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„Mary Poppins’ Rückkehr“ : Tanzt, Kinder, tanzt, die Pause war lang

Emily Blunt gibt eine sehr charmante Mary Poppins ab. Bild: AP

Disneykino par excellence: Mit „Mary Poppins’ Rückkehr“ knüpft das Studio an einen Riesenerfolg an und überrascht mit einer Ästhetik, die auch noch nach 54 Jahren verzaubert.

          Wer weiß denn noch, dass die Handlung von „Mary Poppins“, dem Kinderbuchklassiker der australischen Autorin P.L. Travers, in den frühen dreißiger Jahren angesiedelt ist? Niemand mehr, seit Walt Disney sie 1964 in seiner weltweit erfolgreichen, fünffach oscargekrönten Verfilmung in die Zeit kurz vor dem Ersten Weltkrieg verlegte. Die geschäftlichen Sorgen eines wohlhabenden Bankangestellten aus der Londoner City hatten in dieser früheren Epoche einen anderen, harmloseren Hintergrund als im England der Weltwirtschaftskrise, und die spezifische Nostalgie der Inszenierung, ein unentbehrlicher Bestandteil des berühmten „Disney-Touchs“, war durch den größeren zeitlichen Abstand glaubwürdiger, als wenn das berühmte Schornsteinfegerballett über Dächer und Schornsteine hinweg in Depressionstagen angesiedelt worden wäre.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Auch die klassenübergreifende Versöhnung von Kapital (Mr Banks und seine Chefs, die Bankiersfamilie Dawes), Angestellten (die Gouvernante Mary Poppins) und Proletariat (der Schornsteinfeger Bert) im Zeichen von Gesang und Tanz passte besser in eine gute alte als in eine Zeit, von der P.L. Travers beim Abfassen ihres Buches 1934 ja noch nicht wissen konnte, dass sie einmal „Zwischenkriegszeit“ genannt werden würde.

          Lust am Chargieren

          Jetzt kehrt Mary Poppins in einem neuen Film zurück, und diesmal hat das Disney-Studio das Geschehen in den dreißiger Jahren angesiedelt. Denn jetzt braucht man die existenzielle Bedrohung eines Mr Banks, der immer noch das prächtige Haus in der Cherry Tree Lane bewohnt, aber nunmehr als alleinerziehender Vater von drei Kindern auftritt, dem kürzlich die Frau gestorben ist und der nun alles zu verlieren droht. Es handelt sich dabei um Michael Banks, den süßen Jungen des Vorgängerfilms, der nunmehr erwachsen geworden ist und seinem eigenen Vater auch ins Bankhaus Dawes gefolgt ist – das aber mittlerweile von einem gewissen William Weatherall Wilkins geleitet wird, dessen Initialen auf den wenig segensreichen Weg verweisen, den die Wirtschaft in der Zukunft nehmen wird. Colin Firth spielt diesen skrupellosen Bänker mit Lust am Chargieren, während sein Gegenüber Ben Whishaw einen derart grundgütigen Michael Banks verkörpern muss, dass man wieder ans Gute im Kreditwesen zu glauben beginnt.

          Sprung mit Schwung: Lin-Manuel Miranda, Pixie Davies, Joel Dawson, Nathanael Saleh und Emily Blunt (v.l.n.r.)

          Am wichtigsten aber ist natürlich die Titelrolle, und mit Emily Blunt in der Nachfolge von Julie Andrews hat Disney einen Glücksgriff getan. Einen Oscar wie die Kollegin 1965 wird Blunt nicht für ihre Darstellung von Mary Poppins einheimsen, aber sie stellt sich ganz in die Tradition von gerade einmal gelupfter Augenbraue als Missfallenskundgebung gegenüber kindlicher Ungebühr und magischer statt drakonischer Erziehungsmethoden, so dass die drei Banks-Kinder, zwei Knaben und ein Mädchen, sofort für die neue Betreuerin gewonnen sind, die in höchster materieller Not vom Himmel herabschwebt, um ihrem einstigen Schutzbefohlenen ein weiteres Mal beizustehen.

          Dass ihr das gelingt, wird niemanden überraschen. Wie könnte Disney auch etwas anderes als ein Happy Ending aufs globale vor- und nachweihnachtliche Publikum loslassen, wenn der Film heute auf der ganzen Welt zugleich startet? 1964 war „Mary Poppins“ der erfolgreichste Film des Studios, und „Mary Poppins’ Rückkehr“ hat zwar nicht das Zeug dazu, es ihm nachzutun, weil er der heutigen Jugend zu wenig bietet – das braucht Rollenmodelle wie eine Eisprinzessin –, aber doch die Kassen so laut klingeln zu lassen, dass man weitere Fortsetzungen dieser Art erwarten darf. Das wäre ein Gewinn.

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