist ein Beruf, in dem man mit Erfahrung zwar sehr viele Dinge lösen kann, aber ich bin verletzbarer als früher, ohne dass ich etwas dagegen tun könnte. Vielleicht ist ja Filmemachen „No Country for Old Men“.

Könnte die Angst auch etwas damit zu tun haben, dass Buch und Film sich in Tonlage und Erzählweise sehr deutlich voneinander unterscheiden? Klamauk und Komik überwiegen im Film, Verzweiflung dominiert im Buch. Woher rührt diese Diskrepanz?

Beim Film stand für mich schon, wie auch bei „Quellen des Lebens“, der Unterhaltungswert im Vordergrund. Ganz banal. Was funktioniert gut? Der Umgang mit Sprache ist eher etwas Intuitives. Das Filmemachen verlangt eher praktische Intelligenz, den Dialog mit einem Gegenüber.

Etwas funktioniert – das heißt ja auch: Man muss einem jüngeren Publikum irgendwie klar machen, dass Menschen tatsächlich so gelebt haben wie damals im Westberlin der achtziger Jahre.

Wenn man den Nihilismus jener Zeit einigermaßen klar betrachten will, dann muss man es satirisch anlegen. Viele der Ideen damals, unter Drogen ausgeheckt, waren Humbug, aber eben auch gelebtes Leben. Im Buch ist die Hauptfigur manischer, krasser als im Film, ein Außenseiter, der sich wie ein abgesplittertes Teil des Universums fühlt, wogegen Robert im Film wie ein lernwilliger Eleve daherkommt, um den man sich keine großen Sorgen machen muss.

Der Film ist fast schon ein Buddy Movie. Da ist der gute Kumpel Schwarz, den es im Roman nicht gibt. mit ihm gemeinsam wird beim Vater eingebrochen, er verschafft Robert einen Job. Das ist eine ganz andere Dramaturgie als im Buch.

Ich bin zu sehr Unterhaltungsfilmer inzwischen, ich füge gleichsam automatisch diese Elemente ein, die Sie beschreiben. Es muss Pointen geben, die dürfen ruhig auch harmloser sein.

Es gibt bei dieser Adaption ein kleines Missgeschick. Wenn man in der Peepshow sieht, wie das Sperma an die Schreiben spritzt, und dazu quillt der Schmalz aus Nino di Angelos „Jenseits von Eden“ – eine typische Roehler-Szene -, dann muss man sagen, dass der Song von 1984 ist und der Film ein, zwei Jahre früher spielt.

Das ist leider wahr. Das Problem war, dass meine eigene Arbeit in einer Peepshow tatsächlich ins Jahr 1984 fällt, ich konnte das einfach nicht mehr wegdenken.

Wenn wir über die Unschärfen der Erinnerung sprechen, muss ich Sie auch nach Ihren eigenen Filmen fragen. Sie haben mal gesagt, wenn Sie auf ihre früheren Filme zurückblickten, würden Sie manche nicht mehr machen.

Ich habe da merkwürdig gemischte Erfahrungen. Ich habe bei einem Seminar kürzlich „Der alte Affe Angst“ gezeigt. Er kam gut an, ich war selber überrascht. Ich habe mir meine Filme sonst nie wieder angesehen, ich weiß gar nicht mehr, ob sie gut sind oder nicht. Beim „Alten Affen“ war es so, dass ihn gerade mal 60.000 Zuschauer im Kino gesehen haben. Man kann mit einem solchen Film, egal wie gut er ist, keinen Blumentopf gewinnen. Ich würde etwas Ähnliches gar nicht mehr angehen. So eine düstere, tragische, private Geschichte. Auch wenn einige gesagt, haben, meine frühen Filme seien radikaler gewesen. Das kann ich nicht nachempfinden.

Und wo wird „Tod den Hippies! Es lebe der Punk“ landen?

Der gehört hoffentlich nicht in die Kategorie der wahnsinnigen Misserfolge wie „Suck my Dick“. Ich hoffe, dass es diesmal glimpflicher ausgeht.

Weitere Themen

Topmeldungen

Zur Diskussion gestellt: Bundesjustizministerin Christine Lambrecht ließ einen „Diskussionsentwurf“ verschicken, der vorstellt, wie sich die Beamten des Ministeriums die Umsetzung der EU-Urheberrechtsrichtlinie in nationales Recht vorstellen.

EU-Urheberrecht : Kein Vorschlag zur Güte

Das Justizministerium schlägt vor, wie das neue EU-Urheberrecht in nationale Gesetze aufgenommen werden soll. Der Vorschlag wirkt moderat, doch er birgt Sprengstoff. Auch für die Bundesregierung.
Hochzeitswagen auf den Straßen Istanbuls

Brief aus Istanbul : Beim Kindermachen denken Sie woran?

„Denken Sie während des Aktes an Ihren geistigen Führer, um ein sittsames Kind zu bekommen“: Wie sich die Regierenden in der Türkei ins Privatleben ihrer Bevölkerung einmischen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.