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Filmkritik: World War Z : Der Virus, bei dem man mit muss

  • -Aktualisiert am

Wenn ich gewusst hätte, was auf uns zukommt, ich hätte alle meine Mails und SMS freiwillig in Kopie an die NSA geschickt - Brad Pitt bedauert von Herzen die Ohnmacht des Staates gegen die Untoten Bild: Paramount Pictures/Buitendijk

Für Trägheit fehlt selbst Zombies heute die Zeit. In „World War Z“ bringt Brad Pitt sehr viele Untote zum Tanzen. Eine echte Aufgabe für Hipster.

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          Auch der Zombie geht mit der Zeit. Gehen kam deshalb früher nicht in Frage, auch schreiten, spazieren oder schlendern waren nicht im Repertoire. Der Untote taumelte und stolperte, weil sich das Horrorkino bis in die neunziger Jahre den bewusstlosen Zeitgenossen eben auf diese Weise ausmalte: das moderne Subjekt, innerlich abgestorben und nur noch von Konsum gesteuert.

          Jetzt sind die Zombies schnell geworden, sie flitzen durch die Welt als panische Masse, die mit ihrer Hysterie die Umwelt infiziert. Zombies, so begreift man mit „World War Z“, sind die zeitgemäße Verkörperung des Shitstorms, die pathologischen Ausläufer der viralen Idee.

          Ein erhabener Filmheld

          Der passende Held zu so einer Bedrohung wird nicht mehr der Quadratschädel mit Spaltkinn und Machokörper sein, sondern ein Intellektueller. Liberal ist er, aber pragmatisch begabt und natürlich kreativ. Wenn die Welt im einundzwanzigsten Jahrhundert untergeht, und das tut sie in Marc Fosters Film im ganz großen Stil, dann schlägt die Stunde des wehrhaften Hipsters.

          Der Weltkrieg der Zombies: Hier attackieren sie einen israelischen Schutzwall

          Das Filmplakat zu „World War Z“ zeigt das schon sehr gut: Brad Pitt mit fransiger Posthippiefrisur, Fusselbart, Jeans und schlunzigem Hemd, also in der Montur eines Silicon-Valley-Erfolgsmenschen, nur die Kastenbrille fehlt (really, Kai Diekmann?). Dieser Mann schaut von erhöhtem Standpunkt aus, den er im Film grundsätzlich einnimmt, moralisch und auch konkret qua ausgiebigen Flugreisen (Miles & Gore, das Programm für abgehobene Apokalyptiker) in eine zerfallende Welt, als ob er sagen wollte: Echt, Leute, das ist der letzte Schrei der Aufklärung? Und dafür haben wir die ganzen Jahre Tofu gegessen, Chomsky gelesen und grün gewählt?

          Jettet er also durch die Welt, im Auftrag der amerikanischen Restregierung, auf der Suche nach dem Ursprung des Virus. Korea, Moskau, Jerusalem, schließlich England, weil in einem WHO-Forschungszentrum die Lösung liegt.

          Sie liegt da wirklich, in Form von Reagenzgläsern, aber was drin ist, in den Phiolen, das ist auch eine Lösung für die ideologischen Probleme, die moderne Gesellschaftssysteme und ihre Akteure so an der Backe haben. Wenn man mehr verrät, ist die Pointe futsch, nur so viel: Die sehr ambitionierte Idee, mit den Mitteln des Apparats gegen den Apparat anzudenken, kriegt hier eine drastische Entsprechung auf biochemischer Ebene.

          Wie Twitter und Facebook Flächenbrände entfachen

          Und die Zombies? Sind das nun die viral aufgeladenen Wutbürger, die in Massen über die Stränge schlagen? In Zeiten der weltweiten Proteste, siehe Türkei, Syrien, Brasilien, wäre dies ein passendes Menetekel.

          Warnung: Die per Twitter und Facebook angefachten Flächenbrände der sozialen Entrüstung führen zu bürgerkriegsähnlichen Szenarien! Warnung: Wenn in China so ein Shitstorm losbricht, ist das schon quantitativ nicht mehr zu stoppen! Warnung: Gegen solche Unruhen werden die Arbeiteraufstände des neunzehnten Jahrhunderts wirken wie gut organisierte Kaffeekränzchen. Mediale Vernetzung kann zu Nihilismus und Zombifizierung führen!

          Der moderne Mann als Weltbürger?

          Nur weil da ein skeptischer Liberaler mitmacht, muss die Dramaturgie also noch lange nicht avanciert sein. Man kann sich auch fragen, warum ausgerechnet Jerusalem so furchtbar geschleift werden muss. Warum am Knotenpunkt der Weltreligionen die Zombies von den Stadtmauern fallen wie Heuschrecken vom Himmel. Sieht so ein Alb der Ultraorthodoxen aus? Der Zombie als gottgesandte Plage?

          Und wie steht es eigentlich um den nun wirklich heimatlos gewordenen Weltbürger, dargestellt von Hipster-Pitt? Eingeführt wird er als gleichstellungserprobter moderner Ehemann. Er bringt die Kinder in die Schule, vorher macht er Hausarbeit. Bezeichnender Moment: Die Kids tricksen ihn aus, und er muss nach dem Frühstück die Spüle einräumen.

          Massenflucht und Panik: Ein Infizierter hat es über die Schutzmauer geschafft

          Das ist nun mal elastische Männlichkeit: Sachverständiger für Katastrophenfälle und postheroischer Manager der Privatsphäre. Dass so einer dann hinausdarf in die Welt jenseits von Elternabend und Achtsamkeitsseminar, das hat was von Befreiung. Und dass der Film ihm eine Soldatin zur Seite stellt, die schnurstracks zwecks Infektionsvermeidung verstümmelt wird, das ist auch irgendwie pikant. Die alte Kommandostruktur, zu Hause nivelliert durch feministisches Easy-Going, kehrt im Ausnahmezustand zurück. Nur zu Hause anrufen muss man weiterhin, mit nervtötend anfälligen Satellitentelefonen.

          Brad Pitt ist der neue, sensible, experimentierfreudige Mann, der es gleichzeitig zum Superstar geschafft hat. Zwischen Kino, Kita und Kunstgalerie spannt sich diese Existenz aus, so vermittelt es jedenfalls der Boulevard.

          Die Apokalypse ist spürbar und die Welt gerät in Panik

          Der Umgang mit Zombies wirkt da entlastend. Auf Einfühlungsvermögen, emotionale Intelligenz und Empathie darf getrost verzichtet werden. Im Angesicht der zerfallenden Leiche ist deine Identität wieder erstaunlich scharf konturiert. Und weil die Biester so schnell geworden sind, hält dich das auf Trab. Beschleunigtes Leben. Aber echt!

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