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„Das geheime Leben der Bäume“ : Als die Wälder den Menschen verließen

Wer pflanzt, ist doof: Die Eichen übernehmen das, wenn man sie lässt. Bild: Constantin Film/Nautilusfilm

Peter Wohlleben gibt es jetzt auch im Kino: „Das geheime Leben der Bäume“ ist halb Doku, halb Biopic – und voll und ganz ein Deutschlandporträt.

          3 Min.

          Es ist der Bestseller der letzten Jahre: 1,3 Millionen Exemplare hat der Verlag ausgeliefert und einundvierzig Lizenzen ins Ausland verkauft. Die Idee vom Produzenten Friederich Oetker, einen Film daraus zu machen, klingt so schlau wie simpel. Schließlich stehen die Nebendarsteller einfach im Wald herum, verlangen keine Gage und machen keine Zicken. Und der Hauptdarsteller, der Förster und Autor Peter Wohlleben, ist inzwischen mediengestählt: Gleich die erste Szene zeigt ihn, wie er im Radio erklären muss, welcher Baum er gerne wäre und warum.

          „Das geheime Leben der Bäume“ war nicht etwa das erste Buch von Peter Wohlleben, sondern das sechzehnte. Aber seine Mission war immer die gleiche: Menschen den Wald nahebringen. Aufklären. An ihre Emotionen appellieren. Der Film übernimmt diese Mission, und er macht es gut, indem er Wohlleben viel Platz für seine persönlichen Erfahrungen lässt. Der Förster berichtet, wie er seinen ersten Job antrat und nach einer Weile merkte, dass er sich nicht um den Wald kümmern sollte, sondern vor allem um das Fällen von Bäumen. „Das ist nicht Försterei, das ist Holzindustrie“, sagt er. Und: „Wer pflanzt, ist doof.“ Weil die Bäume sich selbst aussäen, mehr als ein Dutzend Setzlinge pro Quadratmeter zählt er an einer Stelle. Dass für jede verkaufte Kinokarte zu diesem Film ein Baum gepflanzt wird, birgt also eine leise Ironie.

          Ein irres Schauspiel

          Anderthalb Jahre lang ist der Drehbuchautor und Regisseur Jörg Adolph dem Förster gefolgt. Wir sehen Wohlleben, wie er internationalen Besuchergruppen das Wachstum der Bäume erklärt, wie er in Polen seine Bücher signiert, wie er bei einer Demo gegen die Abholzung des Hambacher Forsts spricht und wie er Kindern erklärt, warum es den Tieren keine Angst macht, wenn sie im Wald laut schreien. Dazwischengeschnitten sind Aufnahmen des Naturfilmers Jan Haft, die der Dokumentation einen großen Frieden verleihen. Es ist ein seltsamer Effekt, dass eine Zeitrafferaufnahme von Farnen, wie sie wachsen und ihre Triebe ausrollen, wie eine meditative Zeitlupe wirkt.

          Weil jeder Film einen Antagonisten braucht, findet sich auch hier einer: der Harvester, der wie ein kleiner Bagger in den Wald walzt, Bäume in Sekundenschnelle umsägt und gleichzeitig mit seinem Greifarm festhält, daraufhin die Äste rundherum absägt und den Stamm verladefertig portioniert. Es ist ein irres Schauspiel, ihm dabei zuzusehen, eine Hochleistungsschau des Ingenieurwesens. Aber das Gerät ist schwer, seine Reifen verdichten die Erde, die anschließend bis in mehrere Meter Tiefe kein Wasser mehr aufnehmen kann. Wo ein solcher Harvester herumgefahren ist, können die Pflanzen, die danach noch stehen, also einfach verdursten.

          Förster an Baum: Peter Wohlleben in einer Szene des Films

          In Wohllebens Wald dagegen werden Bäume mit der Axt gefällt und dann von einem Pferd weggezogen. Das Gut-Böse-Schema bietet sich also an, aber Wohlleben selbst geht nicht darauf ein. Er unterscheidet einfach nur zwischen Wald und Plantage: Monokulturen, bei denen die Bäume gleich alt sind, seien nun mal kein richtiger Wald. Man könnte hinzufügen: Was bringt einem ein Wald, ob richtig oder nicht, wenn die schnell in die Höhe geschossenen Bäume schließlich abgeholzt werden und nur ein Acker zurückbleibt? Die Deutschen lieben ihre Wälder, aber nicht um deren Effizienz willen.

          Wir sehen Peter Wohlleben, wie er über all diese Dinge bei einem Diavortrag spricht, und es wird unübersehbar: Eigentlich ist dieser ganze Film wie ein sechsundneunzig Minuten langer, sehr schön anzusehender Diavortrag. Machart und Motive sind von einer so wunderbaren Piefigkeit, dass man diese Dokumentation als kulturelle Schulung für Expats in Deutschland einsetzen könnte.

          Da werden unironisch Kapitelnamen aus dem Buch abgefilmt, um den Film inhaltlich zu unterteilen. Der Förster trinkt aus einer Tasse mit Blumenranken und Goldrand, auf der „Peter“ steht. Auf seinem Schreibtisch liegt ein Montblanc-Füller, eine Insignie der Wohlhabenden, aber im geöffneten Futteral und scheinbar unbenutzt, warum den guten Füller benutzen, wenn man überall Kugelschreiber geschenkt bekommt? Neben der Haustür steht ein Reisstrohbesen. Den einzigen kleinen Stilbruch stellt es dar, dass wir Peter Wohlleben in der Badewanne liegen sehen, etwas zu sehr aus der Nähe gefilmt, um nicht zudringlich zu wirken, aber auch das ist ja irgendwie sehr deutsch, dass ein Teil der Bevölkerung sich nackt an den See legt und der andere Teil verzweifelt wegguckt.

          Nach dem Dokumentarfilm verlässt man das Kino innerlich durchgewärmt, halb informiert, vor allem aber ins Grün verliebt und durchaus alarmiert. Dass die Nadelbäume, die aus der Taiga stammen und es kühl und feucht brauchen, bei uns wegen des Klimawandels nicht mehr lange überleben werden, sieht Wohlleben immerhin entspannt. Er setzt auf die einheimischen Laubbäume wie die Buche, auch er selbst wäre am ehesten eine Buche, wie er im Radio sagt: Weil sie einen harten Kern hat und er sie für einen sozialen Baum hält. Wenn man esoterisch genug auf die Welt schaut, ist eben sogar ein Wald eine Familie, in der man sich unterstützt.

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