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Kritik zum neuen „Spider-Man“ : Der Superheldenfilm fürs postfaktische Zeitalter

Eben noch Denkmal, jetzt schon Ruine, da hängt alles vom Schwung der Retter ab: Peter Parker (Tom Holland) bei der Arbeit. Bild: Columbia Pictures

Was ist echt, wem kann man trauen, und wo liegt die wahre Bedrohung? „Spider-Man: Far From Home“ bietet sehr viel mehr als die fulminante Zerstörung von Kulturdenkmälern: eine politische Parabel.

          Es gibt ein Machtvakuum im Marvel-Universum. Seit dem Tod von Iron Man in „Avengers: Endgame“ ist sein Posten verwaist, und da geht es nicht nur um seine Tech-Firma, sondern um viel mehr: Er war eine öffentliche Figur, die ihre eigenen Drohnenstreitkräfte und zahllose Satelliten befehligte. Eine Art private Ein-Mann-Nato, und nun muss die Befehlsmacht dringend an einen Nachfolger übertragen werden. An diesem Punkt setzt „Spider-Man: Far From Home“ an, der sehr viel mehr bietet als die fulminante Zerstörung von Kulturdenkmälern – nämlich eine Parabel auf Politik im postfaktischen Zeitalter.

          Denn es gibt zwei Kandidaten für die Nachfolge. Einmal Peter Parker alias Spider-Man, dessen Freund und Mentor Iron Man war, der aber noch ein Teenager ist und sich nicht vorstellen kann, ein Imperium zu führen. „Ich bin doch nur ein freundlicher Spider-Man aus der Nachbarschaft“, sagt er und beweist seine Unerfahrenheit prompt, indem er versehentlich einen Drohnenangriff auf den Reisebus seiner Schulklasse auslöst. Kandidat Nummer zwei wirkt auf den ersten Blick wie eine gute Wahl: nicht prominent, aber kompetent. Leider stellt sich heraus, dass er seine Bekanntheit steigern will, indem er eine künstliche Bedrohung erschafft, die er dann möglichst öffentlichkeitswirksam bezwingen kann, und zwar ohne Rücksicht auf Verluste: „Mehr Opfer, mehr Glaubwürdigkeit.“

          Auf Wasser folgt Feuer

          Zwei suboptimale Kandidaten also, was macht man mit ihnen in der echten Politik? Klar: sie gegeneinander kämpfen lassen. Regisseur Jon Watts und die Drehbuchautoren Chris McKenna und Erik Sommers, die auch schon für den Vorgänger „Spider-Man: Homecoming“ verantwortlich zeichneten, schicken sie dafür auf Europa-Tournee. Denn Peter Parker (grandios gespielt von Tom Holland) geht mit seiner Klasse auf Studienreise und hat sich schon genau überlegt, wie er bei dieser Gelegenheit das Herz von MJ (Zendaya) erobern kann. Entsprechend wirkt die erste Viertelstunde des Films wie ein ausgesprochen witziger, aber vollkommen harmloser Jugendfilm. Dann allerdings erhebt sich über den Kanälen von Venedig ein Wassermonster, das die Stadt zu vernichten droht – als würde Venedig das nicht ganz allein hinkriegen. Und Peter Parker lernt Mysterio kennen (Jake Gyllenhaal), der mit ihm gemeinsam die „Elementals“ bekämpft. Auf Wasser folgt Feuer, und Venedig ist nicht als einzige Stadt in Gefahr.

          Auch der nächste dramaturgische Schritt ist aus der Politik bekannt: Plötzlich tun sich doppelte Böden auf. Eben noch glaubte man, Freund und Feind zu kennen, aber schon in der nächsten Szene kann man sich nicht mehr sicher sein. Nicht mal das, was aussieht wie eine konkrete Bedrohung, ist zwangsläufig echt. „Die Menschen müssen an etwas glauben“, sagt der Bösewicht des Films. „Und heutzutage glauben sie an alles.“ Auch an die Hologramme, die London zu zerstören drohen und denen der Film ein paar faszinierende Actionszenen verdankt, wie man sie noch nicht gesehen hat.

          Es bleibt im Film wie in der Politik die Frage: Was ist echt? Zig Realitäten werden ineinandergeschachtelt, und am Ende hilft nur, auf den eigenen Instinkt zu vertrauen. Das ist eine Technik, auf die sich auch Politiker gerne berufen. „Spider-Man: Far From Home“ macht deutlich, dass das zwar funktionieren kann – aber fast immer Ausweis größter Verzweiflung ist in einer Situation, in der man nicht auf echtes Wissen zurückgreifen kann.

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