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Filmkritik zu „Iron Sky 2“ : Wenn Adolf Hitler den Tyrannosaurus reitet

  • -Aktualisiert am

Vermischte Motive: Udo Kier in der Rolle von Adolf Hitler, der hier Wolfgang Kortzfleisch heißt, in einer Szene aus „Iron Sky 2: The Coming Race“ Bild: dpa

Die letzten Menschen und die letzten Nazis vom Mond suchen den Heiligen Gral: Die Fortsetzung der Trash-Saga „Iron Sky“ findet Verbindungen zwischen alten und neuen Verirrungen.

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          Neulich landete zum ersten Mal ein Raumschiff auf der Rückseite des Mondes. Chang’e 4 heißt die chinesische Sonde, nicht minder wichtig ist der Satellit Quequiao, denn davor war die erdabgewandte Seite des Trabanten ein Funkloch. Nun kann man von dort Bilder zwar nicht direkt auf Instagram hochladen, aber ohne große Probleme in Umlauf bringen. Natürlich hat niemand im Ernst erwartet, eine bisher unbekannte Infrastruktur da hinten zu finden. Aber eine gewisse Profanierung hat doch stattgefunden – all die abstrusen Ideen über die Geheimnisse der Mondrückseite stehen nun ein bisschen mehr unter Druck.

          Der finnische Science-Fiction-Film „Iron Sky“ (2012) und seine aktuelle Fortsetzung „Iron Sky 2: The Coming Race“ sind besonders betroffen. Die zentrale Idee dieser Trash-Saga betraf eine Mondbasis in Form eines Hakenkreuzes, auf der nach 1945 die Nazis eine Zuflucht gefunden hatten. Unerreichbar für die Spione des Kalten Krieges konnten sie an ihrem welthistorischen Comeback arbeiten, sie bedurften dazu nur einer neueren Technologie, um ihr Superschiff „Götterdämmerung“ richtig flottzumachen: ein Smartphone oder ein Tablet.

          Sieben Jahre später hat sich auf der Erde die Herrschaft der vorgeblich intelligenten Telefone so stark konsolidiert, dass selbst auf dem Mond eine Gemeinde existiert: sie versteht sich als „geschlossenes System“, ihre Leitfarbe ist Weiß, und wer sich dabei erwischen lässt, dass er auf sein Endgerät nicht vorgesehene Applikationen geladen hat, wird i-exkommuniziert. Der Führer dieses Kults heißt Donald, was wiederum in ein anderes Zeichensystem verweist. Die wilde Collage von Ideen war den finnischen Machern von „Iron Sky“ immer schon angelegen. Sie kommen aus einer Welt, in der Memes wichtiger sind als ausgeklügelte Erzählungen. Eine aufgeblasene Welt wie die von „Star Wars“ bildet ein ideales Ziel für einen parodistischen Querschuss, der dann aber weit über die Sternensaga aus dem Hause Lucas hinausgeht, nämlich weltgesellschaftlich und universalhistorisch aufs Ganze.

          „Iron Sky“ erfuhr 2012 auch deswegen so große Aufmerksamkeit, weil man darin ein relevantes Beispiel für die neuen Synergien zwischen Kino und Internet sehen konnte. Das Projekt beruhte zum Teil auf (finanziellem wie intellektuellem) Crowdfunding, es kam offenkundig aus einer Community, die sich längst nicht mehr als „Clip-Kultur“ abtun ließ. Zugleich verriet die Geschichte ein profundes Wissen um die Traditionen des Exploitationkinos, um all die untergründigen Phantasien, in der das Faszinationspotential der Naziweltanschauung der Lächerlichkeit durch Übertreibung preisgegeben wurde.

          Die Fortsetzung „Iron Sky: The Coming Race“ sucht nun folgerichtig einmal mehr nach einer Verbindung zwischen ältesten und neuesten Verwirrungen. Auf der Mondbasis leben zwei Gruppen zusammen, eine kleine Kolonie verbliebener Menschen, und die letzten Nazis. Die Perspektiven sind schlecht, es braucht eine neue Energiequelle, und dafür bedarf es einer Rückkehr zur Erde, die nach einem nuklearen Desaster unbewohnbar geworden ist. Für diese lebensspendende Kraft gibt es im Geschichtenrepertoire der Menschheit einen naheliegenden Namen, und Regisseur Timo Vuorensola sowie Autor Dalan Musson würden den Teufel tun, darauf zu verzichten: in ihrem neuen Film wird einmal mehr der Heilige Gral gesucht.

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          Es trifft sich gut, dass die Rede von diesem Gefäß längst zu einer Chiffre für Ankerpunkte aller Art geworden ist, auch für erzählerische. Selten hat man aber wohl eine Grals-Mythologie gesehen, die so verwegen in alle Richtungen expandiert, dass selbst der große Klitterer Luc Besson dagegen wie ein Motivasket wirkt. Die entscheidende Idee hat Dalan Musson bei dem englischen Klassiker Edward Bulwer-Lytton gefunden, der 1871 in einem Roman über „The Coming Race“ von einer Geheimgesellschaft schrieb, die unterirdisch der Menschheit einen Spiegel vorhält, der durch die Erdkruste aber entscheidend getrübt ist.

          In „Iron Sky 2“ wird diese „Vril“-Gesellschaft auf den neuesten Stand des Konspiratologischen gebracht. Irgendwo unweit des Erdkerns sitzt eine Tischgesellschaft, aufgereiht wie beim Leonardischen Abendmahl. Hier sind sie alle versammelt, die das arrangieren, was unsereiner als Weltgeschehen missversteht: Dschihad und Facebook, Neoliberalismus und Nazismus, alles geht in Wahrheit auf „gestaltwandelnde, reptilienhafte Humanoiden“ zurück. Mark Zuckerberg darf sich als Jüngster in einer Reihe mit Usama Bin Ladin und Margaret Thatcher auf eine spezielle Weise geschmeichelt fühlen.

          Einen Höhepunkt erreicht die Reise zum Mittelpunkt der Erde dann aber erst nach der Rückkehr zum Mond. Denn die Entführung des Grals führt zu einer Verfolgungsjagd, in deren Verlauf Adolf Hitler (oder eigentlich sein vrilisches Original) auf einem Tyrannosaurus alles niedertrampelt. Bis dem urzeitlichen Viech jemand die Schnauze poliert.

          Diese Szenen mit Spezialeffekt sind Ausweis der beträchtlichen Spannweite, die das Projekt „Iron Sky“ inzwischen erreicht hat. Denn die Riesenechse kann es mit „Jurassic Park“ im Wesentlichen aufnehmen, zerstört dabei aber nicht den Charme einer digitalen Bastelstube, den auch die Fortsetzung verströmt. Für die Glaubwürdigkeit ist das unabdingbar: „Iron Sky“ sieht sich in Opposition zu der Unterhaltungsindustrie. Die großen Versprechungen einer digitalen Zukunft, in der alles von unten und dezentral neu gebaut werden könnte, kommen hier noch einmal auf den Prüfstand: die satirische Parole „Make Earth Great Again“ lässt sich in zwei Richtungen lesen, nämlich als neofaschistische Globalkonsequenz aus dem Supernationalismus des gegenwärtigen amerikanischen Präsidenten, aber auch als Wiederbesiedlung eines desolat gemachten Planeten durch findige finnische Technopiraten.

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