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„X-Men: Dark Phoenix“ im Kino : Wie man Flügel zerbricht

Sophie Turner strahlt als Jean Grey, aber leider in einem einfallslosen Film. Bild: dpa

Der Superheldenfilm „Dark Phoenix“ hätte die Krönung der „X-Men“-Serie werden sollen. Quellenmaterial und Schauspielensembles hätten das hergegeben, aber der Film ist blamabel.

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          Zuerst die uninteressante Nachricht: Ein Regisseur namens Simon Kinberg hat nach eigenem Drehbuch einen dieser Filme gedreht, in denen Übermenschen mit einer Handbewegung Eisenbahnwaggons zerdrücken, Getränke schockgefrieren und gesalzenes Feuerwerk schmeißen. Jetzt die traurige Nachricht: Das rund zweistündige Computerbild-Varieté von der Stange, das bei Kinbergs Spielfilmdebüt-Bemühungen herausgekommen ist, soll eine Verfilmung der „Dark Phoenix Saga“ sein, verfasst von Chris Claremont, einem der einfallsreichsten Comic-Autoren, die das Handwerk je ausgeübt haben, und ins Bild gesetzt von John Byrne sowie Terry Austin, zwei Künstlern, die Claremonts Text auf allen bildsprachlichen Ebenen des Mediums („Schnitt“ zum Beispiel heißt im Comic: Umblättern) ebenbürtig begegneten.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Damals, vor rund vierzig Jahren, blieben Teenager nicht wegen Umweltaktivismus, sondern aus Kummer übers Schicksal der Heldin Jean Grey am Tag nach Erscheinen der betreffenden Ausgaben von „Uncanny X-Men“ der Schule fern, denn Claremont ließ diese von Gleichaltrigen heißgeliebte Gestalt einen Höllensturz erleiden, der von der Macht erzählt, die nötig ist, Gutes zu tun, und von der Schuld, ohne die Macht nicht zu haben ist.

          Statt Solidarität nur ein stupider Stammeskrieg

          In Claremonts „Dark Phoenix“ sieht man (im Sinne einer Anklage) auch die Opfer jener Übermächtigen, deren Taten in Superheldencomics sonst immer nur glorifiziert werden. Wiedergutmachung, zeigt die Story, ist oft unmöglich, zum Beispiel, weil man sich mit Ausgelöschten nicht versöhnen kann. Was da zwischen Januar und Oktober 1980 bei Marvel erschien, war natürlich kein Adorno-Aufsatz über die Kosten des Heroismus, sondern eine Sprechblasenoper für Jugendliche – aber doch eine, die keine Angst davor kannte, Fragen zu stellen, die das Genre sonst mit seinem Effektzauber überbrüllt.

          Davon bleibt bei Herrn Kinberg nur eine Schablone namens „wir gegen die“ übrig, an der sich linksliberale Selbstgerechtigkeit („die“ sind dann „die Nazis“) ebenso erbauen kann wie verstockte Xenophobie („die“ sind dann eben „die Kulturfremden“).

          Die widersprüchliche, nämlich teils im jüngeren Wortsinn „identitätspolitische„ (es gibt X-Men aus allen denkbaren Ethnien, mit verschiedensten Liebesorientierungen und so fort), teils aber auch auf universalistische Solidaritätsideen gegründete X-Men-Prämisse, die seit Erfindung dieser Figuren lautete: “Sie sind anders als die Mehrheit, jede und jeder unvergleichlich, aber sie halten zusammen und retten sogar die Menschen, die vor ihnen Angst haben“, reduziert dieser Film auf stupide Stammeskriegsspiele (dass man in der Gegenwart den Geist Claremonts und derer, die mit ihm gearbeitet haben, durchaus in neue Formen gießen kann, ohne ihn zu verfälschen, zeigt im Gegensatz zu Kinbergs Debakel die von Fox produzierte Fernsehserie “The Gifted“).

          Auf dem Filmtiefpunkt von „X-Men: Dark Phoenix“ werden „die“ reihenweise niedergemacht wie „Wilde“ selbst im Western längst nicht mehr. Der Text, den Kinberg und Konsorten da schänden, ist zwar ohnehin eine Nummer zu groß für Popcornkino, aber dass und wie sich diese Leute an „Dark Phoenix“ einen Bruch heben, blamiert sie insbesondere angesichts der Tatsache, dass ein Ensemble verfügbar war, das einen sehr viel besseren Film hätte tragen können: Sophie Turner überstrahlt als Jean Grey ihre Rollenvorgängerin Famke Janssen aus älteren X-Men-Filmen, indem sie der schwierigen Figur geduldig und liebevoll ein Spektrum von Zornfeuer bis Trauersturmflut erarbeitet, Michael Fassbender gestaltet seinen Erik Lehnsherr als Wehrturm aus Brüchen und Narben, und Jessica Chastain sucht ausdauernd einen Sinn in ihrer Aufgabe als inhumane Schurkin. Aber es ist halt keiner da – und bei all dem Geld, das der Film wohl gekostet hat, kein einziges Bild, das Claremonts Schreibmaschine, Byrnes Bleistift oder Austins Tusche gerecht würde.

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