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Danny Boyles Film „Yesterday“ : Reiskörner sammeln mit Eleanor Rigby

  • -Aktualisiert am

Himesh Patel spielt den einzigen Menschen, der sich nach einem Blackout an die Beatles erinnert. Und wird ein Star. Bild: AP

Danny Boyle erzählt in seinem neuen Film von einer Welt, in der sich nur ein einziger an die Beatles erinnert. Und dieser einzige Beatles-Kenner spielt zufällig Gitarre.

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          Kennen Sie Eleanor Rigby? Vermutlich haben Sie schon von ihr gehört. Eleanor Rigby, das ist doch die Dame aus einem Song von dem Beatles. „All the lonely people, where do they all come from?“ Eleanor Rigby sammelt den Reis in einer Kirche ein, in der jemand gerade geheiratet hat. Und was wissen wir noch von ihr?

          In Danny Boyles neuem Film „Yesterday“ sitzt ein junger Mann mit Gitarre in seinem Zimmer und versucht, zusammenzukriegen, was er noch von Eleanor Rigby weiß. Er ist in einer eigentlich kaum fassbaren Situation. Denn Jack Malick lebt in einer Welt, in der es keine Beatles gab. John, Paul, George und Ringo haben nie zusammengespielt. „Here Comes the Sun“ findet sich in keiner Playlist, „Sergeant Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ sagt niemandem was, und wenn Jack in einem Strandcafé die Akkorde zu „Yesterday“ anschlägt, dann horchen seine Freunde auf: Was ist das denn? Das ist ja viel besser als alles, was Jack davor so gesungen hat. Unglaublich viel besser.

          „Yesterday“ ist eine Popkomödie, die auf einer einfachen, allerdings haarsträubenden Idee beruht. Richard Curtis, der Autor des Drehbuchs, hat ein paar Dinge aus der Gegenwart gestrichen. Zwölf Sekunden lang fällt auf dem ganzen Globus der Strom aus, es rumpelt ein bisschen in der kosmischen Statik, und dann geht die Geschichte auf einer Nebenspur weiter. Es ist beinahe alles so wie vorher, aber eben nur beinahe. Jack Malik hat diesen rätselhaften Vorfall verschlafen. Nach einem Verkehrsunfall war er gerade nicht bei Bewusstsein. Nun ist er gänzlich allein mit seinem Popgedächtnis. Nur er kennt zu den „Strawberry Fields“ und zur „Penny Lane“ eine Melodie, nur ihm fallen die Klaviertöne zu „Hey Jude“ und „Let It Be“ ein. Jack ist ein Genie, allerdings eines auf Leihbasis. Er wird den Argwohn nicht los, dass irgendwann jemand kommen wird, der die Rechte der Fab Four einfordern wird. Vorerst aber überlässt er sich der Dynamik der Ereignisse.

          Der Mann hinter dieser brillanten Idee ist kein Unbekannter. Richard Curtis schrieb, gemeinsam mit Rowan Atkinson, die Comedy-Serie „Blackadder“, er war auch an der Figur Mr. Bean beteiligt, und er hat fast im Alleingang das Genre der britischen romantischen Komödie im Kino etabliert („Vier Hochzeiten und ein Todesfall“, „Notting Hill“). Mit „Yesterday“ aber trifft er mitten ins Herz einer populären Kultur, die alles verfügbar hat, durch die digitale Allgegenwart aber auch misstrauisch geworden ist: Ist heute nicht alles tendenziell post-originell? Wer schreibt heute noch zwingende Melodien? Ist Ed Sheeran ein Genie?

          Ed Sheeran gegen die Beatles?

          Der britische Sänger und Songwriter mit dem Wuschelkopf hat immerhin die Größe, dass er sich in „Yesterday“ selbst in diesen ungleichen Wettbewerb verwickeln lässt. Ed Sheeran gegen die Beatles, das wäre ein ungleiches Duell. Ed Sheeran gegen Jack Malik, das sieht zuerst einmal auch schief aus, denn der eine ist einer der größten lebenden Popstars, und Jack (Himesh Patel, bekannt aus „EastEnders“) ein verhinderter Barde von der englischen Ostküste, aus dem Örtchen Lowestoft. Ellie (Lily James), seine Managerin, unterrichtet tagsüber Mathe. Jack und Ellie sind eigentlich ein perfektes Paar, sie müssen nur erst einen bedeutenden Widerstand überwinden: Sie kennen einander fast zu gut für die große Liebe. Es bedarf also eines Umwegs, und der führt über die Versuchungen des Showgeschäfts.

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