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„Maria Stuart“ im Kino : Das Ärgste, was wir von ihr wissen

  • -Aktualisiert am

Schnell an der Waffe: Saoirse Ronan als Maria Stuart Bild: Focus Features

„Maria Stuart, Königin von Schottland“ ist der erste Spielfilm der Theatermacherin Josie Rourke – eine hochaktuelle Glanzleistung, die die Regisseurin bis zum Oscar führen könnte.

          „Das Ärgste weiß die Welt von mir.“ So beklagt sich Maria Stuart in der berühmten Szene bei Schiller, in der sie ihrer großen Gegnerin Elisabeth gegenübersteht. „Ich bin besser als mein Ruf.“ Ehrenrettungen für die katholische Königin Schottlands im 16. Jahrhundert hat es auch nach der deutschen Klassik vielfach gegeben. Mary, Queen of Scots, muss aber immer wieder von Neuem aus dem Gestrüpp der Projektionen befreit werden. Oder aus einem Schleierkabinett, wie es sich die englische Theatermacherin Josie Rourke für ihren neuen Film über Maria Stuart und Elisabeth ausgedacht hat. Die beiden Frauen, tödliche Rivalinnen, aber eben auch zutiefst in Widersprüchen verbunden, haben ein Treffen vereinbart.

          Niemand darf davon wissen, die Geschichtsschreiber haben nichts davon erfahren, aber in die Arbeit am Mythos von königlicher Souveränität passt diese Episode ganz vortrefflich. Mary betritt einen Raum, in dem halbtransparente Tücher von der Decke hängen. Irgendwo dahinter befindet sich die Regentin von England. Ein heimliches Gipfeltreffen in einem labyrinthischen Arkanum. Die zwei Körper der Königin zerfließen bei Rourke in das fragile Gewebe einer textilen Spiegelung, die wiederum eine innere Spaltung der Monarchie deutlich macht. Denn der Riss geht durch Gott selbst, und damit durch die zerfallene Welt, in der eine Katholikin und eine Protestantin einander rettungslos antagonistisch gegenüberstehen.

          Josie Rourke wurde nicht wenig gescholten für diese Szene, aber etwas, das die Geschichte ausgelassen hat, macht in der Fiktion als Einfügung durchaus Sinn. Da kann es sogar heute noch helfen, sich auf Schiller zu berufen. Zumal Josie Rourke des Deutschen mächtig ist, wie sie bei einem Gespräch in Berlin vor einigen Tagen andeutete. Vier Jahre hat sie die Sprache gelernt, dann aber als Theaterdirektorin in London doch eher selten gebraucht. Zuletzt hat sie sich 2012 anlässlich von Dürrenmatts „Die Physiker“ wieder einmal ausführlicher mit dem Deutschen beschäftigt. Der Topos, dass ausgerechnet Schiller dieser Sprache eine besonders schöne Ausprägung verliehen habe, ist ihr vertraut. Josie Rourke hält es diesbezüglich aber eher mit Rilke.

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          „Mary, Queen of Scots“ ist ihr erster Spielfilm– ein Stoff, der zugleich so etwas ist wie ein Geschichtsort. Und zwar ein sehr britischer. „Wir sehen Mary immer noch, wie sie uns durch das viktorianische Zeitalter nahegebracht wurde. Sie interessierte mich als Figur, weil sie einerseits so stark romantisiert wurde, aber man hielt sie eben auch für inkompetent. Und zwar aus einem Grund: wegen ihrer Sexualität. Unser Bild von ihr stammt aus einer Ära des Denkens über Frauen, Macht und Sexualität, die dem Fortschritt sehr abträglich war. Ich versuche mich also an einer angemesseneren Version der Ereignisse. Immerhin hat die Renaissance im wesentlichen die moderne Politik erfunden. Es war damals unglaublich schwierig, in Schottland die Macht zu behaupten, und Mary gelang das ziemlich gut. Ich halte sie nicht für inkompetent, und auch nicht für eine Femme Fatale. Von heute aus ist die Frage doch: wenn man Frauen in ihrer ganzen Identität ernst nimmt, also in ihren sexuellen, emotionalen, intellektuellen Dimensionen, wie gut ist das mit einem Machtanspruch vereinbar?“ Von Margaret Thatcher bis zu Queen Cersei aus „Game of Thrones“, von der regierenden Königin Elizabeth II bis zu ihrer fiktionalen Doppel- und Nachgängerin aus der Serie „The Crown“ gibt es für diese moderne Variante der Zweikörperlichkeit jede Menge Anschauungsmaterial. Josie Rourke sieht ihren Film denn auch als einen Integrationsversuch – das, was in der Tradition auseinandergenommen wurde, will sie wieder zusammenfügen: ihre Mary kann zugleich Politikerin sein und ihr Begehren erforschen.

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