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Spielfilm „Beautiful Boy“ : Der Junge in höchster Gefahr

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Ein Übriggebliebener: Timothée Chalamet als Nic Sheff. Bild: Francois Duhamel

Hier wird fast alles einem großen Gefühl geopfert: Felix van Groeningens Spielfilm „Beautiful Boy“ erzählt eine Vater-Sohn-Geschichte, die unter Drogeneinfluss steht.

          Irgendwo ganz im Inneren des Gehirns gibt es einen Kern mit einem schönen Namen: Amygdala. Der Mandelkern. Der altgriechische Wohlklang ist trügerisch, denn in der Amygdala sitzt die Angst. Inzwischen können die Ärzte die Angst sogar sichtbar machen. Dann flackert auf dem Bild ein hässlicher Fleck, wie ein Warnsignal aus dem Innersten der Identität. Der Journalist David Sheff kommt auf die Amygdala, weil er verstehen will, was mit seinem Sohn geschieht. Nic ist ein Junge mit den besten Voraussetzungen. Er könnte sich zwischen den besten Schulen entscheiden, ihm stehen alle Wege ins Leben offen. Aber er zieht es vor, sich zu zerstören. Nic ist drogensüchtig, die Metamphetamine, die er nimmt, zählen zum Gefährlichsten, das der schwarze Markt zu bieten hat.

          War da irgendwann einmal eine freie Entscheidung, aus der bald eine Reihe von Zwangshandlungen wurde? Der Film „Beautiful Boy“ von Felix van Groeningen sucht nach einem Weg zum Kern eines unerreichbaren Phänomens. David Sheff müsste für seinen Sohn eigentlich eine Vermisstenanzeige aufgeben, auch wenn der bei ihm am Tisch sitzt. Zwischen ihnen steht auch ein nagender Verdacht: Nic könnte die eigene Familie bestohlen haben. Van Groeningen ist Belgier, er wurde 2009 mit „Die Beschissenheit der Dinge“ bekannt, 2012 erzählte er mit „The Broken Circle“ von einer großen Liebe und einem herzzerreißenden Verlust. Seinen Hang zum emotionalen Überschwang hat der Regisseur für seinen ersten Film in Amerika nicht abgelegt: „Beautiful Boy“ beschwört einmal mehr einen „zerbrochenen Kreis“, eine innige Einheit, in der sich Abgründe auftun.

          Der junge Mann in höchster Gefahr ist natürlich auch die Attraktion des Films.

          Das Drehbuch kann sich auf eine zweifache Vorlage berufen, denn sowohl David wie auch Nic Sheff haben ihre Version der Geschichte aufgeschrieben. David Sheff ist von Beruf Journalist, sein Umgang mit der Sucht des Sohns hat deswegen auch etwas von einer großen Recherche. Eigentlich ist es aber einfach nur common sense, was ihn bewegt: Er möchte verstehen, was da vor sich geht, deswegen sitzt er immer wieder vor Ärzten und Therapeuten, bekommt dabei aber auch notgedrungen mit, dass jeder Experte einen eigenen Ansatz hat. Für den Schauspieler Steve Carell, der eigentlich aus dem komischen Fach kommt („The Office“), ist die Rolle des David Sheff eine dramatische Bewährungsprobe, der allerdings Tiefe fehlt. Denn Van Groeningen interessiert sich weder für die Dimensionen dieser Figur, noch hilft die sprunghafte Dramaturgie zu einem besseren Verständnis. Offensichtlich soll „Beautiful Boy“ etwas von dieser Erfahrung eines Malstroms vermitteln, von immer neuen Rückfällen und Enttäuschungen, von Hoffnungslosigkeit, die durch Kindheitserinnerungen noch schmerzhafter wird.

          In einem Dialog zwischen David und Nic deutet sich immerhin an, was diese Suchtgeschichte als Familiengeschichte so brisant macht: Der Vater hat selbst seine Erfahrungen mit Drogen gemacht, er kommt aus der freizügigen West-Coast-Kultur und ist, mit dem Haus im Marin County und zweiter Frau, einer Malerin, so etwas wie ein bürgerlich gewordener Beatnik. Warum löste sich bei ihm alles gut auf, während es Nic ins Nichts zieht?

          Was die Geschichte brisant macht: Der Vater hat selbst seine Erfahrungen mit Drogen gemacht.

          Darauf gibt es keine Antwort, es sei denn, man könnte diesem Flackern in der Amygdala irgendetwas zuordnen, einen blinden Fleck in der Familie oder ein Geheimnis von Nic. Der junge Mann in höchster Gefahr ist natürlich auch die Attraktion des Films. Wobei sich hier die Besetzung als besonders glücklich erwies, denn Timothée Chalamet hatte 2018 mit „Call Me by Your Name“ seinen großen Durchbruch, inklusive Oscar-Nominierung. Und man sieht in dem kalifornischen Idyll, aus dem Nic ausbricht, immer auch noch einen Nachglanz des italienischen Sommers, aus dem Chalamet kommt.

          Dieser Glanz kommt in „Beautiful Boy“ auch aus den Familienfotos und Kindheitsszenen, die auf eine Zeit verweisen, in der die Familie von Nic noch zusammen war. Er ist ein Scheidungskind, ein Übriggebliebener, der sich in eine Patchworkfamilie integrieren muss – es gibt in dieser Konstellation zumindest Vergleichsmomente mit dem Film „Ben Is Back“, der seit einigen Wochen im Kino ist, und in dem Julia Roberts eine ähnliche Rolle hat wie Steve Carell in „Beautiful Boy“.

          Bei Felix van Groeningen gewinnt man allerdings relativ schnell den Eindruck, dass er sich für die Erfahrungen von David und Nic Sheff ohnehin nur insofern interessiert, als sie ihm Anlass für ein großes Gefühl geben – und dieses Gefühl beschwört er vor allem musikalisch herauf. „Beautiful Boy“ wirkt wie eine Anthologie aus erlesenen Popsongs, die alle von Schutzbedürftigkeit und Unschuld erzählen („Protection“ von Massive Attack, „Heart of Gold“ von Neil Young) und hier gnadenlos in einen Zusammenhang gezwängt werden, der schließlich alles in Pathos ertränkt: mit der Engelsstimme aus Góreckis Dritter Symphonie will van Groeningen gar nicht mehr aufhören.

          Er weiß natürlich, dass die Musik ein Königsweg in die Gehirnregionen ist, in denen die Belohnungen ausgeschüttet werden. Aber so, wie Crystal Meth bald einmal die Nervenenden verödet, geht „Beautiful Boy“ grobmotorisch ans Gemüt. Die rätselhaften Signale aus der Amygdala werden nicht in Bilder übersetzt, sondern übertönt.

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