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Filmkritik „Vivere“ : Deutsche Frauen machen, was sie wollen

Drei unbändige Frauen auf dem Weg nach Rotterdam: Hannelore Elsner, Kim Schnitzer, Esther Zimmering. Das deutsche Kino erlebt mit „Vivere“ seine zweite Sternstunde in diesem Jahr.

          Eine Sternennacht im winterlichen Rotterdam. Unter dem Himmelszelt liegen drei Frauen in der Kälte und starren ans Firmament. Selbst das Universum, sagt die eine, wird einmal untergehen. „Das klingt aber ein bisschen sinnlos“, sagt die andere. Und nach einer Pause: „Aber irgendwie gefällt es mir auch. Man muss sich eben um alles selbst kümmern.“

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Diese Szene gleich am Anfang von Angelina Maccarones Spielfilm „Vivere“ wird sich mit jeweils anderem Wortlaut noch zweimal wiederholen. Sie dient als Scharnier zwischen den drei Episoden des Films. Wobei „Episoden“ so verstanden werden muss, wie die Filmgeschichte es in Kurosawas „Rashomon“ kennengelernt hat: als individuelle Blickwinkel auf dasselbe Geschehen. Dadurch entstehen jeweils ganz neue Geschichten, und auch wenn Maccarone nicht die Unvereinbarkeit der einzelnen Episoden zum Gegenstand ihres Werks macht, wie Kurosawa es bei „Rashomon“ getan hat, so ist doch verblüffend, an wie vielen Stellen der sich perfekt ergänzenden Teile sie doch kleine Modifikationen in Abläufen und Dialogen vornimmt, so dass ungeachtet der inhaltlichen Geschlossenheit des Ganzen jede der drei Frauen ihre eigene Betrachtungsweise zugesprochen bekommt.

          Durchgebrannt nach Rotterdam

          Die drei Frauen heißen Gerlinde, Francesca und Antonietta. Letztere sind Schwestern, vierundzwanzig und siebzehn Jahre alt. Zu Hause sind sie in einer großen Wohnsiedlung in Pulheim bei Köln, und die rheinische Provinz hat ihnen nichts zu bieten. Francesca organisiert den Haushalt und fährt Taxi, um den Lebensunterhalt der Familie zu sichern. Vater Enrico Conchiglia ist bereits vor anderthalb Jahrzehnten von seiner Frau verlassen worden und klammert sich seither umso mehr an die beiden Töchter: „Deutsche Frauen machen, was sie wollen“, stöhnt er und sieht dementsprechend die aushäusigen Interessen der von ihm bevorzugten Antonietta mit Sorge. Auch darum hat Francesca sich zu kümmern.

          An Heiligabend brennt Antonietta mit ihrem Freund, einem holländischen Rockmusiker, nach Rotterdam durch, und Francesca fährt ihr mit dem Taxi nach. Auf der Fahrt in die niederländische Hafenstadt findet sie in einem Unfallwagen die sechzigjährige Gerlinde, die sie fortan nicht mehr los wird. Wie der Verlauf des Films zeigen wird, hängt der Unfall von Gerlinde mit der durchgebrannten Antonietta zusammen, aber da die stolze Frau zunächst kein Wort mit Francesca wechselt, bleibt ihre Fahr- eine Zweckgemeinschaft, deren Grundlage beiden unklar ist und die in Rotterdam auch wieder zerfällt. Dennoch kreuzen sich hier die Wege der drei Protagonistinnen immer wieder, bis sie gemeinsam unter den Sternen liegen.

          Die Männer versagen

          Angelina Maccarone hat zuletzt zwei Filme gedreht, die jeweils faszinierende Frauenfiguren boten: „Fremde Haut“ mit Jasmin Tabatabai und „Verfolgt“ mit Maren Kroymann. Tabatabai spielte eine junge Iranerin, die in eine männliche Identität schlüpft, Krojmann eine Vollzugsbeamtin, die sich in einen minderjährigen Strafgefangenen verliebt. In „Vivere“ hat Maccarone das männliche Element nahezu beseitigt, auch wenn Enrico Conchiglia und der junge Musiker Snickers jeweils wichtige Anstöße geben - durch ihr Versagen in den Männerrollen als Vater und Geliebter. Umso faszinierender werden die drei Frauen inszeniert.

          Das stark autobiographisch bestimmte Drehbuch zu „Vivere“ wurde von Maccarone vor sechs Jahren geschrieben, und schon damals hatte Hannelore Elsner ihre Bereitschaft bekundet, den Part der älteren Frau zu übernehmen. Das dürfte eine schwere Entscheidung gewesen sein, denn die Rolle verlangt einen mutigen Umgang mit den Verfallserscheinungen des Alters. Allerdings hatte Hannelore Elsner im Jahr 2000 in Oskar Roehlers „Unberührbarer“ einen gegen sich ähnlich rücksichtslosen Auftritt, und in den Jahren, die Maccarone um die Finanzierung von „Vivere“ kämpfen musste, drehte die Schauspielerin unter Rudolf Thome vier Filme, die zwar ihre Schönheit betonten, aber doch auch schon das Thema des Alterns anklingen ließen - und an ihrem populären Gesicht vorführten.

          Deutschlands beste Kamerafrau: Judith Kaufmann

          Hier allerdings ist sie zudem konfrontiert mit der strengen Schönheit von Esther Zimmering als Francesca, die ihrer Rolle, die man nicht anders als mit Homer als „herrliche Dulderin“ charakterisieren kann, in jeder Nuance Glaubwürdigkeit verleiht. Und auch Kim Schnitzer gibt ihrer Antonietta genau jenes wohlfeil schmollende Rebellentum mit, das einer Halbwüchsigen entspricht, die unter väterlichen Fittichen vom wilden Leben in der großen Welt träumt. Wie souverän diese beiden jungen Akteurinnen gegen die Grande Dame Elsner bestehen, das ist das eine der beiden Ereignisse von „Vivere“.

          Das zweite und noch größere sind die Bilder von Judith Kaufmann, der zur Zeit zweifellos besten Kamerafrau in Deutschland. Wie sie die Kleinstadttristesse von Pulheim und die spektakuläre Hafenarchitektur von Rotterdam einfängt, wie sie durch Farben, Kamerabewegungen und Einstellungen jeder der drei Episoden einen der jeweiligen Protagonistin entsprechenden Bildcharakter verleiht, wie sie die Nacht fotografiert - egal, ob auf Autobahnen oder in Clubs -, das ist einfach nur grandios zu nennen. Dass sie überdies auch noch an der Endfassung des Drehbuchs mitgearbeitet hat, zeigt, dass Kaufmann viel mehr ist als eine formidable Handwerkerin. Bei diesem Film, der ästhetisch an Fassbinders gelungenste Werke erinnert, ist sie erkennbar so sehr Antreiberin gewesen wie Maccarone oder Elsner: weil sie sich um alles kümmert. Das deutsche Kino hat dadurch spät im Jahr nach Christian Petzolds Berlinale-Beitrag „Yella“ seine zweite Sternstunde hervorgebracht.

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