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Film „Das perfekte Geheimnis“ : Schokoladenhühnchen und Seelenstriptease

Endlich kommt hier mal alles auf den Tisch: Carlotta (Karoline Herfurth) und Leo (Elyas M’Barek) erleben einen unvergesslichen Abend bei Freunden. Bild: Constantin/Lucia Faraig

Handys raus, unsere Beziehungen dauern eh schon viel zu lange: Bora Dagtekins neuer Film „Das perfekte Geheimnis“ ist eine von vierzig Adaptionen einer italienischen Erfolgskomödie.

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          Anfang des Jahres tauchten Videos auf Youtube auf, in denen Leute mit verbundenen Augen Dinge tun mussten. „Bird Box Challenge“ nannte sich das, nach dem Horrorfilm mit Sandra Bullock, in dem sie mit verbundenen Augen durch einen Wald geht, weil jeder verrückt und aggressiv wird, der irgendwelche mysteriösen Wesen sieht, die plötzlich überall sind. Als Höhepunkt dieser Challenge darf der Unfall einer siebzehnjährigen Amerikanerin gelten, die sich beim Autofahren die Mütze über die Augen zog und in den Gegenverkehr krachte. Immerhin wurde niemand verletzt.

          Das kann man allerdings von der nächsten popkulturellen Challenge, die durch „Das perfekte Geheimnis“ auf uns zukommt, nicht behaupten. Das Szenario ist so verlockend, simpel und gleichzeitig spannend, dass es ganz sicher Freundeskreise gibt, die es selbst ausprobieren werden: Sieben langjährige Freunde sitzen zusammen in einer schicken Altbauwohnung und legen ihre Handys auf den Tisch. Alles, was an diesem Abend an Nachrichten oder Anrufen hereinkommt, muss mit allen geteilt werden. Fast jeder wird an diesem Abend verletzt; Liebesbeziehungen zerbrechen und Freundschaften werden geprüft.

          Das Konzept stammt aus der italienischen Komödie „Perfetti Sconosciuti“ von Paolo Genovese aus dem Jahr 2016, die in Italien 2,7 Millionen Besucher anzog, aber Zuschauern im Ausland offenbar nicht zuzumuten war, weshalb die Rechte für Remakes in vierzig Länder verkauft wurden. Achtzehn Adaptionen des Films wurden seither gedreht, die erste stammt aus Griechenland, es folgten unter anderem die Türkei, Südkorea, Mexiko und Russland. Im Juli wurde der Film ins Guinness-Buch der Rekorde aufgenommen, weil er die höchste Anzahl an Remakes erreicht hatte – zu dem Zeitpunkt waren es achtzehn. Das ist ein eher unübliches Verfahren für einen europäischen Film, der üblicherweise in den Nachbarländern nur synchronisiert und dann bei großem Erfolg von Hollywood nachgedreht wird. So war es bei „Bella Martha“, dessen Hauptdarstellerin Martina Gedeck im Remake „No Reservations“ von Catherine Zeta-Jones ersetzt wurde, und bei der französischen Erfolgskomödie „Ziemlich beste Freunde“, die als „The Upside“ mit Kevin Hart und Bryan Cranston neu verfilmt wurde.

          „Ich will deinen Körper“

          Warum es sich hier anders verhält, deutet Bora Dagtekin an, der für die deutsche Version Regie geführt und das Drehbuch adaptiert hat: „Unsere Frauenfiguren sind moderner und haben mehr Ecken und Kanten, während unsere Männerfiguren nicht alle Machos sind wie in den südeuropäischen Remakes.“ Auch die Geheimnisse und Pointen stimmen nicht alle überein. Driftet Europa nun also weltanschaulich so weit auseinander, dass man schon den Spaniern einen italienischen Film nicht mehr zumuten kann?

          Tatsächlich gehört sicher zur Wahrheit, dass das Ensemble deutscher Schauspielstars, die Dagtekin versammelt hat, an den Kinokassen besser performt als eine Riege hierzulande recht unbekannter Italiener. Nach einer ähnlichen Methode verfuhr etwa die Plattenfirma des Sängers Ronan Keating schon in den nuller Jahren: Drei seiner Duette wurden in mehreren Ländern mit einheimischen Sängerinnen neu aufgenommen und veröffentlicht. Hier die Globalisierung, dort die nationale Adaption – der Kulturbetrieb probiert eben verschiedene Wege aus.

          Deshalb bekommen die deutschen Zuschauer es mit bekannten Gesichtern zu tun: Karoline Herfurth und Elyas M’Barek spielen ein Ehepaar, bei dem sie Karriere macht und er die zwei kleinen Söhne betreut. Die Figuren von Jessica Schwarz und Wotan Wilke Möhring erziehen verzweifelt an ihrer Teenagertochter herum, wirken aber ansonsten reichlich abgeklärt. Jella Haase und Frederick Lau geben ein frisch verlobtes Pärchen, für das noch alles rosa aussieht, und Florian David Fitz spielt einen etwas melancholischen Lehrer, der als Einziger allein zum Abendessen kommt. „Ich will deinen Körper“, lautet direkt die erste SMS, die auf einem ihrer Handys eingeht, und von da steigert sich die Wucht der eingehenden Nachrichten beträchtlich.

          Wer welches Geheimnis hat, ist dabei gar nicht besonders interessant – die wahre Spannung entsteht durch das gegenseitige Misstrauen, durch die bösen Blicke, durch die gezischten Bemerkungen. Sehr viel Wein fließt an diesem Tisch, und am Ende schauen die meisten so zerstört drein, wie sie es innerlich sind, vor allem Karoline Herfurth lässt sich wunderbar gehen. Doch obwohl reichlich Geheimnisse aufgedeckt werden, fehlen diesem Kammerspiel die menschlichen Abgründe. Egal wie laut die Freunde sich anbrüllen, man merkt ihnen trotzdem immer noch ihre Universitätsabschlüsse an.

          Im Gegensatz zum Ende des Films ist das Ergebnis der zu erwartenden „Perfektes Geheimnis“-Challenge jetzt schon absehbar: Alle werden dabei merken, wie wenig aufregend nicht nur ihre Freunde, sondern auch sie selbst sind. Kein Streit, sondern überbordende Langeweile, die alle vereint. Vielleicht ist das ja der soziale Kitt, den wir in diesen Zeiten brauchen.

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