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Danny Boyles Film „Yesterday“ : Reiskörner sammeln mit Eleanor Rigby

  • -Aktualisiert am

Sheeran hört zufällig einen der „neuen“ Songs von Jack, und entschließt sich, ihn zu einem Konzert nach Moskau mitzunehmen. Dort erweist sich, dass niemand weiß, was die „USSR“ sein soll. Curtis hat also auch die Sowjetunion aus der Geschichte seiner Parallelwelt subtrahiert, ein beziehungsreiches Detail, denn es verweist darauf, dass es auch noch wichtigere Aspekte gibt, wenn einer mit dem Radiergummi durch die Weltgeschichte gehen wollte. Hinter der Bühne kommt es in Moskau dann zu einem Sängerwettstreit. Sheeran beendet ihn mit einem Schiedsspruch: neben diesem Mozart ist er nur ein Salieri.

Im Innersten von „Yesterday“ zeigt sich aber noch ein größeres Motiv als das der künstlerischen Rivalität. Curtis variiert im Grunde die klassische Geschichte von Doktor Faustus. Jack bekommt eine Inspiration geschenkt, die nicht seine ist. Nur mit dem Unterschied, dass ihm kein Teufelspakt abverlangt wird, sondern nur der „Kelch“ der heutigen Musikindustrie. Er muss sich einfach darauf einlassen, dass der Schatz der Lieder, den er im Kopf hat, nach allen Regeln der heutigen Marketing- und Influencing-Strategien unter die Menschen gebracht wird. Auch da hat das Drehbuch noch eine kluge Pointe. Denn Jack hat die Songs der Beatles zwar im Ohr – so wie vermutlich alle Menschen, die sich diesen Film ansehen werden, jederzeit „We all live in a Yellow Submarine“ singen könnten. Aber manche Lieder sind eben ein wenig diffiziler. Den Text zu „Eleanor Rigby“ muss man erst einmal wieder zusammenkriegen. Jack ist also auch ein Gefäß, ein Kanal, sein Gedächtnis ist Weltkulturerbe. Curtis spielt mit Motiven, die Andy Kaufman in „Being John Malkovich“ vorbereitet hat. Im Rang dieses Meisterwerks sind viele der Ideen von „Yesterday“. Being John, Paul, George & Ringo. Für das „Being John Lennon“ findet „Yesterday“ eine wehmütige Variante. Für den Teufelspakt des Jack Malik hingegen liegt die Lösung nahe, und auch da zeigt sich noch einmal die enorme kulturhistorische Intelligenz von Curtis.

Der Regisseur Danny Boyle wurde 1996 mit dem Drogenfilm „Trainspotting“ berühmt. Mit „Slumdog Millionaire“ hatte er 2008 einen Welterfolg, in dem sich die alten kulturellen Hegemonien recht unreflektiert spiegelten. Zuletzt überraschte Boyle jedoch mit „Steve Jobs“: für das Drehbuch von Aaron Sorkin über drei wegweisenden Stationen auf dem Weg des Produktvisionärs fand er eine kongeniale, brillant interpunktierende Form. Und so verhält es sich nun auch mit „Yesterday“. Der Duktus ist genuin heutig, die Generation, die mit den spielerischen Tools der Wisch- und Like-Erscheinungen aufgewachsen ist, findet hier ein filmisches Idiom. Zugleich aber ist „Yesterday“ dezidiert altmodisch in dem Sinn, in dem die Beatles inzwischen auch nostalgisch gehört werden könnten – also als eine Kunst, die ihr revolutionäres Potential so lange verborgen hält, bis jemand wieder einmal genau hinhört. „Yesterday“ hört so lange genau hin, bis auch „Eleanor Rigby“ wieder alle Reiskörner beisammen hat.

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