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„Guns Akimbo“ im Kino : Der hat doch einen an der Waffe

  • -Aktualisiert am

Würde die Waffen gerne loswerden: Daniel Radcliffe als Miles in einer Szene des Films "Guns Akimbo" Bild: dpa

Scherenhände waren gestern, jetzt wird geschossen: In „Guns Akimbo“ wird Daniel Radcliffe unfreiwillig in einen Kampf um Leben und Tod verwickelt.

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          Das erste Gebot für einen ertappten Verbrecher im Umgang mit der Polizei lautet: unbedingt die Waffe fallen lassen. „Drop your gun!“ So hat man das im Kino schon unzählige Male gesehen und gehört, und ein junger Mann namens Miles Lee Harris würde dieser Aufforderung auch unbedingt Folge leisten. Das Dumme ist nur: Er kann nicht. Die zwei Schießeisen, mit denen er herumfuchtelt, sind nämlich mit seinen Händen verschraubt.

          Es sieht beinahe so aus wie die Nägel bei dem gemarterten Jesus, nur dass im Fall von Miles die Hände nicht mit einem Kreuz, sondern mit zwei schweren Waffen verbunden sind. Er soll auf diese Weise zur Teilnahme an einem brutalen Spiel gezwungen werden, für das er ganz und gar nicht der geeignete Typ ist: einem Gladiatorenkampf auf Leben und Tod, übertragen in die Weiten des Internets. Ein Shooter-Game mit realen Teilnehmern. Jedenfalls so real, wie man es in einem Film wie „Guns Akimbo“ sein kann, der sich sehr darum bemüht, wie ein Computerspiel auszusehen. Und zwar wie ein altmodisches, aber auch hochbeschleunigtes.

          Miles kann man sich bei so einem Spiel sowohl hinter der Konsole wie hinter den Kulissen vorstellen. Er ist ein „code monkey“, ein unscheinbarer junger Mann in einer Firma, die vor allem ein Handyspiel am Start hat. Eines dieser süchtig machenden Games, bei denen man sich in Süßigkeiten verknallt, weil sie so bunt über das Display flitzen. Abends sitzt Miles auf der Couch, mit grotesken Tigertatzenpantoffeln an den Füßen, und stromert durch das Netz. So stößt er auf SKIZM, ein neues Massenphänomen, bei dem Leute aus aller Welt zwei Kämpfer anfeuern, die einander auf Leben und Tod jagen. Drohnen sind ständig hinter ihnen her, und wenn es zum Showdown geht, schnellen die Einschaltziffern in die Höhe. Wer jemals ein Instagram-Live-Video vor drei Zuschauern gestreamt hat, würde angesichts der Verfolger von SKIZM vor Neid erblassen. Aber der Preis ist halt auch hoch: Der Firnis der Zivilisation wird hier nicht mit der Tastatur und dem Wischdaumen abgeräumt, sondern mit automatischen Waffen und mit schwerem Gerät.

          Im bösen Spiel erwachsen werden

          Die sichere Distanz, auf die sich Miles über SKIZM ereifert, wird dann recht schnell überbrückt. Denn das Spiel kommt zu ihm, es klopft an der Tür, es schickt ein paar Abgesandte, die seine Kommentare nicht auf sich sitzen lassen wollen. Und so findet Miles, der Nerd, dessen Überlebensinstinkte erst so richtig einsetzen, als er schon mit den Faustfeuerwaffen vernietet ist, sich unversehens als der Gejagte in einer Welt wieder, für die er nicht geschaffen wurde. Und zwar in doppelter Hinsicht.

          Denn Miles wird von Daniel Radcliffe gespielt, und das bedeutet, dass die ganze Welt ihm beim Erwachsenwerden zugesehen hat, denn er war Harry Potter in den Verfilmungen der Roman-Saga von J.K. Rowling. Wenn man heute seinen Namen in eine Suchmaschine eingibt, findet man meist schon den immer noch sehr jung wirkenden Anfangsdreißiger mit Bart und Strubbelhaar, der Radcliffe inzwischen geworden ist. Der kleine Junge mit der Streberbrille ist längst Geschichte, wie auch die Schlachten, die er in einem anders virtuellen Universum mit Zauberern geschlagen hat, die vom Nulleins keinen finsteren Schimmer hatten.

          Radcliffe hat seither das gemacht, wozu so mancher Kinderstar sich veranlasst fühlte: Er hat sich Rollen ausgesucht, die deutlich gegen das frühere Image gerichtet waren. So spielte er in „Imperium“ einen rassistischen Glatzkopf, wobei es da noch eine Hintertür gab, denn das war eine Fake-Identität in Diensten des FBI. In „Guns Akimbo“ vertritt Radcliffe nun all die braven Jungs, die nach einem Rahmen für ein paar barbarische Instinkte suchen, natürlich immer im Rahmen der Folgenlosigkeit, die zum Vertrag bei solchen Spielen gehört. Im Kino ist es Ketchup, das man mit blutigen Szenen assoziiert, im Computer weiß jeder, dass ein explodierender Kopf aus Pixeln besteht.

          Ein Film flieht vor sich selbst

          Radcliffe ist aber noch in einer anderen Hinsicht nicht geschaffen für die Welt von „Guns Akimbo“. Denn der neuseeländische Regisseur Jason Lei Howden ruft die Zeichen einer Ära auf, auf die Harry Potter vielleicht sogar eine Art Reaktionsbildung gewesen sein könnte. Man sprach damals von Cyberpunk, als sich die dezidierte Absage an glatte Schönheitsideale mit einem Zukunftsverlust im Zeichen alles kontrollierender Systeme verband. „Guns Akimbo“ sieht streckenweise aus wie ein Irrläufer aus den achtziger Jahren, als man mit wild tätowiertem Gesicht noch auffiel und als Piercings noch kein Massenphänomen waren. Nix, die Gegenspielerin von Miles in SKIZM, ist nun nicht so sehr eine Figur als eine Art wandelndes Graffiti.

          Und irgendwie scheinen die natürlich bösen, vor allem aber lächerlichen Macher von SKIZM auch eine Ahnung von der Drastik ihrer erträumten Marktpenetration zu haben: Sie malen sich „ein Burger King of badness“ aus, also die Abkehr vom Wahren, Guten und Schönen in den Dimensionen von Kettenrestaurants.

          Das ist vielleicht die beste und möglicherweise sogar unbeabsichtigte Pointe in einem Film, dem ansonsten nur eine hektische Flucht nach vorn bleibt. Auf einer großen Leinwand mag die eine oder andere Sequenz gar nicht so übel aussehen, Autos und Leute fliegen immer wieder spektakulär durch die Luft, und als einmal ein Hammer als Notwehrinstrument dienen muss, geben die Bilder mit Röntgeneffekt einen sehr anschaulichen Eindruck von der Wirkung der Schläge. Trotzdem bleibt für Zuschauer, die „Guns Akimbo“ unbefangen, also einfach als Film sehen wollen, wahrscheinlich ein etwas merkwürdiges Gefühl: An welchem Ende der Langeweile soll hier eigentlich der Spaß anfangen? Das „torture porn“Motiv mit den sehr analog maschinisierten Händen von Miles ist da noch das Bild, das man am wenigsten leicht wieder aus dem Kopf bekommt.

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