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„Red Sparrow“ im Kino : Nur keine Feinheiten

Wenn Gegner einander begegnen: Jennifer Lawrence und Joel Edgerton in „Red Sparrow“ Bild: dpa

Ein Film wie ein Autorennen, bei dem jede zweite Runde zu Fuß bewältigt werden muss: Auch Jennifer Lawrence kann den Spionagestreifen „Red Sparrow“ nicht retten.

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          Früher war sie Ballerina. Jetzt ist sie eine Spionin, ausgebildet in einem für seine Erbarmungslosigkeit gefürchteten Programm des russischen Geheimdienstes. Sie hat gelernt, Feinde zu verführen. Aber eins ihrer Opfer entwickelt echte Gefühle für sie und verdient sich ihr Vertrauen.

          Das ist die Geschichte von „Red Sparrow“, dem neuen Film mit Jennifer Lawrence nach dem gleichnamigen Bestseller-Roman von Jason Matthews aus dem Jahr 2013. Die Filmrechte waren noch vor Erscheinen für einen siebenstelligen Betrag verkauft wurden. Es ist allerdings auch die Geschichte von „Black Widow“, der Superheldin, die 1964 erstmals in einem Marvel-Abenteuer auftauchte und in den „Avengers“-Filmen der vergangenen Jahre von Scarlett Johansson dargestellt wurde. Weitere Vergleiche drängen sich auf: Da Marvel sich den besten, weil klassischsten Namen für diese Figur bereits gesichert hatte, nämlich Natasha Romanova, muss „Red Sparrow“ eben Dominika Egorova heißen.

          Dominika immerhin war tatsächlich Ballerina, während Natasha irgendwann herausfand, dass das nur eine künstlich in ihr Gedächtnis eingepflanzte Erinnerung war. Das wäre allerdings für „Red Sparrow“ auch ein schöner Schlenker gewesen. Denn die wenigen Tanzszenen zu Beginn, für deren Dreh die Ungarische Staatsoper als Bolschoi ausgegeben wurde, stellten die Crew unter Regisseur Francis Lawrence offensichtlich vor Herausforderungen. Schon in „Silver Linings“ musste Jennifer Lawrence tanzen, allerdings auf sehr viel niedrigerem Niveau, und gab freimütig zu, völlig unbegabt zu sein. In „Red Sparrow“ ist das trotz monatelangem Training und einer Primaballerina als Körperdouble nicht zu übersehen.

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          Die Gemeinsamkeiten der Plots sind zwar sonderbar, sprechen aber durchaus nicht gegen den Film. Wenn eine Geschichte so gut ist, dass sie in mehreren Gewändern Erfolge feiert, ist das doch ein gutes Zeichen. Der Kalte Krieg hat niemals geendet, erfährt der Zuschauer, er wird nur verdeckt weitergeführt. Deshalb bildet Russland auch so viele Spezialagenten wie Red Sparrow aus, in einer Institution, die sie später selbst als „Hurenschule“ bezeichnet. Charlotte Rampling gibt dort die eiskalte Matrone, die Schüler zu sexuellen Handlungen zwingt, damit sie ihre Hemmschwellen verlieren. An der Szene, in der sie an einer verschüchterten Schülerin die Manipulation der Brustwarzen lehrt, ist eine großartige Monty-Python-Nummer verlorengegangen. Unabsichtlich erstklassige Satire liefern, das kann auch nicht jeder.

          Während Red Sparrow durch die Hölle geht, erst in der Ausbildung, dann als sexy Waffe, versucht die Regie immer wieder, einen sinnvollen Hintergrund zur Story zu liefern. Das bedeutet leider, dass bräsige Politikgespräche unter Herren (darunter immerhin Jeremy Irons) geführt werden, die den Film ungemein bremsen. Da spürt man sie, die 140 Minuten Filmdauer, weil die Sache nicht richtig in Gang kommt – es ist wie ein Autorennen, bei dem jede zweite Runde zu Fuß bewältigt werden muss. Ansonsten hält sich der Film allerdings nicht mit Feinheiten auf. Beinbrüche, Vergewaltigung, Mord, das wird alles äußerst plastisch unter dem Einsatz von mehreren Hektolitern Kunstblut illustriert. Ständig wird jemand in seinem eigenen Blut aufgefunden; scheußliche Folterszenen kommen dem Zuschauer ganz nah.

          Damit ist „Red Sparrow“ der perfekte Film für Fans von Gewaltdarstellungen, Verschwörungstheorien und sexuell expliziten Szenen. Alle anderen müssen sich 140 Minuten lang an der unbestreitbaren Schauspielkunst von Jennifer Lawrence festhalten. Sie hat für ihren antrainierten russischen Akzent nicht nur Komplimente erhalten, aber die Sinnhaftigkeit der Hollywood-Sitte, russische Figuren in Moskau miteinander Amerikanisch mit russischem Akzent sprechen zu lassen, ist ohnehin zweifelhaft. Trotzdem ist die Oscar-Preisträgerin der helle Kometenschweif in diesem Film, der aus seiner Durchschnittlichkeit einfach nicht herauskommt. Wem das nicht genügt, der muss noch eine Weile auf die Verfilmung von „Black Widow“ warten, für die immerhin schon eine Drehbuchautorin benannt wurde – und schauen, ob Marvel aus der guten Geschichte den besseren Film macht.

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