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Helmut Dietl ist tot : Münchens volkstümlicher Wiederholungstäter

Verlässt die Bühne: Helmut Dietl im Dezember bei der Aufzeichnung der Sendung „Menschen 2014“. Bild: dpa

Niemand machte Fernsehen wie er, und auch ins Kino brachte er zwei Meisterwerke: Der Regisseur, Drehbuchautor und Produzent Helmut Dietl starb im Alter von 70 Jahren in München

          Helmut Dietl war einer jener Künstler, deren Werk so volkstümlich geworden ist, dass man sich gegenseitig Dialoge daraus zuwerfen kann. Man denke nur an den von Mario Adorf gespielten rheinischen Generaldirektor Heinrich Haffenloher, der dem von Franz Xaver Kroetz gespielten Society-Reporter Baby Schimmerlos zubrummt: „Ich scheiß dich so was von zu mit meinem Geld, dass du keine ruhige Minute mehr hast.“ Niemals ist die Macht des Geldes im deutschen Fernsehen brutaler und zugleich witziger in Szene gesetzt worden als in dieser Folge der nur sechsteiligen, aber nie genug zu lobenden Fernsehserie „Kir Royal“. Mit ihr hat Dietl 1986 Fernsehgeschichte geschrieben.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Allerdings als Wiederholungstäter, denn schon zuvor hatte er weitere Serienerfolge: mit „Monaco Franze – Der ewige Stenz“ (1983), „Der ganz normale Wahnsinn“ (1979) oder „Münchner Geschichten“ (1974). Alle diese Serien hatten ihr Herz in München, der Stadt, in der Dietl zwar nicht geboren war – er kam 1944 in Bad Wiessee zur Welt –, aber die durch ihn wie neugeboren auf die Bildschirme trat. In München hatte Dietl studiert, Theater inszeniert und schließlich all unsere Vorstellungen von dem umgekrempelt, was deutsches Fernsehen leisten kann.

          Lichtführung und Dialogkunst

          Ins Kino kam er spät als Regisseur, erst 1992, aber dann gleich mit „Schtonk!“, der Groteske über die gefälschten Hitler-Tagebücher, für die er eine Starbesetzung zusammenbekam, die „Kir Royal“ nicht nachstand: Götz George, Uwe Ochsenknecht, Christiane Hörbiger, Harald Juhnke, Ulrich Mühe. Dietl schrieb wie üblich selbst am Drehbuch mit und machte aus der wahren eine wahnwitzige Geschichte, über die man die Kläglichkeit des ursprünglichen Skandals fast vergessen mochte – so spielfreudig agierten seine Darsteller. Der Titel mit dem Lautmalerei-Zitat aus Charlie Chaplins „Großem Diktator“ war nur das filmgeschichtliche Sahnehäubchen auf eine Satire, die tatsächlich internationalen Ansprüchen mehr als genügte. „Schtonk!“ ist einer der deutschen Filme für die Kino-Geschichtsbücher.

          „Rossini“, der Nachfolger von 1997, ist es auch, vor allem aber deshalb, weil hier mit einer Lichtführung gearbeitet wird, wie man sie seit Kubricks „Barry Lyndon“ nicht mehr gesehen hatte. Einmal mehr ist dabei die Münchner Schickeria Dietls Thema, wieder einmal schrieb Patrick Süskind mit ihm gemeinsam das Drehbuch (wie auch bei „Kir Royal“ und schon einzelnen Episoden des „Ganz normalen Wansinns“), und dass der scheue Süskind selbst das Vorbild für den von Joachim Król gespielten Schriftsteller Jakob Windisch bietet, macht einen nicht unerheblichen Teil des Reizes dieses melancholischen Spielfilms aus, der ein Dialogkunststück ist wie sonst im jüngeren deutschen Kino nur Romuald Karmakars „Manila“ (zu dem auch ein Schriftsteller, Bodo Kirchhoff, das Drehbuch schrieb).

          Was für eine Perlenkette

          Die letzten drei Filme Dietls scheiterten dagegen: an der Kinokasse, aber zweimal auch am eigenen Versuch, das eigene ironische Erfolgsrezept immer weiter fortzuschreiben. „Late Night“ (1999) und „Zettl“ (2012) wilderten jeweils wieder in der Medienbranche, Letzterer gar als unmittelbare Fortsetzung von „Kir Royal“, der sich Franz Xaver Kroetz aber zum Glück verweigert hatte. Dazwischen lag mit „Vom Suchen und Finden der Liebe“ von 2005 eine abermals mit Süskind zusammen geschriebene leise Komponistentragödie, die das Zeug zum großen Wurf hatte, aber nicht an den Überschwang der früheren Dietl-Filme herankommen wollte und deshalb nicht die Aufmerksamkeit fand, die sie verdient hätte.

          Doch das schmälert nicht die Bedeutung Dietls und seines Werks, denn wer hat schon als Regisseur eine solche Perlenkette vorzuweisen, wie er in jenem knappen Vierteljahrhundert von „Münchner Geschichten“ bis „Rossini“? Jetzt ist Helmut Dietl nach langer Krankheit gestorben, natürlich in München. Gäbe es analog zum Staatsbegräbnis so etwas wie ein Stadtbegräbnis, er hätte es verdient.

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