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Oskar Roehler im Gespräch : Butterfly-Schwimmen im Landwehrkanal

Na ja, die jungen Leute feiern heute auch noch und machen Party. Aber ob das Lebensgefühl von damals noch jemanden erreicht, außer denen, die diese Erfahrung mit mir teilen – keine Ahnung. Es war schon sehr speziell. Und die Besten damals waren in gewisser Weise Flagellanten, sie machten eine Art Voodoo, waren Teufelsaustreiber und -Beschwörer, die gewissermaßen schwarze Messen abhielten auf der Bühne, die sie als Musik ausgaben.

Man könnte auch manche Ihrer Filme seit der „Unberührbaren (2000) und Ihre Bücher als eine Art Exorzismus beschreiben. Mit wechselnden Darstellern und wechselnden Namen treiben Sie in „Quellen des Lebens“ und „Herkunft“, in „Mein Leben als Affenarsch“ und in „Tod den Hippies“, die Dämonen Ihrer Eltern aus.

Stimmt schon, ja, es ist aber auch so inzwischen, dass ich es genieße, den absurden Witz darin zu suchen. Literarisch habe ich mich eher an Autoren wie Curzio Malaparte zu orientieren versucht, den ich noch mal intensiv gelesen habe. Bei Malaparte gibt es ein dekadentes Vergnügen daran, bizarre Szenen von Gewalt, Verkrüppelung und Wahnsinn zu schildern. Ich erinnere mich an seitenlange Beschreibungen, wie in Hamburg Menschen verbrennen, die ins Wasser springen und von den Phosphorbomben getroffen werden. Situationen derart auszuweiden, auch als Lust an der Form, das gefällt mir

Der Roman hat ja eine zum Teil auch zitierte Ahnengalerie: Burroughs, Celine, Genet. Wie ist das im Film?

Ich muss, bei aller Liebe zum Filmhandwerk, gestehen: In Gedanken bin ich jetzt mehr beim Buch. Es ist wunderbar, was einem einfällt, wenn man mit Sprache zu tun hat und nicht allein mit Drehbuchsätzen. Es gibt diese Überlagerungseffekte, wenn man aufschreibt, wie Robert seinen gesamten aussätzigen Körper in Mull hüllt und die ganze Nacht durchbrüllt wie in „Eraserhead“. Da sitze ich am Schreibtisch, es ist ein großer Spaß, man kehrt den Sinn der Geschichten um, schafft neue Situationen aus Sprache. Das geht natürlich auf andere Weise auch im Film. Ich habe ja Buch und Film fast parallel geschrieben.

Wie hat sich das dann auseinander entwickelt?

Man überlegt sich schon sehr lange, ob man wirklich ein Buch schreiben will. Man setzt sich nur dann hin, wenn man weiß, dass man es schafft und dass genug da ist. Es gab immer Ansätze für einen Roman, ich habe aus der Laune des Augenblicks hier und da etwas in meinen Blackberry getippt, ohne zu wissen, ob es am nächsten Tag weitergeht. Dann habe ich innerhalb von drei Wochen Szenen für ein Drehbuch daraus entwickelt. Da standen dann auch Sätze aus dem Buch drin, die ich Figuren in den Mund gelegt habe: „Gott ist nicht im Arsch der Schwulen.“ Beim ersten Antrag haben wir dann keine Förderung für das Buch bekommen. Und ich hatte auf einmal die dunkle Befürchtung, dass ich den Film nicht finanziert bekomme, weil er geschmacklich nicht gefällt, weil er zu destruktiv und politisch unkorrekt ist. Mir war es aber wichtig, diese Geschichte zu erzählen. Ich musste das aufschreiben, auch wenn ich dann nur tausend Exemplare an meine Freunde verteilt hätte. Ein Buch zu schreiben ist ja letztlich ehrlicher: Kein Erfolg, kein Geld. In der Filmwirtschaft dagegen haben bis auf ein paar Superprofis alle Schulden. Würde das übers persönliche Konto laufen, wären fast alle pleite. Und die meisten hätten, das gilt auch für mich, nach dem ersten keinen zweiten Film mehr gemacht.

Sie haben dann doch Filmförderung bekommen. Warum passte es auf einmal?

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