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Filmporträt über Handke : So schön war die Stille gar nicht

„Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte“, hat Peter Handke der Filmemacherin ausgerichtet. Hier ist er allerdings pünktlich beim Lesen in seinem Haus. Bild: Piffl Medien

Nicht schon wieder Pilzesammeln im stummen Wald: Corinna Belz hat ein Filmporträt über Peter Handke gedreht, ist dabei aber einem fatalen Irrtum erlegen.

          Es gibt eine große Szene in diesem Film. Sie erzählt davon, wie der Dichter Peter Handke und seine Tochter Amina an einem Tisch zusammensitzen, und Handke erinnert sich an eine Ohrfeige, die er der Tochter gegeben hat, als sie noch ein kleines Kind war. Darunter, sagt der Dichter, habe er sehr gelitten. Für sie selbst, antwortet die Tochter, sei die Ohrfeige eigentlich gar nicht so schlimm gewesen. Viel schlimmer, sagt sie, war das Fortgehen der Mutter. Aber danach habe doch endlich einmal Ruhe geherrscht, entgegnet ihr Vater: „Du warst ganz still.“ Und es sei „eine schöne Stille“ gewesen. Nein, sagt Amina, inzwischen selbst als Kuratorin und „cross media artist“ tätig, das habe sie anders empfunden. Einen Augenblick lang wird es still am Tisch.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Die andere, kleinere wichtige Szene in „Peter Handke - Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte“, wie der Film von Corinna Belz mit byzantinischer Knappheit heißt, zeigt die Schauspielerin Sophie Semin, Handkes zweite Ehefrau, im Garten ihres Hauses bei Paris. Eigentlich will sie darüber reden, wie sehr der Dichter unter den öffentlichen Polemiken nach seiner Parteinahme für Serbien und Milošević im Jugoslawien-Krieg gelitten hat. Aber dann sagt sie noch etwas anderes. Um mit Handke gemeinsam leben zu können, müsste man ein Schloss mit zwei Flügeln besitzen. „Aber man hat halt kein Schloss.“ Die beiden wohnen seit fünfzehn Jahren nicht mehr zusammen.

          Hilflos gereimtes Huldigungsgedicht

          Ein Filmporträt über einen Mann, der seit gut fünfzig Jahren in ebenso vielen Romanen, Erzählungen, Dramen, Aufsätzen, Tagebüchern, Reiseberichten und Gedichten ein ununterbrochenes Zwiegespräch mit sich selbst hält, sollte eigentlich eine lösbare Aufgabe sein. Man müsste den Dichter, der alles, was ihm widerfährt, in Sprache verwandelt, nur dabei beobachten, wie ihm etwas widerfährt, das er nicht sofort „ins Tun“, wie er sein Schreiben nennt, übersetzt. Wie sein Leben an das Leben der anderen stößt. Das Leben seiner Tochter, seiner Frau, seiner Freunde. Der Pariser Passanten. Der Tiere im Wald. Der Fremden im Zug.

          Manchmal ist Corinna Belz kurz davor, diese Intensität der Beobachtung zu erreichen. Aber dann wendet sie ihren Kamerablick wieder ab, weg von den Dingen, hin zu dem Dichter. Über Peter Handke, meint sie, kann nur Handke selbst Auskunft geben. Darin liegt der Irrtum ihres Films. Alles, was er sagt und zeigt, hat der Dichter in fünfzig Jahren schon besser und klarer gesagt: über seine Menschenscheu und Menschensucht, seinen Glauben an die eigene Sendung, sein Pilzsammeln, seine Wälderliebe, sein Heimweh, seinen Zorn. Was Corinna Belz in Handkes Haus in Chaville und in Handkes Manuskripten findet, sind Illustrationen und Zitate. Der Dichter im Garten. Der Dichter in der Küche. Der Dichter, wie er ungeduldig einen Faden in eine Nähnadel schiebt. Der Dichter, wie er eine Seminararbeit seiner zweiten Tochter Léocadie über Ozu, Ford und Antonioni liest. Kein Bild geht daneben, und doch wirken alle zusammen wie eines jener hilflos gereimten Huldigungsgedichte, die Jubilare zu runden Geburtstagen verehrt bekommen.

          Vor fünfzig Jahren hat Handke durch seinen Auftritt bei der Gruppe 47 in Princeton die literarische Nachkriegszeit beendet. Dreißig Jahre später herrscht er, wie man bei Corinna Belz in einer Archivaufnahme sieht, in Wien einen Zuschauer bei einer Podiumsdebatte über Jugoslawien an, er solle sich seine Betroffenheit „in den Arsch“ stecken, und spaltet damit - wie mit seinen Texten zu Jugoslawien überhaupt - seine Lesergemeinde in zwei Teile. „Immer noch Sturm“ heißt eines seiner jüngeren Theaterstücke. Ein Film, der wirklich vorhätte, Handke zu fassen zu bekommen, müsste mit ihm dorthin gehen, wo seine Stürme wehen, in die Welt, die er sich mit aller Sprachgewalt vom Leib zu halten versucht. Corinna Belz begnügt sich mit einem Hausbesuch samt Exkursion. Dabei gehen ihr zwei Momente ins Netz, die man noch in keinem Handke-Film gesehen hat. Der Rest ist Huldigung und Fleißarbeit. Der Dichter bleibt in seinem Wald, und als die Kamera endlich merkt, wo er sich versteckt hat, ist es zu spät.

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