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Oskar Roehler im Gespräch : Butterfly-Schwimmen im Landwehrkanal

Es gibt ja derzeit auch ein kleines Revival der Subkultur. Mit David Bowies Video „Where Are We Now?“ fing es an, es folgte Wolfgang Müllers leicht geschwätziges Buch „Subkultur Westberlin 1979-1989“, kürzlich auf der Berlinale war der Film „B-Movie. Lust & Sound in Westberlin 1979-1989“ zu sehen. Wie erklären Sie sich das?

All die Leute haben ja die 50 überschritten, und ich meine das durchaus positiv. Jeder beginnt in diesem Alter, sich zurück zu besinnen. Die Vergangenheit wird viel wichtiger als zuvor. Ich spüre dabei auch, dass ich ganz starke Wurzeln in den Achtzigern habe, diesen Rest von Anarchie, der noch in mir steckt, auch in den Filmen. Ein Film wie „Der alte Affe Angst“ ist ja auch ein Resultat dieser krassen Schule der Achtziger, des Dekonstruktivismus. Von Sarkasmus, Verachtung und Größenwahn, denen wir alle gefrönt haben. Und letztlich ist da natürlich die Punk-Kultur, das ist es, wo ich herkomme, da wollte ich hin, schon im Internat, als ich das erste Mal Nick Cave, Blixa Bargeld oder Sid Vicious hörte. Da war ich 16, 17. Da ging das auch los mit Westberlin. Und das Schöne beim Schreiben ist, dass man auch ein Stück Wut, ein Stück dieser Rhetorik zurückholen kann, die zu dieser Zeit passt. Über die Neunziger könnte man gar nicht so schreiben. Das war eher Ecstasy und Liebe und Techno. In den Achtzigern war das wie ein Gehirnfick.

Sie meinen damit auch die Drogenerfahrungen, vor allem mit Speed?

Einen meiner Speed-Exzesse habe ich ja lang im Roman beschrieben, mit Vergnügen und hoffentlich auch zum Vergnügen der Leser. Das war typisch. Speed, das ja als Durchhaltedroge von den Nazis benutzt wurde, hat nun nicht aus allen Nutzern Gesinnungs-Nazis gemacht, aber es trug mit dazu bei, dass die Nazizeit in Berlin auf einmal wieder so präsent schien. Wenn man in Second Hand Läden ging, um bloß einen Stuhl zu kaufen, hat man die ganzen Naziuniformen gesehen, dazu Reihen voller Ledermäntel. Und rundherum die Ruinen und Brachflächen. Dazu acht Monate Dunkelheit, unbeheizte kalte Wohnungen, da war dieses Russlandfeldzug-Feeling. Dieses Berlin kam einem vor wie unter einem Brennglas, wo man Zerstörung und Vergangenheit ganz deutlich gespürt hat. In jedem Haus, jedem Hinterhof, jeder Wohnung war man wie in der Nachkriegszeit. Es gab keine Gegenwart.

Und es gab, wie die Punk-Parole „no future“ sagt, auch keine Zukunft!

Es gab allerdings eine ästhetische Aversion, keine politische gegen das, was da als alternative Kultur aufkam, gegen die Ökos und Grünen. Wenn die mit ihrer Musik Demos machten, haben wir Lautsprecher auf die Fensterbänke gestellt und den Walkürenritt aufgedreht. Nicht weil wir rechts waren, es war ein dekadentes Dandytum, das wir schick fanden. Eigentlich waren viele ja links sozialisiert, Blixa Bargeld zum Beispiel hatte es in der Schule mit der KPD/ML Der Untergang jedoch gab viel mehr her, das hatte etwas Magisches, Mystisches. Die Geister, die nicht mehr beschworen werden durften, die sich in Westdeutschland in Gartenzwerge verwandelt hatten, die waren plötzlich präsent.

Ich erinnere mich, dass wir damals schon aus der Provinz nach Berlin gefahren sind und Orte wie das „Risiko“ oder das „SO36“ aufgesucht haben. Eine Art früher Event-Tourismus. Heute halten Reisebusse dort, wo in den späten Siebzigern David Bowie und Iggy Pop gewohnt haben. Was geht Ihnen da durch den Kopf? Sie in jenen Jahren, so steht es im Roman, beschäftigt mit dem „Überleben im Krieg gegen mich selbst“.

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