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„Macho Man“ im Kino : Ich bin eine Lusche, und das ist auch gut so

Wenn Frauen etwas von ihm wollen, dann reden: Christian Ulmen spielt in seinem neuen Film „Macho Man“ die Misere des deutschen Mannes durch. Als er dann doch seine Traumfrau trifft, gehen die Probleme erst richtig los.

          3 Min.

          Was macht einen richtigen Mann aus? Ist es die heldenhafte Ausstrahlung? Willenskraft? Ein fester Händedruck, gepaart mit einem finsteren Blick, vor dem Widersacher schrumpfen? Christian Ulmen alias Daniel Hagenberger weiß es nicht, und dass der Kölner Werber im Feinrippunterhemd zwischen knackigen Unterwäschemodels das Lichtdouble geben muss, macht die Sache nicht besser. Daniel weiß nur, dass er auf seiner selbsterfundenen Virilitätsskala von Schlumpf bis Batman weit unten rangiert, einsortiert unter knuffig, soft, lieb, hilfsbereit. Wenn Frauen etwas von ihm wollen, dann reden. Bis, ja, bis er die eine trifft. Die Traumfrau, die sich aus unbegreiflichen Gründen in ihn verliebt. Aber dann gehen die Probleme erst richtig los.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Denn die Schöne – dargestellt von Aylin Tezel – ist Türkin, und ihr Clan hat ganz andere Vorstellung von Männlichkeit als sie Daniel von seinen Altachtundsechziger-Eltern eingetrichtert bekam: Was der Kameramann Christof Wahl in seinem Regiedebüt mit „Macho Man“ auftischt, klingt nach einer reichlich abgehalfterten Geschichte, nach Integrationsklamauk mit integrierter Liebeskomödie („Wie der Loser das tollste Mädchen abbekam“), garniert mit Versatzstücken aus der Serie „Türkisch für Anfänger“ und dem Film „Maria, ihm schmeckt’s nicht“, in dem Jan Weiler vor fünf Jahren den hilflosen deutschen Schwiegersohn einer italienischen Großfamilie mimte, und das Ganze vielleicht noch durch den „Fack ju Göthe“-Wolf gedreht.

          Der Mann als Lachnummer

          Stimmt alles und doch wieder nicht. Die Vorlage zu „Macho Man“ lieferte der Kabarettist Moritz Netenjakob mit seinem Romandebüt, in dem er – ähnlich wie Jan Weiler in seinem autobiographischen Roman „Maria, ihm schmeckt’s nicht“ – wohl auch eigene Erfahrungen mit der angeheirateten Familie verarbeitet. Dass Netenjakob mehr kann als nur Pointen dreschen, hat er schon als Drehbuchautor für „Stromberg“ gezeigt. Es reicht ihm oft schon, extrem genau zu beobachten. Der Charme familiärer Culture-Clash-Geschichten liegt ohnehin zu großen Teilen darin, dass man keinen Partner aus einem anderen Land oder Kulturkreis heiraten muss, um sie zu erleben.

          Jede Familie ist ein Kulturkreis für sich. Wenn dazu noch die Nöte eines in seiner Männlichkeit verunsicherten Durchschnittsdeutschen kommen, der nach Jahrzehnten gendergerechter Konditionierung plötzlich als Lusche dasteht, kann gefahrlos eine ganze Batterie von Stereotypen-Witzen aufgefahren werden. Sie verlieren ihre Schärfe ohnehin in We-are-family-Wohlgefallen, und der Mann als Lachnummer hat sich sowieso zum Komödien-Standard entwickelt.

          „Macho Man“ ist nicht der originellste deutsche Film aller Zeiten; alles, was man hier sieht, hat man irgendwie schon mal gesehen, und gegen Ende gleicht das Gagfeuerwerk doch eher einem Knallfroschregen. Doch die Komödie versammelt einiges auf der Habenseite. Christian Ulmen spielt seine Klischeefigur immer wieder als rührenden Charakter, der auf halber Strecke tatsächlich derart zum Macho mutiert, dass man den Schauspieler kaum mehr erkennt. Aylin Tezel sorgt in der Rolle der einzigen Nicht-Witzfigur dafür, dass aus dem Film mehr wird als eine alberne Nummernshow. Die Nebenrollen sind gut besetzt, und wo die Dramaturgie nicht weiter weiß und auf dümmliche Witze setzt (beim ersten Kuss bricht bei Daniel eine fiese Nussallergie aus), retten Kamera, Schnitt und Musik die Story mit der Ästhetik eines Videoclips in die nächste Runde.

          Alice Schwarzer als Postergirl

          Was sich da so locker wegschaut, sagt vermutlich mehr über deutsche Befindlichkeiten aus als viele kluge soziologische Aufsätze. Als Daniel seine Aylin als Animateurin in einem Ferienclub an der Schwarzmeerküste kennenlernt, zucken Bilder von ihr als Audrey Hepburn, Lara Croft und Engel vor seinen Augen. Er selbst, dessen Gedanken wir immer hören – er ist eine Art männliche Bridget Jones –, ist nicht mehr als der sympathische Tölpel. Trotzdem gibt sie ihm ihre Nummer, sie sehen sich in Köln wieder, wo sie als Hebamme arbeitet.

          Wirklich einzusehen ist nicht, warum Daniel den Männlichkeitsrappel bekommt und sich von Cem zum stylishen Typen aufmotzen lässt wie Steve Carell von Ryan Gosling in „Crazy Stupid Love“. Die türkischen Schwiegereltern sind gar nicht so abweisend, Fußball bringt Männer immer zusammen, Türken sind nicht unbedingt schwulenfeindlich und mögen manchmal sogar Griechen, und mit Lukas Podolski und Erdogan Atalay huschen zwei Kölsche Jungs mit Identifikationspotential durchs Bild. Schuld an Daniels Misere sind nur die verklemmten deutschen Eltern, die Probleme mit dem Deutschsein (Nazizeit!) und Männlichkeit (Alice Schwarzer als Postergirl) haben. Aber das Ergebnis der verquasten Schuldpädagogik ist dann doch genau das, was Aylin will. Wir Deutsche, sagt der Film, wollen doch nur eines: dass uns die anderen endlich so liebhaben, wie wir sind.

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